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Gönn dem Verstand eine Pause

Häufig ist von einer Rückkehr der Rituale die Rede. Wie kann etwas zurückkehren, ohne das der Mensch gar nicht leben kann?

Im Appenzellerland kann man in Kursen den alten Brauch des Betrufens erlernen. – An der «Street Parade» strömen Hunderttausende durch Zürich. – Und nur viermal durfte «The World’s Largest Time Piece» zur Weihnachtszeit über der Bahnhofstrasse leuchten. – All diese Beispiele haben eines gemeinsam: Sie demonstrieren das starke Bedürfnis nach Ritualen und Traditionen.
Wenn sich eine Pfarrei an Fronleichnam einfallen liesse, unter frommen Gesängen und Rosenkranzgebet hinter einer Monstranz durch Zürich zu ziehen, dann würde das in der Öffentlichkeit als schräge Veranstaltung empfunden. Wenn dagegen Hunderttausende in alltagsferner Festgewandung unter monoton pulsieren-den Rhythmen ihren Lovemobils zujubeln, dann ist das ein Event, der von der Stadt als Tourismusförderung begrüsst wird.

Die «Street Parade» mit einer Fronleichnamprozession zu vergleichen, ist provokativ, weil inhaltlich, zumindest oberflächlich betrachtet, kein Zusammenhang besteht. Man kann die «Street Parade» als rein hedonistischen Klamauk abtun – obwohl sich hinter deren Erfolg mit Sicherheit eine aufrichtige Portion Sehnsucht nach tiefer Lebensfreude und solidarischer Gemeinschaft verbirgt.
Der Vergleich soll jedoch nicht in erster Linie provozieren, sondern daran erinnern, wie erfolgreich das Christentum während Jahrhunderten fremdes Brauchtum für eigene Zwecke ausgebeutet hat. Diese Fähigkeit, sich mit Vitalität, Phantasie und unerschütterlichem Selbstbewusstsein Rituale anzueignen, ist mit ein Grund dafür, dass das Christentum bis heute die einzige wirklich globalisierte Religion geblieben ist. Im Vergleich dazu erscheint der «Ritualklau» unserer Tage harmlos. 

Dennoch passiert dem Christentum nun dasselbe, was es einst anderen Kulturen «angetan» hat. «Die globale Erlebnisgesellschaft entdeckt Rituale wieder, erfindet sie neu oder importiert sie aus fremden Kulturen», sagt der Indologe Axel Michaels von der Uni Heidelberg im «Spiegel».
Christliche Rituale werden transformiert, nicht weil man das Christentum bekämpft, sondern weil es sich hier um Ur-Rituale für Ur-Bedürfnisse handelt. Besonders stark gilt das natürlich in Lebensbereichen, die als Nahtstellen empfunden werden, also Geburt, Heirat und Tod. Und genau hier ist bezeichnenderweise die Nachfrage nach den «originalen» kirchlichen Ritualen am grössten – aber auch nach Alternativformen.
Christliche Rituale werden transformiert, nicht weil man das Christentum bekämpft, sondern weil es sich hier um Ur-Rituale für Ur-Bedürfnisse handelt. Besonders stark gilt das natürlich in Lebensbereichen, die als Nahtstellen empfunden werden, also Geburt, Heirat und Tod. Und genau hier ist bezeichnenderweise die Nachfrage nach den «originalen» kirchlichen Ritualen am grössten – aber auch nach Alternativformen.
Wenn Fans ihren Popstar unbedingt berühren wollen, oder wenn ein Racket, das Roger Federer geschwungen hat, teuer versteigert werden kann, dann steckt dahinter nichts weniger als Reliquienkult, also der Glaube daran, dass heilige Kräfte weitergegeben werden können, indem man Gegenstände anfasst, die mit dem Heiligen selbst in Berührung gekommen sind.

Den Ring des Papstes zu küssen, ist also nicht vorgestrig, sondern urmenschlich. Die Frage ist nur, was man für sich selbst als verehrungswürdig definiert. Nicht das Heilige und die Heiligen wurden also abgeschafft, sondern die alleinige Verfügungsgewalt der Kirche darüber, was als heilig zu gelten hat und was nicht.
Rituale versprechen – unabhängig von ihrem Inhalt – immer einen «Vereinfachungszauber». Sie reduzieren komplexe Zusammenhänge auf eindeutige Handlungen. So, wie ich rechnen kann, ohne mathematische Zusammenhänge zu erkennen, so kann ich dank Ritualen Situationen meistern, ohne sie zu durchschauen. Dank Anstandsregeln müssen wir uns nicht permanent fragen, ob das Gegenüber unsere Wertschätzung verdient.

