Schlusstakt: Narrenschiff

Pummelig im Trend

Sind Sie auch so wenig Influencer, dass Sie nicht einmal eine Grippe übertragen können? – Aber am 5. November 2018 – 6:30 Uhr – da traf mich der Superheldenblitzschlag: Endlich bin auch ich ein Trendsetter!

Die sensationelle Kunde wurde mir vom Regionaljournal Zürich-Schaffhausen überbracht: «Die Stadt Zürich überarbeitet ihre Gesundheitskampagne für Jugendliche. Sie reagiert damit auf die Resultate der neusten Befragung. Viele Jugendliche essen zu wenig oder treiben zu viel Sport, weil sie einem ungesunden Schönheitsideal nacheifern.»

Diese Nachricht traf mich so unvermutet, ich musste mir die Augen gleich zweimal reiben. Und war irgendwie auch ratlos. Sollte mein Widerstand gegen Gesundheitskampagnen aller Art nun plötzlich zu Ende sein? Diesen Schock frühmorgens musste ich erst einmal verdauen. Zumal ich ausgerechnet heute ganz nah dran war, klein beizugeben. Gerade wollte ich nämlich mein Spiegelbild aufrütteln: Weniger essen! Gesünder essen! Mehr Sport treiben! Endlich schön werden!

Nächste bange Frage: Wohin soll ich nun mit all dem schlechten Gewissen, das mich jahrelang geplagt hat? Weil ich doch vor aller Elternwelt geheim gehalten habe, dass meine Kinder unter «5 am Tag» wahrscheinlich bis heute einen Bud Spencer/Terrence Hill-Marathon in den Weihnachtsferien verstehen.

Man kann sich ganz schön einsam fühlen, wenn der erhobene Zeigefinger plötzlich eingefahren wird. Und um über den Trennungsschmerz hinwegzukommen, habe ich mir die Eckpunkte der nächsten Kampagne ausgemalt: Junk- Food-Tage in der Mensa. – Pummelige geben Ernährungstipps. – Sport wird rationiert. – Okay, «5 am Tag» kann bleiben, aber statt Früchte und Gemüse sind die 5 nun: Gipfeli, Schoggistängeli, Hamburger, Rahmnüdeli und Coca-Cola.

Und so habe ich mich für ein paar Minuten als Trendsetter schlechthin gefühlt und mir beim hastig improvisierten Sektfrühstück selbst zugeprostet. Es eilte, denn mir war bewusst, dass der Triumph nur von kurzer Dauer sein würde. In meinem innersten Innern ist mir klar: Ich bin eine stehen gebliebene Uhr, die nur zweimal im Leben «just in time» geht. 

Warnung auf der Packungsbeilage: Dieser Triumph der Sturheit ist mit Vorsicht zu geniessen. Wie schon Sigmund Freud ungefähr gesagt hat: Manchmal ist stur auch einfach nur stur.

Text: Thomas Binotto