MHG-Studie

Kirche am Wendepunkt

Für Kardinal Marx stehen angesichts des Missbrauchsskandals der Umgang mit den Opfern im Vordergrund und die Strukturen der katholischen Kirche.

Eindringlich rief Marx anlässlich der Versammlung der deutschen Bischöfe zu einem gemeinsamen und konsequenten Vorgehen als Antwort auf die Studie über sexuellen Missbrauch durch Geistliche auf: «Hier geht es nicht um Stimmung und persönliche Befindlichkeiten, es geht um die Opfer und um die Zukunft der Kirche», betonte er. «Die Menschen glauben uns nicht mehr. Wir müssen handeln und dann hoffen, dass man uns wieder vertraut.»
Die wissenschaftliche Untersuchung zum Missbrauch zeige, so Marx weiter: «Wir müssen viel weiter gehen: hinhören, verstehen, Konsequenzen ziehen.» Dabei gehe es insbesondere um Fragen der «systemischen Gefährdung», etwa um den Umgang mit Macht in der Kirche.

Auch müsse man noch genauer hinschauen, wer wofür verantwortlich war und ist, ergänzte der Kardinal. Die Opfer hätten einen Anspruch auf Gerechtigkeit und Wahrheit, das aber habe diese erste Untersuchung noch nicht leisten können. Der Konferenzvorsitzende betonte zugleich, es gebe seit 2010 eine wachsende Kultur der Wachsamkeit gegenüber Missbrauch.
Die Kirche habe viele wichtige Schritte getan, insbesondere im Bereich der Prävention. Das sei aber nicht überall gleichermassen umgesetzt worden. Zudem denke man immer noch nicht konsequent genug «von den Opfern her».

Bei der Präsentation der umfangreichen Studie zum sexuellen Missbrauch durch Geistliche bekannte Marx: «Ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist, und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben. Das gilt auch für mich! Wir haben den Opfern nicht zugehört.»
Erste Zahlen aus der Studie waren bereits im Vorfeld bekannt geworden: In den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 hat das Forscherteam demnach Hinweise auf 3677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute gefunden.

Text: kath.ch