Schwerpunkt

Zum Wohl der Tiere

Wir dürfen Tiere zwar nutzen, sind damit aber in der umfassenden Verantwortung, für ihr Wohlergehen zu sorgen, ist Regula Vogel überzeugt. Eine Begegnung mit der Kantonstierärztin.

Ein Donnerstagmorgen im August, kurz nach acht Uhr. Durch die Halle des Hauptbahnhofes eilen Pendlerinnen und Pendler ihrem Arbeitsort entgegen. Schulklassen versammeln sich lautstark unter der Bahnhofsuhr.

Beim Landesmuseum gegenüber indes beginnt der Tag gerade sehr beschaulich. Noch sind die Stühle beim Gartencafé an die Tische gelehnt, der Vorhof ist beinahe menschenleer. Einzig die Vögel geben sich ein Stelldichein en masse. Spatzen zwitschern in den Glyzinien, vom Himmel rufen die Mauersegler. «Vögel beobachten ist zuallererst horchen», sagt Regula Vogel, lächelt und schliesst die Augen. Vögel sind ihre Leidenschaft, und auch Teil ihres Berufs. Seit 23 Jahren ist die 58-Jährige Zürichs Kantonstierärztin. Als Ausgleich zu ihrem anspruchsvollen Beruf nimmt sie sich immer wieder kleine Auszeiten im Alltag, Momente wie diesen, wo man sich mehr auf dem Land denn in der City wähnt.

forum: Frau Vogel, was mögen Sie besonders an Ihrer Arbeit?
Regula Vogel:
Ich mag den Kontakt mit so vielen unterschiedlichen Menschen und Tieren, genauso wie die immer neuen Situationen, denen ich durch meine Arbeit begegne. Ich setze mich gerne dafür ein, dass wir Menschen verantwortungsvoll mit dem Tier umgehen. Schön ist auch, immer wieder draussen und nicht nur im Büro zu sein.

Was genau sind denn die Aufgaben einer Kantonstierärztin?
Die Aufgaben des Veterinäramts sind sehr breit gefächert. So sind wir in der Seuchenbekämpfung aktiv, denn Epidemien und Seuchen sind auch in der Tierwelt eine Gefahr, weshalb sie frühzeitig erkannt und bekämpft werden müssen. Dies ist auch deshalb wichtig, weil verschiedene Infektionen auf den Menschen übertragbar sind. Weiter treten wir für den Tierschutz ein, unterstützen und kontrollieren Tierhalterinnen und Tierhalter und greifen ein, wenn Mensch oder Tier gefährdet sind. Daneben bearbeiten wir Anträge für Tierversuche, betreiben die kantonale Meldestelle für Findeltiere und setzen uns für ein entspanntes Mit- und Nebeneinander von Hund und Mensch ein. Wir sind ein interdisziplinäres Team mit viel Expertenwissen in verschiedensten Bereichen.

Was beschäftigt Sie im Heimtierbereich?
Ganz klar der illegale Hunde- und insbesondere Welpenhandel, bei dem Tierschutz-, Tiergesundheits- und/oder Zollbestimmungen nicht eingehalten werden. Der Welpenhandel ist mit unvorstellbarem Tierleid verbunden: Die Tiere werden im Ausland unter tierschutzwidrigen Bedingungen gezüchtet. Die Welpen werden viel zu früh von der Mutter getrennt und sind kaum sozialisiert und oft krank. Gerade Tiere aus Extremzuchten haben mit massiven gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Aus solchen Welpenproduktionen ein «billiges» Tier zu kaufen, ist gegen jegliches Wissen und Verantwortungsgefühl.

Regula Vogel ist in bäuerlichem Umfeld in enger Beziehung zu Tieren aufgewachsen. Der Entscheid, Tierärztin zu werden, fiel früh. Stets habe sie dabei ein geerdetes und realistisches Bild dieses Berufes gehabt, erklärt sie. Immer war ihr klar, dass «wir Tiere zwar nutzen dürfen, aber auch sehr sorgfältig und verantwortungsvoll mit ihnen umgehen müssen». Von ihrer Berufswahl ist sie bis heute überzeugt, auch wenn sie im Augenblick aus Zeitgründen keine Haustiere halten kann.

