Stolpersteine: Verzicht

Glücklich, wer kann

Muss Verzicht wehtun? Kann er nicht auch Freude, vielleicht sogar Glück verursachen?

Es bestehen Welten zwischen erzwungenem Verzicht und freiwillig geleistetem Verzicht, Welten zwischen den Sätzen «Darauf muss ich verzichten.» und «Darauf kann ich verzichten.»

Wenn ich mir aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen etwas nicht leisten kann, fühle ich mich abgeschnitten, ausgeschlossen. Von Genuss, Prestige, Sicherheit, Zugehörigkeit. Dieses Verzichtenmüssen ist keine gute Erfahrung. Es ist die Erfahrung von Mangel. Durch diesen Verzicht fehlt mir etwas – vermeintlich oder wirklich.

Wenn ich hingegen verzichten kann, ist das ein ausgesprochen gutes Gefühl. Ich habe etwas gar nicht nötig, brauche es nicht – schon gar nicht zum Leben. Ich bin nicht abhängig davon, frei. Ich leiste mir diese Erfahrung hin und wieder mit dem Durchblättern von Modezeitschriften und Versandkatalogen oder mit dem Besuch eines Einkaufszentrums. Es ist unglaublich, was es alles gibt, das ich nicht brauche! Nicht diese Kleider, nicht diese Wohnungseinrichtung, nicht diese Kosmetikartikel, nicht diesen ungeheuren ressourcenverschlingenden Ramsch!

Wie vieles gibt es, das niemand zum Leben braucht, das aber Unmengen an Rohstoffen und Energie verschwendet und das, was wir wirklich zum Leben brauchen, beschädigt oder gar zerstört: Luft, Wasser, Boden – unsere Mitwelt, andere Menschen eingeschlossen.

Die Frage «Brauche ich das wirklich?» wird zunehmend zu meiner Begleiterin. Die Haltung des freiwilligen Verzichts empfinde ich mittlerweile als sehr lustvoll. Einerseits schenkt sie das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Andererseits geht sie einher mit dem Bewusstsein, der Verschwendung und Zerstörung von Lebensnotwendigem ein kleines bisschen entgegengewirkt zu haben. Zudem trägt sie wenigstens indirekt dazu bei, dass sich der erzwungene Verzicht, dem weltweit so viele Menschen ausgeliefert sind, reduzieren liesse.

Schliesslich fördert und steigert sie die Genussfähigkeit. Damit sie nicht in eine finstere und lebensfeindliche Haltung kippt, gehört zu ihr nämlich auch, dass ich mir hin und wieder etwas leiste. Gut überlegt und abgewogen und Kollateralschäden für die Mitwelt möglichst ausgeschlossen. Dann aber vielleicht einfach, weil die Antwort auf die Frage, ob ich es zum Leben brauche, lautet: Ja, ich brauche es, weil es mich von Herzen freut!

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte