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Kirchenkrise – Glaubenschance

Der Advent ist eine Fastenzeit. Das Kirchenjahr beginnt also besinnlich, aber nicht heimelig im Lichterglanz. Die Lage in unserer Kirche gibt reichlich Stoff zur Besinnung. Beispielsweise darauf, dass jede Krise ihre Geschichte hat.

Als sich Napoleon Bonaparte am 2. Dezember 1804 in Notre-Dame de Paris selbst zum Kaiser krönte, war damit eine Demütigung des Papsttums verbunden. Papst Pius VII. wurde erpresst, an der Zeremonie teilzunehmen. Nur so konnte er die Territorien des Kirchenstaates zurückgewinnen, die von französischen Truppen einige Jahre zuvor besetzt worden waren.

Damit kam symbolträchtig zum Ausdruck, welchen Machtverlust die katholische Kirche innerhalb weniger Jahre erlitten hatte. Durch die Aufklärung wurde aber auch das Monopol der Kirche auf geistige und wissenschaftliche Weltdeutung gebrochen. Technologischer Fortschritt, naturwissenschaftliche Erkenntnisse, Industrialisierung und politische Umwälzungen, künstlerische Schöpfung – alles ging nun ohne den Segen der katholischen Kirche.

Mit dieser ungewohnten Rolle konfrontiert, ging die katholische Kirche vielleicht erstmals in ihrer Geschichte in Opposition zur Gesellschaft. Verankert und definiert wurde diese Opposition im I. Vatikanischen Konzil (1868–1870). Mit Trotz proklamierte die kirchliche Hierarchie nochmals ihren Absolutheitsanspruch: Zentralismus, Lehramt, Unfehlbarkeitsdogma.
Die Gesellschaft allerdings unterzog sich diesen Ansprüchen nicht mehr. Anstatt zu einer Rückkehr an die Macht kam es zum Rückzug ins Reduit. Der Grundstein zum katholischen Milieu als Parallelgesellschaft war gelegt.

Diese Opposition zur Gesellschaft, ihrer Entwicklung und ihrer Werthaltung wurde der katholischen Kirche von ihrer Hierarchie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verordnet. Von 1910 bis 1967 mussten Kleriker den Antimodernisteneid schwören. – Der römische Index, die Liste verbotener Bücher, wurde erst 1966 aufgehoben. – Noch 1963 wurde Paul VI. mit der Tiara gekrönt, dem Zeichen des weltlichen Machtanspruchs der Päpste.
Einmalig in der Kirchengeschichte ist auch die Selbstüberhöhung des Papstkults: Von den zehn Päpsten, die zwischen 1846 und 2005 regierten, wurden nicht weniger als vier heiliggesprochen: Pius X. im Jahr 1954, Johannes XIII. und Johannes Paul II. im Jahr 2014 und Paul VI. erst vor wenigen Wochen. Diese Häufung von Heiligsprechungen steht weit abseits jeder kirchlichen Tradition, wie ein Vergleich mit den tausend Jahren davor zeigt: Zwischen 885 und 1846 wurden ebenfalls vier Päpste heiliggesprochen.

Das Gemälde stellt die Ständeversammlung 1789 in Versailles dar.

Das Gemälde stellt die Ständeversammlung 1789 in Versailles dar. Foto: alamy

Das Foto entstand bei der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962 in Rom. Mit der Ständeversammlung ging der Absolutismus zu Ende. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hoffte man den kirchlichen Absolutismus zu beenden.

Das Foto entstand bei der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962 in Rom. Mit der Ständeversammlung ging der Absolutismus zu Ende. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hoffte man den kirchlichen Absolutismus zu beenden. Foto: KNA-Bild

Angelo Giuseppe Roncalli wird 1958 mit der Tiara zum Papst gekrönt. Die Papstkrone ist ein Symbol für den weltlichen Machtanspruch des Papstes. Vier Jahre später eröffnete Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil. Er hoffte, damit die Kirche aus ihrer Opposition zur Gesellschaft herauszuholen.

Angelo Giuseppe Roncalli wird 1958 mit der Tiara zum Papst gekrönt. Die Papstkrone ist ein Symbol für den weltlichen Machtanspruch des Papstes. Vier Jahre später eröffnete Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil. Er hoffte, damit die Kirche aus ihrer Opposition zur Gesellschaft herauszuholen. Foto: KEYSTONE/Luigi Felici

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In dieser Opposition zur Gesellschaft, diesem Machtanspruch und dieser Selbstüberhöhung ist jener Klerikalismus grundgelegt, den Papst Franziskus hauptverantwortlich für die aktuelle Kirchenkrise macht. Als die Kirche im Laufe des 19. Jahrhunderts in die Opposition ging, war es für die Kirchenleitung nur konsequent, ihre Priester vor dem vermeintlich verderblichen Einfluss der Gesellschaft fernzuhalten. Dadurch entstand innerhalb der katholischen Parallelgesellschaft eine priesterliche Kirche – ein doppelt abgeschotteter innerer Kreis, der sich als kirchliche Elite verstand.

