z'Visite

Eine Religion – zwei Meinungen

Jasmina El Sonbati und Zeinab Ahmadi haben die gleiche Religion. Dass weibliche Imaminnen gemischte Gebete leiten, hat für beide nicht die gleiche Priorität.

Zeinab Ahmadi

Meine Eltern haben sich 1994 im afghanischen Herat ganz bewusst für meinen Namen Zeinab entschieden. Der Name war in jener Zeit des Krieges und der Hoffnungslosigkeit eine Kraftquelle. Die historische Figur Zeinab bin Ali war die Enkeltochter des Propheten Mohammed, eine versierte Theologin und eine gefeierte Heldin. Ich bin aufgewachsen mit Geschichten über ihren Mut, ihren Sinn für Gerechtigkeit und ihren grossen Einfluss auf die islamische Welt.

Bis heute entspricht die Figur der Zeinab meinem Bild einer selbstbewussten Muslimin. Daher waren und sind für mich als junge Schweizerin die Aussagen einiger Mitmenschen über die unterdrückte muslimische Frau nicht nachvollziehbar. Von Aussenstehenden wurde ich häufig durch Fremdzuschreibungen in eine Opferrolle gedrängt. Doch in der Rolle der Muslimin, die gerettet werden muss, weil sie sich schwer damit tut, selber zu denken, erlebte ich mich nie.

Tatsächlich wird unter Musliminnen und Muslimen sehr viel diskutiert und reflektiert. Es ist auch so, dass wir unsere Religion durchaus kritisch hinterfragen. Nur fällt uns das innerhalb der muslimischen Gemeinschaft wesentlich leichter, weil wir in diesem Umfeld nicht ständig aus einer Verteidigungsposition heraus argumentieren müssen.

Junge ansprechen

Die Diskussion darüber, ob Musliminnen als Vorbeterinnen vor gemischt-geschlechtlichen Gruppen anerkannt werden, ist für mich persönlich kaum ein Thema, weil ich die Prioritäten zur Zeit anders sehe. Zum Beispiel ist es für mich als Schweizer Muslimin heute entscheidender, überhaupt einen Raum zur Verfügung zu haben, wo ich mich mit meiner muslimischen Gemeinschaft treffen und den Islam praktizieren kann. Oder, dass ich hin und wieder in den Genuss einer guten Predigt komme. Einer Predigt, die auch für junge Menschen ansprechend ist, uns konkrete Anhaltspunkte für unser Leben in der Schweiz gibt und von gut ausgebildeten Personen gehalten wird.

Trotzdem: Wenn es sich beim Imaminnen-Diskurs tatsächlich um ein inneres Bedürfnis muslimischer Gemeinschaften handelt und nicht um ein Thema, das von aussen an uns herangetragen wird, dann braucht es für diesen Diskurs eine Plattform. Ein entscheidender Beginn wäre es aus meiner Sicht, die Frauenquoten unter den Leitungspersonen und Vorstandsmitgliedern in den muslimischen Vereinen zu fördern. So wären wir Musliminnen selber die Protagonistinnen solcher Debatten, und niemand könnte über unsere Köpfe hinweg sprechen.


Zeinab Ahmadi: Die praktizierende Muslimin ist in der Schweiz aufgewachsen. Ihre Eltern mussten aus Afghanistan flüchten. Sie studierte an der Pädagogischen Hochschule Bern und arbeitet heute als Bereichsleiterin Bildung im Haus der Religionen.

Zeinab Ahmadi: Die praktizierende Muslimin ist in der Schweiz aufgewachsen. Ihre Eltern mussten aus Afghanistan flüchten. Sie studierte an der Pädagogischen Hochschule Bern und arbeitet heute als Bereichsleiterin Bildung im Haus der Religionen. Foto: zVisite / zvg

Jasmina El Sonbati: Die Tochter eines ägyptischen Vaters und einer österreichischen Mutter verbrachte ihre Kindheit in Kairo. In Basel und Wien studierte sie Romanistik. Die Vorkämpferin für einen liberalen Islam initiierte den Verein Offene Moschee Schweiz und leitet in diesem Rahmen muslimische Gebete.

