Denkanstoss

Die mühsam wilden Zwanziger

Manchmal habe ich das Gefühl, alles in meinen Zwanzigern erleben zu müssen. Von allen Seiten höre ich, dass ich Dinge ausprobieren und meine jungen Jahre auskosten soll: «Geniess es jetzt, solange du noch kannst!» – Manchmal habe ich darauf aber keine Lust!

Es scheint mir, als würden insbesondere die Zwanzigerjahre zu der idealsten Zeit des Lebens verklärt. Und zwar nicht von mir. Und auch nicht von meinen Freunden. Sondern von Menschen, die schon seit langer Zeit nicht mehr zwanzig sind, aber trotzdem eine sehr klare Vorstellung davon haben, wofür ich meine Zwanzigerjahre nutzen sollte.
Ich sollte mich beruflich und in Partnerschaften ausprobieren, die Welt mit Rucksack bereisen und meine Grenzen mit Alkohol und Ausgang austesten, denn «das gehört schliesslich dazu» und «ist später nicht mehr so einfach». 

Wie oft höre ich von älteren Menschen, wie viel Tolles ich mit zwanzig noch erleben könne und wie schön es doch sei, noch (praktisch) alle Lebenswege offen vor mir zu haben. So reden sie auf mich ein, während ich völlig planlos vor einem Berg namens «Zukunft» stehe und mich frage, was genau an dieser Unsicherheit derart unglaublich toll sein soll.

Mittlerweile habe ich meine Studienrichtung gewählt, aber damit hat es sich auch schon mit grossen Lebensentscheidungen. Ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder und bin beruflich noch «offen» für vieles.
Aber genau weil ich so viel Offenes vor mir sehe, wünschte ich mir manchmal, die grossen Weichen schon gestellt zu haben. Wenn junge Eltern mit ihren Kinderwagen am See entlang spazieren, sehe ich Menschen, die eine klare Aufgabe vor sich haben, die sie scheinbar nicht mehr hinterfragen.

Und die Gastredner an der Uni: Sie erzählen von ihrem Beruf und blicken auf ihren Werdegang. Sie wirken ruhig, gesetzt, mit einem klaren Plan. Auch sie scheinen Ruhe und Gewissheit gefunden zu haben. Sie müssen nicht mehr alles ausprobieren.
Ich gebe gerne zu: Frei, ungebunden und offen – das sind sie tatsächlich oftmals, meine Zwanzigerjahre. Ich kann Fehler machen, auf den Boden fallen und wieder aufstehen. Ich darf für mich noch herausfinden, was und wohin ich im Leben will. Aber obwohl ich genau diese Freiheit liebe, ist sie oft sehr anstrengend. Und manchmal macht sie auch Angst.

Ab und zu (aber wirklich nur ab und zu) wünschte ich mir deshalb, älter zu sein. Träume davon, mit meinem Schaukelstuhl auf meiner Veranda zu sitzen, meinen Enkelkindern beim Spielen zuzusehen und ruhig, vielleicht sogar gelassen, auf meinen Lebensweg zurückzuschauen. Die wichtigen Weichen wären schon gestellt, Beruf entschieden, Partnerwahl getroffen, Platz in der Welt gefunden.
Aber bevor ich mich zu sehr in meine ruhig-rosige Rentnerzukunft verliebe, werde ich dann doch wieder realistisch. Denn auch diese Zukunftsvision ist eine Verklärung.

Text: Luana Nava

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Luana Nava studiert in Zürich Germanistik und Politikwissenschaft.