Schlusstakt: Wortbilder

nachdenklich

Die Nachdenklichen werden im digital-medialen Wettrennen zuverlässig abgehängt. Sie trudeln stets am Ende des Feldes ein, meist lange nach Zielschluss, abseits der öffentlichen Wahrnehmung.

Kaum ein anderer philosophischer Leitsatz ist so populär wie René Descartes: «Ich denke, also bin ich.» Denken ist für unser Dasein zentral. Und offenbar stellen wir uns das Denken dreidimensional vor. Räumlich und zeitlich.
Deshalb können wir überdenken, vordenken und nachdenken. Können wir schnell und langsam denken. Sogar querdenken soll möglich sein.

Überdenken ist pragmatisches Denken. Wir wollen eine Situation nüchtern beurteilen, bevor wir handeln. Um dann sicher den zielführenden Schritt zu tun.

Vordenken ist visionäres Denken. Vordenker sind begehrte Talkgäste, weil sie scheinbar bereits erkennen, wovon wir Normaldenker noch keine Ahnung haben. Sie definieren und erklären, was es noch gar nicht gibt.

Vordenker beherrschen heute das Feld. Sie nennen sich selbst gerne auch Querdenker. Das klingt sympathisch unkonventionell, ist aber ein ziemlich unverfrorener Machtanspruch. Querdenker belagern kreuz und quer alle Ecken und Enden unserer Denkräume.

Wenn sie dann auch noch Schnelldenker sind, dann werden sie zu Stars der Denkerszene, omnipräsente Allzweckdenkwaffen, an denen es nun kein Vorbeikommen mehr gibt. Als ob sie im Rennen Hase und Igel zugleich wären. Und egal wohin die Reise geht, sie sind als erste im Ziel.

Nachdenken ist philosophisches Denken. Eine Denkart von geringer Popularität. Nachdenklich klingt behäbig, in sich gekehrt, der Welt abgewandt, langsam, zaudernd, statisch, wortkarg.

Die Nachdenklichen wirken nicht so dynamisch wie die Vordenker, nicht so zielstrebig wie die Überdenker, nicht so omnipräsent wie die Querdenker und nicht so wortgewaltig wie die Schnelldenker.

Die Nachdenklichen denken im Nachhinein. Die Nachdenklichen bedenken, was andere vor ihnen gedacht haben. Die Nachdenklichen sind sich ihrer Sache nie ganz sicher. Die Nachdenklichen elektrisieren die Massen nicht. Die Nachdenklichen schreiben nicht einen Bestseller nach dem andern. Die Nachdenklichen schieben jeder Antwort eine neue Frage nach. Und die Nachdenklichen rätseln noch über das Ziel des Rennens, wenn der eilige Rest bereits den nächsten Hasen jagt.

Welches Denken ist wohl das nachhaltigste?

Text: Thomas Binotto

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denken kommt vom lateinischen «tongere» (kennen, wissen), das im 8. Jahrhundert zum althochdeutschen «thenken» wurde.
www.dwds.de/wb/denken