Heiligsprechungen

Alte und neue Influencer

Neuer Rekord: Papst Franziskus hat so viele Menschen heiliggesprochen wie kein Papst vor ihm. Was hält der Jesuitenprovinzial Christian Rutishauser von Heiligsprechungen?

Brauchen wir noch Vorbilder in Zeiten von Youtube und Instagram, wo sich
jeder selbst zum «Influencer» hochstilisieren kann?
Christian Rutishauser:
Die 68er skandierten: Wir brauchen keine Vorbilder mehr! Aber das geht nicht. Der Mensch braucht Vorbilder. Wenn wir als Kirche nicht Vorbilder schaffen, dann suchen die Menschen anderswo. Aus diesem Grund finde ich die Heiligsprechungen der katholischen Kirche schon etwas sehr Sinnvolles.

Was unterscheidet Heilige der Populär-Kultur von echten Heiligen?
Rutishauser:
Ob man jetzt einem Elvis Presley oder Roger Federer nachrennt: Der ganze Rummel um sie herum ähnelt sich sicher sehr. Entscheidend ist jedoch, wer und was man ins Zentrum stellt. Ob es jemand ist, der sich für Menschenrechte einsetzt oder einen Boxer wie Floyd Mayweather, der damit prahlt, seine Dollarbündel anzuzünden. Ja, die katholische Kirche soll durchaus ihre eigenen «Stars» hervorbringen.

Welcher dieser «Stars» müsste für Sie denn heiliggesprochen werden?
Rutishauser:
Zuerst das Eine: Heiligsprechungen ja, aber etwas weniger als heute. Zum andern finde ich es nicht sinnvoll, Päpste heiligzusprechen. Da geht es ja vor allem nur um Zementierung von Lehrschreiben und um den Kampf verschiedener Kirchenbilder. Päpste werden schon zu Lebzeiten «Heiliger Vater» genannt. Ich denke an andere Personen. Wie wäre es beispielsweise mit einem Pedro Arrupe, der während und nach dem II. Vatikanischen Konzil den Jesuitenorden charismatisch geleitet hat, dann Oscar Romero. Das sind Leute, die gegen Widerstände dem Evangelium treu geblieben sind und etwas erreicht haben, was sowohl öffentlich-kirchlich als auch persönlich-spirituell von Bedeutung ist.
Dann ist da noch Frère Roger von Taizé. Sollte die katholische Kirche nicht jemanden wie ihn heiligsprechen, der nicht katholisch, sondern reformiert war? Das wäre jedenfalls ein starkes ökumenisches Zeichen.

Faszinieren Heilige heute junge Menschen überhaupt noch?
Rutishauser: Für eine aufgeklärte junge Generation sind sie kein Thema. Eine Heilig-Sprechung hat für sie nur dann eine Relevanz, wenn eine Person wirklich etwas aus ihrem Leben verkörpert und die Herzen berührt.
Man muss jedoch festhalten: Heiligsprechungen sind eine langzeitliche Angelegenheit. Jemand kann einen Hype erleben in einer Zeit, aber ist hundert Jahre später beinahe vergessen. Aber es geht auch umgekehrt, wie der Fall von Bruder Klaus zeigt. Auch junge Leute sind heute von ihm fasziniert. Ignatius von Loyola etwa war in der Kirche nicht sonderlich populär, dafür aber Franz Xaver, weil er als Missionar in die Welt hinausging. In einer postmissionarischen Gesellschaft wie heute aber ist Franz Xaver nicht mehr populär, hingegen Ignatius mit seinem spirituellen inneren Weg.

Welche Heiligen bedeuten Ihnen ganz persönlich etwas Besonderes?
Rutishauser:
Ganz klar Bruder Klaus. Er lebt einen radikalen inneren Weg und hat eine radikal gesellschaftspolitische Wirkung. Und dies nicht in der Art und Weise, in dem er sagte: Ich ziehe mich zurück und werde später politisch tätig, so wie es die meisten heute tun würden. Gerade durch sein Sich-Zurückziehen in die Stille wird er politisch relevant. Das ist für mich ein Zeichen der echten Heiligkeit. Er ist für mich ein heiliges «Urgestein», was sich im Jubiläumsjahr 2017 ja wieder gezeigt hat.

Ich bin dankbar, dass es den Heiligen-Kalender gibt. Er hilft mir, immer wieder neue Heilige zu entdecken. Wenn ein Benedikt oder eine Klara nicht im Kalender stehen würden, wären sie heute wohl vergessen.

Text: Vera Rüttimann, kath.ch