Wer bestimmt eigentlich, was ein Tier zu seinem Wohlergehen braucht?
Tiere sind so zu halten und es ist so mit ihnen umzugehen, dass sie keine Störungen entwickeln – weder körperlich noch verhaltensmässig – und auch in ihrer Anpassungsfähigkeit nicht überfordert sind. Auf dieser fachlichen Grundlage hat man die Haltungs- und Umgangsstandards formuliert. Was dann schliesslich als Mindestnormen in der Tierschutzverordnung festgeschrieben wird, ist das Resultat eines politischen Prozesses: Durch mannigfaltige Güterabwägungen wird schliesslich festgelegt, wie viel Schutz wir als Gesellschaft dem Tier zugestehen können und wollen.
Regelmässig höre ich den Einwand, dass der Tierschutz immer strenger werde, wiewohl doch die Tiere nicht immer mehr Bedürfnisse hätten. Das ist grundsätzlich richtig. Doch gerade im Nutztierbereich kann dem Tier im Zuge des technischen Fortschritts auch mehr Schutz zugestanden werden. Nehmen wir die Ferkelkastration: Obwohl man schon immer wusste, dass einem drei Tage alten Schweinchen die Kastration sehr weh tut, war lange nicht klar, wie denn dieser Eingriff schmerzfrei technisch möglich und wirtschaftlich vertretbar zu bewerkstelligen sei. Heute, da wir über neue Möglichkeiten verfügen, ist es Pflicht, alle Ferkel vor der Kastration zu anästhesieren. Ähnlich führen auch bei den Heimtieren neue Erkenntnisse zu strengeren Vorschriften.

Die Würde des Tieres ist in unserer Verfassung verankert. Sind Tierschutz und Tierethik auf der Höhe der Zeit?
Die Tierwürde lässt sich nicht mit der Menschenwürde vergleichen: Ist die Menschenwürde unteilbar und unverhandelbar, so ist die Tierwürde das Resultat einer Güterabwägung. Im Tierschutzgesetz wird dem Tier ein Eigenwert zugestanden. Die daraus resultierende Würde eines Tieres gilt dann als missachtet, wenn die Belastungen, die ihm zugefügt werden, nicht durch übergeordnete Interessen von uns Menschen gerechtfertigt werden können. Während in unserer Gesellschaft ein hoher Konsens darüber besteht, wie die Interessen in Bezug auf Schmerzen und Leiden beim Tier abzuwägen sind, gilt dies nicht für die neu dazugekommenen Aspekte. Es heisst, ein Tier soll nicht übermässig instrumentalisiert werden, es darf nicht erniedrigt werden, und züchterisch dürfen weder sein Erscheinungsbild noch seine Fähigkeiten zu stark verändert werden. Das wirft laufend neue Fragen auf, wie weit wir Tiere nutzen dürfen, und führt zu einer zunehmenden Polarisierung in der Gesellschaft und deshalb zu mehr Konflikten.

Was wünschen Sie den Tieren von ihren Haltern?
Dass sie so viel über die Tierart wissen, dass sie die Bedürfnisse ihres Tieres korrekt erkennen und auch gewillt sind, diesen Rechnung zu tragen. Es beginnt also bereits vor der Anschaffung eines Tieres: Diese will gut überlegt sein, denn ein Tier bedeutet nicht nur kurzfristig Freude, sondern Verpflichtungen und Engagement, und zwar über viele Jahre.

Regula Vogel hat sich viel Zeit genommen für unser Gespräch. Inzwischen steht die Sonne hoch am Himmel, das Vogelgezwitscher ist leiser geworden. Auch der Morgenverkehr auf Schiene und Strasse ist abgeebbt. Auf die Kantonstierärztin wartet eine grosse Pendenzenliste. Die Aufgaben seien im Laufe der Jahre immer umfangreicher geworden, gibt sie zu. Und dass Tiere ein sehr emotionales Thema seien, bei dem sich alle irgendwie zuständig fühlten, mache ihre Arbeit nicht einfacher: «Emotional heisst immer auch konfliktreich.»

Eine letzte Frage zum Abschied: Welches ist denn das Lieblingstier? «Katzen», sagt Regula Vogel, ohne zu zögern. «Ganz knapp vor den Schafen.»

Text: Pia Stadler

Angebot laufend

Regula Vogel, 58, ist im Zürcher Weinland aufgewachsen. Sie studierte in Zürich Veterinärmedizin und promovierte in Bern. Nach Engagements in der biomedizinischen Forschung sowie beim Bund und dort auch in internationalen Gremien im Bereich Tierschutz ist sie seit 1995 Zürcher Kantonstierärztin und leitet das Kantonale Veterinäramt.