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Totengedenken in den Weltreligionen

Die Woche der Religionen fällt in die Zeit von Allerheiligen und Allerseelen, in der Christinnen und Christen ihrer Verstorbenen gedenken. Dies war fürs forum Anlass, bei den fünf Weltreligionen nachzufragen, wie sie mit Sterben, Tod und Totengedenken rituell umgehen. Dabei kam eine erstaunliche Vielfalt an religiösem Brauchtum zum Vorschein.

Islam

Die islamische Tradition kennt keinen for­malen Feiertag für die Toten. Es wird eher eine Trauer im Stillen empfohlen. Die Mus­lime rezitieren den Koran und besuchen an religiösen Feiertagen wie zum Beispiel am Ramadan oder am Opferfest das Grab ihrer Toten. Die meisten rezitieren den Koran am Grab ihrer Angehörigen. Gleichwohl findet sich in traditionell­ muslimischen Gesell­schaften die Praxis der Totenklage, so bei­spielsweise im Iran, im Irak oder in der Ost­türkei.

Totenklage mit lautem Schreien, Haare raufen, sich die Kleider vom Leibe reissen, sich das Gesicht zerkratzen und dergleichen sind verboten, weil man davon ausgeht, dass durch diese Handlungen die Totenruhe ge­stört wird. Dennoch ist die «islamische Welt» reich an solchen Klageritualen, die sich von Land zu Land, von Region zu Region unter­scheiden und von unterschiedlich langer Dauer sind.

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Wenn ihr einen Trauer­zug seht, so steht auf, bis dieser an euch vorbeigeht oder (bis) der Sarg abgesetzt wor­den ist! Nummer 1590 des Hadith im Sahih Muslim (nur auf Arabisch).

EMINE MERAL


Hinduismus

Die Hindus glauben an die Wiedergeburt, hoffen aber, nicht wieder geboren zu wer­den, sondern direkt zu Gott zurückzukeh­ren. Deshalb betet die Familie nach dem Tod zuhause das Totengebet, wenn möglich mit einem Totenpriester. Die Familien kommen oft in Bedrängnis, weil es in der Schweiz keinen Totenpriester gibt und sie den Toten nicht so lange zuhause behalten können, bis ein Priester aus dem Ausland hergereist ist. Solange der Tote zuhause ist, wird der Trauerfamilie das Essen von Freunden ge­bracht.

Sohn, Bruder oder Vater begleiten den Verstorbenen zur Kremation. In der Schweiz ist die traditionelle offene Verbrennung am Fluss nicht möglich. Aber die nächsten An­gehörigen – meist die männlichen – beglei­ten die Kremation mit ihren Gebeten. Damit ein Hindu nicht wieder geboren werden muss, muss die Asche, begleitet durch spe­zielle Gebete, in einen heiligen Fluss ge­streut werden. Viele Tamilen fliegen deshalb mit der Asche ihrer Verstorbenen nach In­dien an den heiligen Ganges. In Sri Lanka gibt es im Norden und im Süden je einen hei­ligen Fluss. Hier wird manchmal ein kleiner See ausgesucht, der als heiliger Ort «adop­tiert» wird.

Die Gebete finden zuhause in der Fami­lie statt. Oft wird aber dem Priester, der die Gebete und Zeremonien im Tempel durch­führt, der Name des Verstorbenen auf einen Zettel geschrieben, damit er im Tempel für ihn betet. Die offizielle Trauerzeit dauert bis zum 30. Tag. In dieser Zeit wird die Fa­milie jeden Tag besucht. Am 31. Tag wird zu­hause nochmals ein spezielles Totengebet verrichtet. Das Jahresgedächtnis wird nicht genau am Todestag begangen. Die Astrolo­gen berechnen dafür den für den Verstor­benen besten Tag, der möglichst nahe am eigentlichen Jahrestag liegt. Deshalb kann sich dieser Erinnerungstag jedes Jahr leicht verschieben.

SUNTHAR BALASUBRAMANIAM 


Judentum

Kranke werden von einem Mitglied der Bikkur Cholim, einem Verein, der sich um die kranken Menschen kümmert, besucht.  In der Orthodoxie kümmern sich Männer nur um Männer und Frauen nur um Frauen. Liegt jemand im Sterben, wachen diese Menschen, zusammen mit Familie und Angehörigen, der Chevra Kaddischa, der Heiligen Bruder­ und Schwesternschaft, rund um die Uhr bei der  oder dem Kranken. Ist der Tod eingetreten, dann kümmern sich nur noch die Chevra Kaddischa um den Toten, die Tote.

Nach Feststellung des Todeseintritts wird die Leiche rituell gewaschen und für die Beerdigung vorbereitet. Diese soll mög­lichst innerhalb von 24 Stunden stattfin­den. Mann oder Frau werden in ihr «Sar­genes», ein weisses Hemd, gekleidet und in einen einfachen Holzsarg gelegt, in Israel nur in ein weisses Leintuch gehüllt. So wie der Mensch in die Welt kam, so soll er sie verlassen. Dann wird der oder die Verstorbene auf dem Friedhof der Gemeinde, mit dem Kopf in Richtung Jerusalem, beerdigt. Im Hinblick auf die Auferstehung sollen jü­dische Friedhöfe bis ans Ende der Zeiten be­stehen bleiben.

