Klosterladen

Das neue Alte

An der Spital-Gasse im Zürcher Niederdorf gibt es einen Klosterladen und eine Kapelle. «Oremus» heisst das Projekt, das junge Menschen im Getriebe der Stadt erreichen möchte.

Um die Kapelle zu entdecken, muss man schon suchen. Anders ist es beim Klosterladen. Hell und aussergewöhnlich schlicht, keine Werbung, drinnen Stille. Der Laden fällt auf und fällt auch wieder nicht auf. Kleine und grosse Gläser stehen da, Pesto, Konfitüren, Wein und Schnaps, mit schön gestalteten Etiketten. Holzfiguren aus biblischen Erzählungen, Rosenkränze und einige Bücher. Beinahe alles hier stammt aus Klöstern der Schweiz, aus Frankreich und Österreich. Ein Laden mit Devotionalien, heiligem Krimskrams, wie zu Grossmutters Zeiten? Oder eine hippe Erscheinung, nüchtern designed, bewusst inszeniert, als könnte ein neuer Zweig urbaner Ernährungskultur bald «Holy Food» heissen? Traditionelles soll hier wieder neu unter die Leute kommen.

Initiant ist der Priester René Sager, der von einem inneren Wunsch angetrieben wird: junge Menschen zu erreichen, mitten in der Stadt, mitten im Stress, mitten im Konsum. «Die jungen Menschen kennen die Stille nicht mehr», sagt er und erzählt von so manchen – ja, vor allem jungen – die mit ihren Gedanken, Sorgen und Fragen in die Kapelle kommen. Und der Klosterladen? «Wir bieten Produkte an, die auf einen anderen Lebensstil aufmerksam machen. In Klöstern lebt man achtsamer, schaut auf die Schönheit und Qualität der Produkte», sagt Agnieszka Rychlewska. Sie kommt gerne in die «Oremus»-Kapelle und engagiert sich für das Projekt. Sie hat die Leitung des Ladens übernommen, in dem zehn weitere Freiwillige mitarbeiten. Hier geht es also nicht nur ums verkaufen.

Christliche Präsenz im urbanen Umfeld schaffen wollen René Sager und Agnieszka Rychlewska mit «Oremus».

Christliche Präsenz im urbanen Umfeld schaffen wollen René Sager und Agnieszka Rychlewska mit «Oremus». Foto: Christoph Wider

Christliche Präsenz im urbanen Umfeld schaffen wollen René Sager und Agnieszka Rychlewska mit «Oremus».

Christliche Präsenz im urbanen Umfeld schaffen wollen René Sager und Agnieszka Rychlewska mit «Oremus». Foto: Christoph Wider

Einblick in den Klosterladen «Oremus».

Einblick in den Klosterladen «Oremus». Foto: Christoph Wider

Einblick in den Klosterladen «Oremus».

Einblick in den Klosterladen «Oremus». Foto: Christoph Wider

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Sager geht es mit «Oremus» um eine christliche Präsenz mitten unter den Leuten in der Stadt, in einem Umfeld, das zusehends die Verwurzelung in der christlichen Tradition verliere. «Wir haben unglaubliche Schätze in unserer Tradition, die nicht verloren gehen dürfen», ist er überzeugt. Dazu gehört für ihn die Eucharistie. Wer die Kapelle von «Oremus» betritt, findet auf dem Altar die Hostie, das gewandelte Brot aus der Messfeier. Vor der Hostie können Menschen beten, in Stille. «Oremus» heisst ja übersetzt aus dem Lateinischen auch «Lasst uns beten». Diese Form des Gebets vor der Hostie heisst eucharistische Anbetung und ist ausschliesslich in der katholischen Kirche zu Hause.

