Filmpreis der Zürcher Kirchen

Ins Lichtspielhaus!

Persönlicher Rückblick auf die Mitarbeit in der Kirchenjury am Zurich Film Festival. Und ein Plädoyer für den regelmässigen Kinogang.

PROLOG
1995: Soeben habe ich im «ZOOM» meine allererste Filmkritik veröffentlicht – «Species» – trashiges SciFi-Horror-Spektakel – garantiert kein Meisterwerk.Dass ich über «Species» schreiben muss, das kann ich mir nicht aussuchen. Der Film wird mir von der Redaktion zugeteilt.
Trotzdem will ich diese Kritik schreiben, denn die Zeitschrift «Zoom» ist eine gute Adresse für den Einstieg in den Filmjournalismus. 1973 aus der Fusion einer katholischen mit einer reformierten Filmzeitschrift entstanden, ist sie die bekannteste Filmzeitschrift der Schweiz.
Also schreibe ich in einer kirchlichen Filmzeitschrift über einen Film, den ich mir freiwillig nie angeschaut hätte. Und genau diese Konstellation hat es in sich…

GEGENWART
2018: Als Mitglied der Kirchenjury für den «Filmpreis der Zürcher Kirchen» muss ich mir zwölf Filme anschauen, die ich nicht nach meinen Vorlieben zusammenstellen konnte. Eine Woche lang suche ich mit theologisch interessierten Filmfachfrauen und cinéphilen Theologen nach einem würdigen Preisträger. Nach einem Werk, das sowohl künstlerischen Ansprüchen wie christlichen Werten gerecht wird.

RÜCKBLENDE
1936: Papst Pius XI. erkennt die Kraft des Kinos und fordert in einer Enzyklika die Einrichtung von katholischen Filmbüros. Daraus entstehen Filmzeitschriften wie «Der Filmberater» in der Schweiz oder der «film-dienst» in Deutschland. Aus der kritischen Beobachtung des Kinos mit einem Hang zur Zensur – «Wir raten ab» lautet eine gängige Warnung – wird im Laufe der Jahre leidenschaftliche Hingabe ans Kino. Aus «Filmberater» wird «Zoom». Genaues Hinschauen. Differenzierte Argumentation. Kompetente Filmkritik.

GEGENWART
2018: Wir diskutieren in der Kirchenjury nicht nur über die zwölf Filme der «Fokus-Reihe» am «Zurich Film Festival» (ZFF). Wir streiten auch. Bis weit in die Nacht hinein. Wir machen es uns und den Filmen nicht leicht. Kehren immer wieder zu den Bildern zurück: Was haben wir wirklich gesehen? – Mit welchen Mitteln wird gearbeitet? – Was ist die Absicht der Filmemacher?
Wir suchen nicht nach dem theologisch korrekten Film, sondern nach dem künstlerisch überzeugenden Werk, das uns an neue Orte führt, uns einen Erfahrungsraum eröffnet, unseren Horizont erweitert, uns so schnell nicht mehr loslässt.
Und dann diskutieren wir auch darüber, was dieser Film theologisch mit uns macht. Ob er diesen Horizont aufnimmt und erweitert. Manchmal streiten wir auch darüber. Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Aus Liebe zum Kino. Und aus Liebe zu den fundamentalen Fragen des Lebens.

RÜCKBLENDE
1999: Aus «ZOOM» wird «Film». 2001 ist auch damit Schluss. Ende 2017 wird der letzte «film-dienst» gedruckt. Die Kirche zieht sich aus finanziellen Gründen aus dem Kino weitgehend zurück. Dahinter steckt auch eine Identitätskrise, in der sich die Kirchen auf ihr Kerngeschäft konzentrieren wollen. Steckt die Kapitulation vor einem Zeitgeist, der das Kino zum Auslaufmodell erklärt.

