Ordensfrauen & Abenteuer

Die schnellen Füsse

Der Weg von Schwester Augusta Stoffel führte zunächst aus den Schweizer Kriegsjahren in die karge Einfachheit Indiens. Eine Begegnung mit einer Frau, die aufgebaut hat.

Schwester Augusta Stoffel hat Zeichnungen und Briefe bekommen, einen ganzen Sack voll. Sie stammen von Kindern und Jugendlichen, die in Indien leben. «Stolz, Schüler der Ursulinen zu sein», steht da auf Englisch oder «Herzlich willkommen zu Hause». Zu Hause? «Ja, so ist es», sagt die heute 83-jährige Walliserin. 49 Jahre lang hat die Ordensschwester an verschiedenen Orten in Indien gelebt. Die Blätter stammen aus Schulen, bei denen Augusta in den Jahren zwischen 1962 und 2011 für den Orden der Ursulinen am Aufbau mitgearbeitet hat.

Sechs Schulen sind es, bei denen Schwester Augusta Teil der Bauleitung war. Heute werden in diesen 15 000 Kinder unterrichtet. Daneben hat sie junge indische Frauen auf ihren Eintritt in den Orden vorbereitet. Momentan leben 120 Inderinnen als Ursulinen. Zehn Jahre trug Augusta die Verantwortung für die gesamte Ordensregion Indien. «Da war ich, um den Schwestern zu dienen», sagt sie. Es spricht Demut aus ihren Worten und diese Selbstverständlichkeit, mit der Ordensfrauen solche Sätze sagen können. Schwester Augusta lacht verschmitzt. Dann erzählt sie, wie sie in der Leitung bemüht war, hinzuhören statt selbst zu wissen und als Team zu arbeiten. Kamen die Frauen zum Kapitel zusammen, arbeiteten sie mit «vision statements». «Jede unserer Gemeinschaften vor Ort und jede Schwester hat sich Ziele gesteckt und Visionen aufgeschrieben, wie wir nach den Grundsätzen unserer Gründerin den Sendungsauftrag erfüllen können. Was wollen wir heute und jetzt? Das ist sehr wichtig», beschreibt Augusta. Fragt man sie, ob sie nicht eigentlich Projekt-Managerin gewesen sei, sagt sie nur: «Ja, ja, ich war Mädchen für alles».

Auch diese Schule hat Sr. Augusta aufgebaut: «Stella Maris School» in Pune

Auch diese Schule hat Sr. Augusta aufgebaut: «Stella Maris School» in Pune Foto: Foto: Archiv Sr. Augusta Stoffel / zvg

Schwester Augusta bei einem Besuch in Indien 2015.

Schwester Augusta bei einem Besuch in Indien 2015. Foto: Foto: Archiv Sr. Augusta Stoffel / zvg

Schwester August 1969 in Indien.

Schwester August 1969 in Indien. Foto: Foto: Archiv Sr. Augusta Stoffel / zvg

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Früh war da die Idee, «in die Missionen» zu gehen. Cäcilia, wie sie vor ihrem Ordenseintritt hiess, war bereits Ordensschwester und unterrichtete in Raron (VS) an der Oberstufe. An Sonntagen kamen Missionare aus verschiedenen Ländern in die Kirche und predigten. «Einmal bestieg ein ganz einfacher Missionar die Kanzel und betonte ganz fest, dass die Missionare helfende Hände, liebende Herzen und schnelle Füsse benötigen, um die Frohe Botschaft zu den Menschen zu tragen. Das hat mich tief ergriffen», erinnert sich Augusta. Sie konnte kaum schlafen, überlegte, betete, entschied, sich für die Missionen zu melden. Mit 28 Jahren der Aufbruch nach Indien, die zwei Wochen Fahrt mit dem Schiff, die Ankunft in der Millionenstadt Bombay, dem heutigen Mumbai. Dann per Bahn in die Stadt Pune und schliesslich mit dem Ochsenwagen vor die Haustüre. Augusta sagt: «Meine Vorbereitung auf das, was mich erwartet, hatte grosse Löcher, die erst durch die Erfahrung gestopft werden mussten.» Ein grosses Abenteuer? «Ja, Abenteuerlust gehört dazu», räumt die Schwester ein. «Hie und da war es auch hart. Ich habe auch geweint, aber allein», kann sie freimütig erzählen. «Zuhause hätte ich mehr Sicherheit gehabt und mehr Ruhe – das habe ich oft gedacht», sagt Augusta und erinnert sich an die Schlangen und Hunde, die die erste Zeit in ihrem Haus Schutz suchten.

