Schlusstakt: Gedanken zu Allerheiligen

Ex Oriente Lux

In diesen Tagen feiern wir nach west- kirchlicher Tradition Allerheiligen und Allerseelen. Die Fruchtphase des Sommers ist vorbei, die Wärme weicht langen Nächten. Der Erntedank ist gesprochen.

Absterben, Ruhen Erneuern lautet der Zyklus der Natur. In diesem Moment, in dem die Dunkelheit die Tage dominiert, suchen wir den Schutz der Heiligen.
In der Zeit, in der die Welt sich in die Winterpause verabschiedet, bringen wir noch einmal Licht an die Gräber unserer Verstorbenen. Schmücken die Friedhöfe im Ausdruck der Hoffnung, dass mit dem Tod neues Leben beginnt.

In Jerusalem hingegen ist dies die Zeit, in der Sommerhitze und Trockenheit erfrischenden Nächten und dem ersten Regen weichen, um welchen zum Abschluss des unlängst gefeierten jüdischen Laubhüttenfests mit einem besonderen Einschub gebetet wird.

Wie im Westen ist die Zeit um Allerheiligen und Allerseelen in Jerusalem eine Umbruchszeit, eines Umbruchs aber in das neue, das junge Leben: Mit den ersten Niederschlägen verschwinden die Zeichen der Dürre, beginnt,
was tot schien, von Neuem zu erwachen. Grün und später die erste Blüte und Frucht setzen sich durch – sogar im Wüstensand.

Im Einklang mit der Natur ist Jerusalem dem Westen voraus. Die «dunkle Jahreszeit» ist nicht nur das westliche Innehalten im Gedenken an die Sterblichkeit, sondern zugleich die östliche Geburtswehe für das Neue, das kommt. In dieser Lesart machen Allerheiligen und Allerseelen auf einzigartige Weise deutlich, wie nah Tod und Leben liegen. Und auch räumlich ist man nirgends näher dran als in Jerusalem: Von hier als «Nabel der Welt» hat das Heilige seinen Weg in die Welt gefunden. Von Jerusalem und seinem leeren Grab hat das neue Leben seinen Siegeszug angetreten.

Und so werden in der «Zeitverschiebung» zwischen Orient und Okzident auf recht bildliche Weise deutlich: Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Die Botschaft von Allerheiligen und Allerseelen ist wie Jerusalem eine Botschaft von Ostern. Das Heilige ist präsent und das Grab ist längst leer. So wird aus dem Gedenken an die Toten eine Feier des Lebens.

Text: Andrea Krogmann