Portrait

Aus Liebe

In Zürich verbindet eine junge Frau ihre Berufung als professionelle Ballett-Tänzerin mit ihrer Spiritualität. Elizabeth Wisenberg erzählt von der gegenseitigen Befruchtung zweier Leidenschaften.

Sie kauert am Boden und streckt sich aus. Streckt sich. Streckt sich, so weit sie kann. Mit ihren Armen in seine Richtung.

Er sitzt da, schaut in eine andere Richtung, blickt zu Boden. Unerreichbar.

Ein Dritter kommt. Betritt die Bühne. Im Tanzschritt auf die Sitzende zu. Mit nur einer Drehung erreicht er sie.

Er ist gekommen, sie aufzurichten. Nun steht sie da. Die Arme immer noch ausgestreckt. Zu ihm hin, dem Abgewandten. Der Dritte jedoch, liebevoll in seinen weichen Bewegungen, überwindet die Distanz. Spielerisch bewegt er sich auf den Abgewandten zu. Und dann hat er auch ihn auf seine Beine gestellt, der plötzlich Schritte machen kann, erst schwer, dann immer leichter.
Schliesslich stehen sie sich gegenüber, sie und er, sie strahlt ihn an, er ist ihr schüchtern zugewandt. Und wie sie tanzen, die beiden, die sich zunächst unerreichbar waren, zieht er sich zurück, dieser Dritte, der gekommen war, sie aufzurichten.

Es sind innere Bewegungen des Glaubens, die auf einer schlichten Bühne im Pfarreizentrum St.  Anton getanzt werden. Suche, Sehnsucht, Ringen, Enttäuschung, Erfüllung, Freude, Zuversicht, Fragen und wieder von Neuem beginnen – die Gefühle gehen vom einen ins andere über, fliegen mit gekonnten Tanzschritten über das Parkett.
Es geht um Erfahrungen, die alle gläubigen Menschen kennen. Die Musik trägt von einer Empfindung in die nächste, acht Stücke aus dem klassisch-geistlichen Repertoire. Und die drei Tanzenden, schlicht und ungeschminkt in ihrer Inszenierung, echt und authentisch im Ausdruck. Kevin Pouzou, Filipe Portugal und Elizabeth Wisenberg sind Mitglieder des «Ballett Zürich des Zürcher Opernhauses». Sie stehen für «ballarefidei», ein Tanztheater, das Spiritualität tänzerisch zum Ausdruck bringt. Das Herz dieser Gruppe ist Elizabeth Wisenberg, die auch aktives Mitglied in der Pfarrei St.  Anton ist.

Elizabeth Wisenberg mit Alexander Jones in «Romeo und Julia» unter der Regie von Christian Spuck auf der Opernbühne Zürich.

Elizabeth Wisenberg mit Alexander Jones in «Romeo und Julia» unter der Regie von Christian Spuck auf der Opernbühne Zürich. Foto: Gregory Batardon, Ballett Zürich / zvg

Elizabeth Wisenberg mit Alexander Jones in «Romeo und Julia» unter der Regie von Christian Spuck auf der Opernbühne Zürich.

Elizabeth Wisenberg mit Alexander Jones in «Romeo und Julia» unter der Regie von Christian Spuck auf der Opernbühne Zürich. Foto: Gregory Batardon, Ballett Zürich / zvg

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«Der Glaube ist das Fundament meines Lebens», erzählt die katholisch aufgewachsene Wisenberg. Geboren vor bald 32 Jahren im US-amerikanischen Bundesstaat Connecticut, ist sie nach mehreren Umzügen ab ihrem zwölften Lebensjahr in Washington aufgewachsen. Neben ihrem Glauben ist das Ballett von Anfang an eine Konstante in Wisenbergs Leben. Mit vier Jahren beginnt sie mit dem Training, mit vierzehn Jahren entscheidet sie, sich unter all ihren Hobby für das Ballett zu entscheiden und sich darauf zu konzentrieren. «Ballett ist umfassend, es ist eine Sportart und auch eine Kunst. Als Kind war ich sehr energetisch, im Tanz konnte ich das zum Ausdruck bringen», erinnert sie sich.
Auch für ihren Glauben hat sie sich entschieden, damals nach der Matura: «Ich habe mich mehr und mehr mit dem Glauben auseinandergesetzt. Ich will so leben, mit allen Konsequenzen.» Sie habe Menschen getroffen, an denen sie gesehen habe, dass gläubig sein auch glücklich sein bedeuten könne. «Glaube ist keine Checkliste, die man abarbeiten muss. Sondern man fühlt sich frei.» Das ist für sie nicht nur ein Bauchgefühl: «Auch intellektuell, von der Philosophie her betrachtet, ist der Glaube eine kohärente Einheit und macht einfach Sinn.»

Zur stimmigen Einheit werden die Momente der Gottsuche auch in «ballarefidei». Wenn Elizabeth Wisenberg eine Sprungfigur tanzt, mit strahlenden Augen, lachend – und Filipe Portugal sie auffängt, sie dreht und wirbelt in der Luft. Wenn darin Freude und Hochgefühl der Gläubigen spürbar werden.
Oder wenn Wisenberg mit hängenden Schultern, bedächtig, müde, ihre Drehungen vollzieht, auf Zehenspitzen leicht hüpfend, als sei ihr der Boden unter den Füssen kaum sicher. Und es wieder Portugal ist, der sie tröstet, mit seinen feinen Bewegungen, ihr näher und näher kommend.

«Der Körper ist die Verkörperung der Seele», davon ist Wisenberg überzeugt. «Im Ballett drücke ich mich aus, mit der Spannung, mit der Gelassenheit, mit der Beziehung zwischen zwei Menschen. Im Tanzen kommunizieren wir, ohne Worte.»
Auch Gott kann darin einen konkreten Ausdruck finden: «In einer Szene spielt ein Tänzer Gott. Er kommt und alles wird gut.» Dann lacht sie: «Klar, das ist ein sehr menschliches Bild. Aber wir sind Menschen. Ich kann keinen Tänzer auf die Bühne bringen, der tatsächlich Gott wäre, oder anders wäre als eben ein Mensch.»

Elizabeth Wisenberg kann sich vorstellen, dass Männer wie auch Frauen göttliche Eigenschaften im Tanz verkörpern können: «Starke Kraft, Zuverlässigkeit, Entschiedenheit und eine zärtliche Liebe, Sensibilität und Empathie.». Spiritualität, die sie tänzerisch zum Ausdruck bringen möchte, ist für sie dann die menschliche Reaktion auf das Göttliche oder in ihren eigenen Worten: «Unsere Empfindung von Gott.»

Elizabeth Wisenberg empfindet ihr Talent zum Ballett als Berufung. «Man macht es wirklich nur aus Liebe. Es kostet viel. Aber weil wir es lieben, bekommen wir auch viel.» Ihre Begabung möchte sie zum Guten einsetzen, etwas realisieren, «von dem die Leute eine gute Inspiration bekommen». Mit «ballarefidei» ist ihr das gelungen. Nicht zum letzten Mal. Hoffentlich.

Text: Veronika Jehle

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Elizabeth Wisenberg trainierte parallel zu ihrer schulischen Ausbildung Ballett auf Profi-Niveau. Nach Abschluss der Matura an der National Ballet School of Canada in Toronto folgten zwei Jahre beim Boston Ballet und neun Jahre beim Stuttgarter Ballett, ehe sie 2015 als Solistin ins «Ballett Zürich des Zürcher Opernhauses» aufgenommen wurde.