«Mission» heisst für Augusta Stoffel, die christlichen Werte zu leben und sie durch das eigene Leben weiterzugeben. Jemanden zu bekehren, war von Anfang an kein Ziel für sie. «Als ich mich für die Missionen meldete, habe ich der Oberin einen Brief geschrieben. Meine Aufgabe sei gewiss nicht das Taufen oder Lehren, sondern die dienende Liebe für Jesus – so habe ich geschrieben», sagt sie und lacht wieder ihr verschmitztes Lachen. Demütige Worte, die dabei eine so klare Haltung ausdrücken. Bis heute ist es so, dass Kinder in den Schulen der Ursulinen keine Christinnen und Christen sein und auch nicht werden müssen. Die Worte des Briefes sind für Augusta eine «Fundamentsquelle» geblieben, wie sie sagt. «Das ist und bleibt Verkündigung: mein Leben.»

Seit 2011 ist Augusta Stoffel zurück in der Schweiz. Ihre Rückkehr geschah nicht auf eigenen Wunsch, sondern im Gehorsam. Eines kann für Indien wie für die Schweiz gelten – weil es für die ganze Kirche gilt. Es ist die Antwort auf die Frage, was sie sich von der Kirche wünscht: «Die Hebung der Frauen, nicht nur auf dem Papier und in Worten, sondern in der Realität des Lebens». Schon in Indien habe sie dem Bischof der
Diözese Pune gesagt, dass es wichtig wäre, Frauen Verantwortung zu geben. Als sie unlängst das Magazin der Diözese durchgeblättert habe, war weiterhin keine Frau auf der Verwaltungsliste. Augusta sagt: «In diesem Punkt muss die Kirche noch wachsen. Der Heilige Geist ist da, doch das Hören auf ihn heisst auch, es in die Tat umzusetzen».


Drei Fragen an Sr. Augusta

Aufbruch: Wer waren Sie damals, als Sie aufgebrochen sind?
«Ich hatte vier Brüder und vier Schwestern, wir sind eine grosse Familie. Der Vater leistete Militärdienste an der Grenze zu Italien. Die Mutter sorgte in Haus, Feld und Stall. Sie hat uns sehr gut erzogen, mit viel praktischer Psychologie – obwohl sie das nicht studiert hat. Helfen, teilen, mitarbeiten, loben, anerkennen, tadeln. Alles hatte seine Zeit und Anwendung. Wir betrieben eine Landwirtschaft. Alle mussten mithelfen. Meine Eltern hatten täglich mit uns gebetet und gesungen. Ich kann noch heute Lieder, die die Mutter mit uns beim Schafwolle-Spinnen gesungen hat.»

Initiation:  Wer ist aus Ihnen geworden,  durch die Zeit in der Mission?
«Come down to reality – ich musste sehr zur Einfachheit kommen, viel tiefer als in den Kriegsjahren daheim. Die ersten sieben Jahre in Indien lebten wir in einem einfachen Haus: ohne elektrisches Licht, die Mahlzeiten über offenem Feuer gekocht. Ein Teil unseres Wohnhauses wurde mit Kuhmist beschmiert, um Ungeziefer abzuwehren. Ich versuchte mich einzuleben in die Kultur und Traditionen. Meine Mutter hat uns oft gesagt: ‹Anpassung und Teilen ist der Weg zur inneren Freude›. Das war mein Wegweiser.»

Rückkehr: Wer sind Sie heute, mit Ihren Erfahrungen im Gepäck?
«Das kann ich nicht ganz beantworten. Aber ich muss sagen, Indien hat mich doch sehr geprägt. Ich denke mit Freude und Zufriedenheit an meinen Einsatz zurück. Die Rückkehr in die Schweiz hat mich etwas gekostet. Doch ich habe Gehorsam gelobt. Wie oft habe ich junge Schwestern ermutigt, den Gehorsam als Freudenquelle zu sehen. Nun war es an mir, diese Quelle zu suchen und zu entdecken. Es war nicht immer leicht.»

Text: Veronika Jehle

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Serie «Ordensleute und Abenteuer»

Früher wie heute gibt es Menschen, die mit einem Auftrag in unbekannte Länder gehen. Sie lassen Vertrautes zurück, begegnen Fremdem und kehren verändert zurück. Diese drei Schritte sind auch die Struktur von Mythen und Heldinnenlegenden. In dieser Serie porträtieren wir Frauen, die für einen Orden mit einer Mission unterwegs sind, nach ihrem Abenteuergeist.

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Schwester Augusta Stoffel

1934: Geburt in Visperterminen (VS)
1953: Eintritt in den Orden der Ursulinen in Brig (VS)
1958 – 1962: Lehrerin in Raron (VS)
1962: Ausreise nach Indien
1964 – 1975: Begleiterin für junge Schwestern
1975 – 1985: Regionaloberin
1985 – 1992: Begleiterin für junge Schwestern
1992 – 2010: Bautätigkeit in Indien und Rumänien
2011: Rückkehr in die Schweiz