Editorial

Die Zeit im Griff?

In dreieinhalb Wochen ist Zeitumstellung. Wirklich?

Im Sommer eine Stunde vor, im Winter eine Stunde zurück – das zeitliche Hin und Her könnte bald ein Ende haben. In einer Online-Umfrage haben sich 84 Prozent der 4,6 Millionen teilnehmenden EU-Bürger gegen die Zeitumstellung ausgesprochen.

Die Umfrage in meinem Freundeskreis zeigt: Diese Stunde, die einem im Frühjahr geraubt und im Herbst zurückgegeben wird, lässt niemanden so ganz kalt. Schliesslich geht es bei den einen um den Genuss langer Sommerabende, auf die zu verzichten die ewige Winterzeit uns zwingen würde, und bei den anderen um die unerträglich dunklen Vormittage, sollte immer Sommerzeit herrschen.

Mich persönlich irritiert bei der «Zeitumstellung» vor allem der Sprachgebrauch.

Zeugt die Formulierung nicht von menschlicher Hybris? Es ist weder die Zeit, noch sind es die Gestirne, an denen zweimal jährlich gedreht wird, sondern lediglich die Zeiger einer Uhr. Die Zeitumstellung ist eine Uhrumstellung. Zum Glück. Würde die Zeit umgestellt, wären wir in einer anderen Welt.

Während wir die Uhrzeiger verstellen, geht die Zeit unbeirrt ihren Weg. Glücklich, wer ihr unbeschwert folgen kann. Erwachen, wenn in der Morgendämmerung die Vögel zwitschern. Einschlafen, weil sich in der Dunkelheit kein Buch mehr lesen lässt. Leider erleben wir dies höchstens noch im Sommer beim Zelten. Für den Rest des Jahres unterwerfen wir uns der sozialen Zeit, die zu Beginn der Moderne in Uhrgehäuse eingefangen wurde.

Ein Vorteil hat die Diskussion um die Uhrumstellung: Sie zeigt, dass unsere Zeitordnung auch anders sein könnte. Dass wir frei sind, unseren Umgang mit der Zeit zu überdenken. Wir könnten ihn mehr nach unserer inneren lebendigen Zeitnatur und weniger an den vertakteten Zeitverläufen der Uhr ausrichten.

Text: Pia Stadler