GEGENWART
2018: Nach sechs Tagen und zwölf Filmen treibt uns die Leidenschaft immer noch durch eine dreistündige Debatte, an deren Ende wir uns zwischen zwei Filmen entscheiden müssen. Dieser Entscheid fällt uns schwer, weil wir zwei so unterschiedliche und doch gleichermassen überzeugende Filme voneinander trennen müssen. Auch den einen wahren Film gibt es nicht.

EPILOG
Was ich 1995 instinktiv geahnt habe, ist für mich inzwischen zur festen Überzeugung geworden: Die Kirchen brauchen das Kino mehr als das Kino die Kirchen!
Eine «Geh-hin-Kirche» muss auch ins Kino gehen. In Filme, die sie nicht selbst ausgesucht und abgesegnet hat. An Orte, die ihr nicht schon vertraut sind. In Themen, über die sie nicht ihren Zeigefinger erhebt.
Und damit die Kirchen nicht wie Zombies durch die Filmwelt stolpern, müssen sie ihre Kompetenzen als Kinogänger dringend pflegen und erweitern. Getreu dem Wort, das ein Papst vor über achtzig Jahren gesprochen hat: «Ohne Zweifel hat das Kino sich einen Platz von universaler Bedeutung erobert.»

Wir sollten das Kino wieder als Lichtspieltheater entdecken. Als ein Ort der Inspiration. Im Glücksfall sogar ein Ort der Erleuchtung.


Trailer zum Gewinnerfilm: «Welcome to Sodom»

«Welcome to Sodom»

Agbogbloshie. Ghana. Die grösste Elektroschrotthalde der Welt. Neunmal so gross wie die Zürcher Altstadt. – 250 000 Tonnen Elektroschrott liegen hier. 6000 Menschen leben an diesem Ort, einem der giftigsten auf unserem Planeten. – «Welcome to Sodom»!

Hier kämpfen Menschen wie Kwasi, Awal, Mohammed, Sulemana, Fauzia, Musa, David und Columbus um ihre Existenz. «Sodom is like a Beast. Sometimes you kill the Beast. Sometimes the Beast kills you», sagt Mohammed.

«Welcome to Sodom» führt uns mit visueller Wucht und schmerzhafter Präzision mitten hinein in diesen Ort, an dem eine apokalyptische Vision zur Realität geworden ist. Wir kriechen wie das Chamäleon auf schwankendem Boden, spüren die verzehrende Hitze des Feuers, riechen den giftigen Rauch verbrannten Plastiks, ahnen die Wohltat eines Wasserbeutels und stochern im Schrott nach einem rettenden Ausweg.

Florian Weigensamer und Christian Krönes gelingt es, uns in eine Erfahrung mitzureissen, die all unsere Sinne anspricht und, ja, diese Sinne auch angreift. «Welcome to Sodom» ist deshalb auch grossartiges, konsequentes Kino. Keine didaktische Lehrstunde mit erhobenem Zeigefinger, sondern ein erschütterndes Drama, das den Bewohnern von Sodom und ihren Schicksalen mit grosser Achtung begegnet.

Durch die emotionale Unmittelbarkeit der filmischen Erzählung begreifen wir unsere persönliche Verantwortung für die Auswirkungen von Globalisierung und Digitalisierung. Wer diesen Film gesehen hat, wird zwar weiterhin sein Smartphone zur Hand nehmen, aber er wird dabei Sodom vor Augen haben.

Darin steckt auch die Hoffnung dieses Films und die Hoffnung der Jury, die ihn auszeichnet: Dass wir tatsächlich aus unseren Gewohnheiten, unserer Gedankenlosigkeit und unserer Selbstgenügsamkeit gerissen werden und begreifen, dass wir Sodom mit aufgeschüttet haben und immer noch weiter aufschütten.

Dass die Bewahrung der Schöpfung immer hier und heute beginnt.

Laudatio der Kirchenjury

Text: Thomas Binotto