Stolpersteine: Demut

Seid demutig!

Ich gehe nicht gerne ins 3D-Kino. Als Brillenträgerin müsste ich dann jeweils zwei Brillen tragen, das ist zu viel des Guten.

3D bedeutete für uns Frauen lange: Dienen, Danken, Dürfen. Das alles unter dem Deckmantel der Demut, ja vielleicht sogar Opferbereitschaft, die uns Frauen so gut stehen soll!
Aber wie mir die zweite Brille für 3D-Filme nicht steht und nicht gefällt, genauso steht mir die Demut – so verstanden – gar nicht. Und dies nicht aus Eitelkeit!

Demut kommt vom Althochdeutschen «diomuoti», was so viel wie dienstwillig heisst. Wikipedia geht in der Erklärung des Begriffs noch weiter und schreibt: «Im christlichen Kontext bezeichnet Demut die Haltung des Geschöpfes zum Schöpfer.»
Das hat nichts zu tun mit «Selbsterniedrigung». Gott hat ein Gegenüber gesucht und uns Menschen erschaffen. So wie auch Mann und Frau als Gegenüber geschaffen und gedacht sind, nicht als Herrscher und Beherrschte, als Befehlshaber und Gehorsame, als mutig und demütig.

Und was bleibt nun von der Demut? DeMut beinhaltet ganz viel Mut! Mut zur gegenseitigen Begegnung in Würde und Achtung, Mut zum Überwinden von Egoismus und Narzissmus. Mut zum Leben in Fülle für alle.
Deus ist lateinisch das Wort für den alleinigen Gott. Gerne strapaziere ich die Wortwurzel von DeMut und sage, die Wortsilbe «De» in Demut komme von Deus. Für mich macht diese Überlegung das Wort «Demut» mutiger und kräftiger, es verliert dadurch den Opfergedanken, der sonst hinter dem Wort lauert.

Demut als Grundhaltung bewahrt den Mut auch vor Übermut und bringt Gottvertrauen ins Spiel. Auf diese Weise hat Demut einen guten Platz im Glaubensleben verdient. Eine de-MUTIGE Herzenshaltung verhindert, dass wir Geld, Konsum und Likes als Lebensziel und einziges Glück sehen.

Der Massstab Gottes misst andere Werte! Menschwerdung ist gefragt. Und dazu braucht es Mut und Demut. «Dienstwilligkeit» soll unser Tun bestimmen, damit unser Handeln dem Leben dient. «Damit alle Leben und Überfluss haben», wie es im Johannes-Evangelium heisst (Johannes 10,10). Dazu sind keine Brille und auch keine dritte Dimension nötig. Einfach und klar: Mut und Demut stehen Frauen und Männern gut!

Text: Rita Inderbitzin, Seelsorgerin Bahnhofkirche Zürich