Danach beginnt die erste Trauerzeit, die siebentägige «Shiva». Die Familie bleibt mit Verwandten in der Wohnung, kocht nicht, wird von Freunden und Nachbarn mit Essen versorgt. Bis zum Dreissigsten sollen die Trauernden nicht auf den Friedhof gehen.  Nach dem Dreissigsten wird nur noch für die engsten Familienmitglieder bis zur ersten Jahrzeit getrauert. Das heisst, man vermei­det Freudenfeste und heiratet nicht in die­ser Zeit. Die Grabsteinsetzung findet meis­tens ein Jahr nach dem Tod oder der Be­erdigung statt.

Zu jeder Jahrzeit spricht der Sohn, in Reformgemeinden auch die Tochter, das Kad­disch, das Totengebet. Zuhause wird eine spezielle Kerze, die sogenannte Jahrzeit­kerze, die mindestens 24 Stunden brennen muss, angezündet.

TANJA ESTHER KRÖNI


Christentum

In der christlichen Tradition gibt es zum einen Gedenktage, die sich auf den jeweiligen Verstorbenen beziehen. Ein erstes Gedenken findet ungefähr 30 Tage, nach dem Tod, dem Begräbnis statt, ein zweites nach einem Jahr. Zum anderen gibt es seit dem 4. Jahrhundert ein Totengedächtnis der ganzen Kirche. Zunächst bezog sich dieses aber nur auf die Märtyrer. Ursprünglich am Sonntag nach Pfingsten gefeiert, verlegte man den Gedenktag im 8. Jahrhundert auf den 1. November und erweiterte ihn zu einem Gedenktag für alle Heiligen.

Obwohl Allerheiligen ein katholisches Hochfest ist, steht es etwas im Schatten von Allerseelen. Bereits am Nachmittag von Allerheiligen findet vielerorts auf katholischen Friedhöfen eine Gedenkfeier für die Verstorbenen statt. Im Zentrum dieser Feier steht der Glaube an die Auferstehung, weshalb die Symbole aus der Osternacht – Taufwasser und

Osterkerze – eine wichtige Rolle spielen. Es wird Wasser geweiht, mit dem der Friedhof gesegnet wird. An der Osterkerze entzünden die Mitfeiernden ein eigenes Licht. Im Anschluss an die Feier schöpfen sie von dem Wasser und besuchen dann die Gräber ihrer Angehörigen. Sie sprengen das Wasser über die Gräber und lassen das Licht dort. Sie geben so ihrem Glauben Ausdruck, dass die Verstorbenen durch die Taufe zu dem gehören, der an Ostern den Tod überwunden hat: zu Jesus Christus. Der Brauch, an Allerheiligen Lichter auf die Gräber zu stellen, hält auch in reformierten Friedhöfen mehr und mehr Einzug.

In den Gottesdiensten von Allerseelen am 2. November ist es Brauch, die Menschen der Pfarrei namentlich zu erwähnen, die seit dem letzten Allerseelentag gestorben sind. Zu diesem Tag gehört es auch, dass die im Vorfeld schön geschmückten Gräber besucht werden. Beides tun auch die reformierten Christinnen und Christen – allerdings erst am letzten Sonntag des Kirchenjahres, am Sonntag vor dem ersten Advent, dem «Ewigkeitssonntag».

ALEXANDRA DOSCH


Buddhismus

In vielen buddhistischen Ländern ist die Ahnenverehrung ein wichtiger Bestandteil des alltäglichen Lebens. Es gibt also einen kleinen Hausaltar, an dem Kerzen und Rauchwaren entzündet werden. Die Toten sind also immer lebendig da. Durch Riten von Mönchen bemüht man sich, das «Karma» der Verstorbenen zu verändern. In manchen Zen-Schulen kann man Verdienste erwerben, zum Beispiel durch Meditation, die man anderen zukommen lässt. In manchen Gegenden – und abhängig von der jeweiligen Zen- oder sonstigen buddhistischen Schule – gibt es grosse Feiern für die Toten an einem Tag. Man rezitiert die heiligen Texte, es wird gegessen und getrunken. In anderen Gegenden sind zu anderen Zeiten Feiern vorgesehen. Es gibt keine Einheitlichkeit wie bei uns Allerseelen oder Totensonntag.

Bezüglich Sterbeprozess ist da als Erstes die «Zufluchtnahme zu Buddha» – ein tägliches Rezitieren dieses Textes wird auch bei und mit dem Sterbenden vorgenommen, ebenso wie der darauffolgende Text, das «Bekenntnis». Ganz wichtig ist aber das «Kanzeon» – ein alltägliches Sutra, das mit dem Sterbenden und dann auch für ihn rezitiert

wird, auch über seinen Tod hinaus. Im Alltag wird es siebenmal hintereinander gesprochen, bei einem Menschen, der gestorben ist, zu bestimmten Tagen nach seinem Tod – aber während des Sterbeprozesses ohne Unterlass. Diese Angaben gelten für meine eigene Schule aus dem Zen-Buddhismus. Es ist in den verschiedenen buddhistischen

Schulen, die teilweise sehr unterschiedlich sind, auch in den Ritualen eine grosse Freiheit. In einigen Schulen wird mit dem Sterbenden «Tonglen» geübt – eine Schulung von Mitgefühl und Nächstenliebe. Hier werden die eigenen Schmerzen, aber auch die Schmerzen anderer, eingeatmet und mit einer positiven Losung ausgeatmet. Zum Beispiel: Ich atme den Schmerz meiner Kinder über mein Sterben ein – im Ausatmen sende ich ihnen Güte und Liebe.

HOJI ANJU BRENDEL