Jasmina El Sonbati: Die Tochter eines ägyptischen Vaters und einer österreichischen Mutter verbrachte ihre Kindheit in Kairo. In Basel und Wien studierte sie Romanistik. Die Vorkämpferin für einen liberalen Islam initiierte den Verein Offene Moschee Schweiz und leitet in diesem Rahmen muslimische Gebete. Foto: Pia Neuenschwander / zVisite

1 | 1

Jasmina El Sonbati

Hat die Frau in islamischen Ländern im Alltag immer noch eingeschränkte Rechte, so sieht es in der islamischen Liturgie nicht besser aus. Frauen sind selbstverständlich davon ausgeschlossen, das Freitagsgebet zu leiten. Diese Bastion sind Musliminnen in Westeuropa und in den USA dabei zu stürmen. Eine der ersten Pionierinnen ist die afroamerikanische islamische Theologin Amina Wadud. 2005 stand sie in New York in einer ehemaligen anglikanischen Kirche einer gemischten Gruppe von Betenden vor. «Das geht nicht im Islam», hiess es damals in den islamischen Ländern. Dieses unverrückbare Nein zum Imamat einer Frau vertraten Männer und Frauen gleichermassen. Als Häretikerin und verwestlichte Muslimin, die den Islam ummodeln wolle, wurde sie beschimpft. Ich selber wäre am liebsten nach New York geflogen und hätte dem Gebet beigewohnt, denn in meiner Fantasie gab es sie längst, die Imamin in der Moschee.

Spezifische Vorgaben, wie ein Gebet durchzuführen sei, liefert der Koran nicht. Was Muslime seit Jahrhunderten praktizieren, nämlich die Geschlechtertrennung in der Moschee und das ausschliessliche Vorrecht des Mannes, die Gemeinde zum Gebet zu führen, ist männergemachte Tradition.

Sich Gehör verschaffen
Dass bereits zu Lebzeiten des Propheten Mohammed Frauen vorgebetet und sich in religiöse Diskussionen eingemischt haben, wurde über die Jahrhunderte ausgespart. Dank Frauen wie Amina Wadud oder anderen Initiativen nehmen sich Frauen in den USA und in Westeuropa das Recht, die rein männlich besetzte Moschee friedlich und beharrlich zurückzuerobern. Das jüngste Beispiel ist die türkischstämmige Anwältin Seyran Ates. Im Juni 2017 eröffnete sie in Berlin die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Dort beten Frauen und Männer gemeinsam und Frauen sprechen die Predigt.

Der Verein Offene Moschee Schweiz setzt sich dafür ein, dass Frauen als Vorbeterinnen fungieren. Das Gefühl, hintanzustehen, als Autorität in religiösen Dingen nicht anerkannt zu werden, finde ich diskriminierend. Immer noch werden kritisches Denken und eine offene Diskussion in Fragen des Glaubens oder der Gleichberechtigung entweder relativiert, abgelehnt oder tabuisiert. Es ist an der Zeit, dass diese Themen Eingang in die Moscheen finden. Und es ist an der Zeit, dass Frauen sich Gehör verschaffen, ihre spirituellen und intellektuellen Erfahrungen einbringen und den religiösen Diskurs mitbestimmen. Nicht hinter den Männern, sondern an ihrer Seite.

Text: z'Visite

Angebot laufend

Woche der Religionen

3. bis 11. November
Die Woche der Religionen bietet auch dieses Jahr die Möglichkeit, am interreligiösen Dialog teilzunehmen und die Vielfalt und den Reichtum der gelebten Glaubenstraditionen in Zürich kennenzulernen. Die Veranstaltungen werden koordiniert und organisiert durch das Zürcher Forum der Religionen. Dieses wird unterstützt durch die evf.-ref. und die röm.-kath. Kirche sowie durch den Kanton und die Stadt Zürich.

Angebot laufend

Folgende Anlässe geben Einblick in den Islam:

3. November, 16.00 Uhr
Koranübersetzungen
Forum des Orients
Hafnerstrasse 41, Zürich

6. November, 19.00 Uhr
Tiere im Koran und in der Bibel
Albanische Moschee
Saatlenstr. 23, Zürich

10./11. November
Tage der offenen
Moscheen
www.vioz.ch

11. November, 18.00 Uhr
Mosaik der Religionen
Abschlussveranstaltung
Ref. Kirche Saatlen
Saatlenstr. 240, Zürich

Das gesamte Programm unter:
www.forum-der-religionen.ch