Immer wieder gibt es natürlich Versuche, diesen «Vereinfachungszauber» zu brechen, weil man das Gefühl hat, als denkender Mensch sei man zur Differenzierung verpflichtet.

Also wurde beispielsweise der Händedruck als Begrüssungsritual durch den Kuss ergänzt. Geschäftspartner drückt man die Hand – Freunde küsst man. Nur, wie definiert sich Freundschaft? Ab wann ist jemand «kusswürdig»? Schliesslich hat sich die Differenzierung des Rituals praktisch von selbst wieder erledigt, weil man entweder Begrüssungsküsse genauso wahllos verteilt wie Händedrücke, oder weil man sich den Kuss wieder für den Ausdruck intimer Verbundenheit aufspart.
Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist der Friedensgruss in der katholischen Liturgie. Ursprünglich war er ein Friedenskuss, der sich zu einer ritualisierten Umarmung wandelte, bis im Gemeindegottesdienst ein Händedruck übrig blieb.
Dagegen wird oft eingewendet, ein Händedruck sei wahrhaftig kein herausragendes Zeichen für Friedfertigkeit und Verbundenheit. Das stimmt! Aber wie gross würde wohl der Widerstand gegen das Ritual, wenn man die Gottesdienstbesucher wieder zur Umarmung oder gar zum Friedenskuss auffordern würde? Hinter jedem Ritual steckt eine Realität.

Rituale haben in sich etwas Irrationales, weil sie den Akzent von der Analyse auf Handlung und Wirkung verlegen. Ein Ritual vollzieht man nicht aus Einsicht. Es geht nicht darum, Ursache und Wirkung mit seiner Vernunft zu durchdringen. Das Ritual verspricht eine Wirkung, ohne dass man sich um die Ursachen zu kümmern braucht.
Diese voraufgeklärte Haltung gilt heute auch unter Gläubigen als «unmündig». Unmündig bedeutet dann beispielsweise, daran zu glauben, dass man in Lourdes Hei-lung finden kann, und dass es Wirkung zeigt, für einen Menschen eine Kerze anzuzünden. Der aufgeklärte Mensch scheint es sich auch in Glaubensfragen zum Grundsatz gemacht zu haben: Ich glaube nur, was ich begreife, und was mir vernünftig erscheint.

Das ist ein ungeheurer Anspruch, der uns in letzter Konsequenz dazu zwingt, als Individuum von A-Z alles leisten zu müssen, von der Analyse bis zur Problemlösung, als wären wir Patient, Analytiker und Therapeut in einer Person.
Von diesem Anspruch sind wir – auch die Rationalsten unter uns – vollständig überfordert. Gleichzeitig spüren wir aber, dass uns die Flucht zurück in einen magisch-naiven Kinderglauben verwehrt ist. Wir stehen damit vor der paradoxen Situation, dass wir von unserem Verstand überfordert werden und gleichzeitig ohne diesen Verstand die Überforderung nicht überwinden können.

Wir stehen vor der Herausforderung – so wie es die mittelalterlichen Mystiker bereits erkannt haben – bewusst unser Bewusstsein, rational unsere Rationalität und verständlich unseren Verstand aufzugeben.
Das Wort «aufgeben» deutet an, unter welchen Vorzeichen diese paradoxe Situation gelöst werden kann. Wir verleugnen unseren Verstand nicht, sondern geben ihn hinauf, vertrauen ihn Gott an.

Oder, wie es Søren Kierkegaard in einem anderen Bild beschrieben hat: Erst wenn wir uns fallen lassen, werden wir erleben, dass da eine Hand ist, die uns auffängt. Wir können unser Ur-Vertrauen also nur dann zurückgewinnen, wenn wir bereit sind, auch ein Ur-Risiko einzugehen.
Das bewusste Wiederentdecken und die Pflege von Ritualen könnten dabei eine Hilfe sein. Gewissermassen als Einübungen ins Fallen-Lassen. Dazu gilt es allerdings, zwei scheinbar entgegengesetzte Regeln zu beachten: Rituale müssen alltägliche Routine werden, sie benötigen also die häufige, gleichförmige Wiederholung. Und Rituale müssen sich vom Alltag abheben, deshalb bekommt ihnen ein gesundes Mass an Theatralik, Verspieltheit und Geheimnis gut.

Zuallererst muss sich jedoch die Kirche bewusst werden, dass Rituale an ihrer Wirkung gemessen werden. Wenn wir also Gottesdienste und das «Mahl der Liebe» feiern, dann wäre es für die Glaubwürdigkeit unserer Rituale von immensem Vorteil, wenn sich Gemeinschaft und Liebenswürdigkeit auch tatsächlich einstellen würden. 

Thomas Binotto (erstmals publiziert in forum 17/2009)