Wie erklärt Sager diese Tradition Passantinnen und Passanten? «Jeder von uns sucht die Liebe, weil das unsere geistige DNA ist. Junge Menschen suchen sie oft im Konsum und werden traurig und trauriger», sagt er und erzählt von der einen oder anderen Erfahrung, die er gemacht hat als Seel-sorger. «In der Anbetung finden wir die Liebe, die wir brauchen. Es ist eine Begegnung mit Gottes Liebe.» Von dieser Liebe Gottes soll wiederum der Klosterladen erzählen, nach aussen hin. «Schön, echt und wahr – das sind die Qualitäten Gottes und die soll der Laden ausstrahlen für Menschen, die das Angebot hier noch nicht kennen.» Vor zweieinhalb Jahren eröffnete René Sager die Kapelle, den Klosterladen gibt es nun bald ein Jahr. Getragen wird das Projekt vom Verein «Oremus», der hauptsächlich von privaten Spenden lebt. Eine regelmässige finanzielle Unterstützung kommt zum Beispiel von der privaten Schweizer Seelsorge-Stiftung.

«Oremus» ist eine katholische Neugründung, die neben den gewachsenen Pfarreistrukturen entstanden ist. Xaver Baumberger, Präsident der Schweizer Seelsorge-Stiftung, meint dazu, dass er es wichtig finde, verschiedene Angebote zu lancieren, um möglichst viele Menschen zu erreichen. «Die Angebote der Anbetung, Seelsorgegespräche für junge Leute und Messfeiern, wie sie Oremus anbietet, gibt es auch in den Pfarreien Zürichs, ebenfalls mitten in der Stadt», nennt Josef Annen, Generalvikar von Zürich und Glarus, einen Grund, warum die Kirche im Kanton Zürich das Projekt nicht mitfinanziert. «Warum arbeitet Pfarrer Sager nicht in einer unserer Pfarreien mit?», fragt er. Gerade suchende Menschen in der Stadt könnten von «Oremus» auch irritiert sein, zum Beispiel von der Art, dort den Glauben zu leben.

René Sager ist mit «Oremus» Kirchenrektor einer eigenen Kapelle. Er trägt die klassische Priestertracht mit Römerkragen, er spricht von Messopfer, nicht von Messfeier, er feiert den Gottesdienst mit dem Rücken zum Volk. «Ich finde es wichtig, dass wir nicht Angst haben vor unserer Kirche, die auch Traditionen hat», sagt Sager dazu. Er ist von der alten Liturgie überzeugt. «Dass das Opfer bei der Messe wieder in den Mittelpunkt kommt, das interessiert die jungen Leute viel mehr, als mich im Mittelpunkt zu sehen», sagt er. Überzeugt ist er auch, etwas Neues zu beginnen. «Das müssen wir neu lernen: aufbrechen, probieren, auch wenn wir uns dabei den Kopf anschlagen. Macht ja nichts. Aber der Geist Gottes führt uns ins Neue.»

Josef Annen sagt: «Wenn etwas vom Heiligen Geist ist, wird es Bestand haben, andernfalls wird es wieder verschwinden. Da halte ich es ganz mit der Bibel. Ich habe dem Projekt daher auch von Anfang an keinen Stein in den Weg gelegt.» Immer auch sind es kirchenpolitische Abwägungen, Diskussionen innerhalb der Kirche. Es ist das Ringen über die Generationen hinweg, dem Glauben einen guten, echten Ausdruck zu geben. Begriffe wie «neu» und «alt», «konservativ» und «liberal» scheinen zu verschwimmen: «Oremus» ist eine neue Struktur. Die Pfarreien sind älter. In den Pfarreien wird die Liturgie auf neue Weise gefeiert. In «Oremus» nun wieder auf eine ältere.

«Das ist auch das Schöne am Klosterladen», sagt Agnieszka Rychlewska, «Er steht abseits von politischen Diskussionen. Hier sollen Menschen einfach gute Produkte finden, die sie schätzen und gern kaufen.» René Sager selbst schwärmt übrigens von der Aprikosenkonfi aus dem Benediktinerkloster von Barroux. «Die Aprikosen von dort sind einfach himmlisch. Ein Löffel Konfi und man denkt, man würde direkt unter einem Baum sitzen und in eine Frucht beissen.» Im Klosterladen beginnt man nun bald, die Geschenkboxen für Weihnachten vorzubereiten.

Text: Veronika Jehle