Das Wort «Kirchenvolk» erhielt dadurch eine neue Bedeutung, weil der Klerus faktisch vom Volk separiert wurde. Diesem Kirchenvolk, den sogenannten Laien, wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Doppelleben zugemutet.
Auf der einen Seite waren sie Teil einer Zivilgesellschaft, die sie aktiv mitgestalten wollten. Von der sie auch geprägt wurden. Und andererseits wurden sie fest eingebunden in ein katholisches Milieu, das sich als Parallelgesellschaft verstand und organisierte. Als Folge wurden Katholiken in der Politik bis weit ins 20. Jahrhundert hinein misstrauisch beobachtet. Ihre Loyalität gelte letztlich nicht der Zivilgesellschaft, sondern dem Papst in Rom, wurde ihnen vorgeworfen.
Umgekehrt befürchtete die Kirchenleitung, das Kirchenvolk könnte der Zivilgesellschaft verfallen und damit die Werte und die Struktur der römischen Kirche gefährden. Dieses Misstrauen der Kirchenleitung gegenüber der Zivilgesellschaft ist nach wie vor deutlich spürbar. Es zeigt sich beispielsweise immer wieder in Attacken gegen die sogenannten «staatskirchlichen Strukturen» der katholischen Kirche in der Schweiz. In der Vehemenz, mit der man demokratische Strukturen in der Kirche bekämpft. Dahinter steckt dieselbe Angst vor Machtverlust, von der schon die Kirchenleitung im 19. Jahrhundert getrieben wurde.

Selbstverständlich gibt es seit dem 19. Jahrhundert immer wieder katholische Bewegungen, herausragende Frauen und Männer, die versuchen, die Kirche aus ihrer Oppositionsrolle zu befreien. Allerdings wurden diese Bewegungen von der Kirchenleitung weitgehend marginalisiert oder gar abgewürgt. Bis ausgerechnet ein Papst, der sich noch mit der Tiara hatte krönen lassen, die Kirche tatsächlich aus der Opposition herausführen wollte.
Es ist bezeichnend, welchen Stimmungsumschwung Johannes XXIII. mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils auslöste. Viele Kleriker konnten endlich aus dem Klerikalismus ausbrechen. Und sind bis heute nicht mehr klerikal geworden. Die Laien konnten endlich ihr zweigeteiltes Leben zwischen Zivilgesellschaft und kirchlichem Milieu aufgeben. Die katholische Kirche schien nach über 100 Jahren endlich wieder in der Gesellschaft angekommen.
Allerdings hat es das Konzil verpasst, die Strukturen des Klerikalismus wirklich zu beseitigen, also den inneren Kreis aufzubrechen und die Oppositionsführung abzusetzen. Ein Versäumnis, das die Kirche heute teuer zu stehen kommt.

Was Klerikalismus der katholischen Kirche im Verlaufe der letzten 150 Jahre angetan hat, entspricht dem Krankheitsverlauf der Hybris: Überheblichkeit, die in Selbstüberschätzung führt, in selbstherrliche Anmassung von Kompetenzen, in Realitätsverlust und schliesslich in Selbstzerstörung und Untergang.
Die Anzeichen von Hybris im Klerikalismus sind unübersehbar: Gewaltentrennung wird abgelehnt, weil Vollkommenheit keine Korrektur von aussen benötigt. Kommunikation geschieht nur noch von oben nach unten, weil die Wahrheit immer oben sitzt. Man nimmt sich selbst in seiner Erhabenheit vom Gesetz aus. Das System will sich selbst regulieren. Schuld sind immer die anderen.

Wie dramatisch die Situation ist, belegt der Brief von Papst Franziskus vom 20. August 2018. Darin bezieht er die Prophezeiung des Magnificat auf die Kirchenleitung selbst: «Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.» Tatsächlich wird der katholischen Kirche nun eine Rechnung präsentiert, die sich im Grunde über 200 Jahre lang angehäuft hat. Eine Rechnung, in der Machtmissbrauch besonders heftig zu Buche schlägt.
Dass dabei vor allem der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen thematisiert wird, darf niemanden überraschen, der das Evangelium wirklich ernst nimmt. Es ist in der Tat ungeheuerlich, dass sich Menschen an Kindern vergehen, Vertreter einer Kirche, die ein Kind in der Krippe als ihren König sieht und deshalb den bedingungslosen Schutz des Kindes so lauthals proklamiert. Wenn dann Vertreter der Kirchenleitung diese abscheulichen Verbrechen noch vertuschen, dann ist das, als ob sich die Kirche auf die Seite von Herodes geschlagen hätte.

Klerikalismus, diese zerstörerische Saat des 19. Jahrhunderts, muss tatsächlich dringend zerschlagen werden. Das Zeitalter der Aufklärung – im mehrfachen Sinn – ist endgültig auch für die katholische Kirche angebrochen. Das ist die Kirchenleitung vor allem den Opfern des Klerikalismus schuldig. Sie ist es aber auch all jenen Klerikern schuldig, die gar nicht klerikal sind, und es nie sein wollten. Sie ist es all jenen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schuldig, die ihre Macht nicht missbraucht haben. Sie ist es den Frauen schuldig, die man mittragen aber nicht mitleiten lässt. Sie ist es der Jugend schuldig, die nicht unter Altlasten erdrückt werden soll. Und sie ist es jenem ungeteilten Kirchenvolk schuldig, das sich wahrhaftig bemüht, die frohe Botschaft mitten unter den Menschen zu leben.

Wenn wir uns als Kirche im Advent besinnen, dann bedeute das auch, sich aus der Selbstfixierung zu lösen.  Die Kirche ist kein spirituelles Perpetuum mobile; keine Kraft, die sich selbst am Laufen hält; kein Gebäude, das sich selbst Fundament ist; kein System, das sich selbst reguliert. Die Kirche ist nur mit und durch Jesus Christus überhaupt Kirche.
Selbst dann, wenn die katholische Kirche in ihrer heutigen Form untergehen sollte, liegt immer noch dieses Kind in der Krippe. Von ihm geht die eigentliche Kraft aus. Es ist unsere wahre Hoffnung. Ihm gehört die Zukunft. Die Krise der Kirche ist deshalb auch eine Chance für unseren Glauben.

Wenn wir Weihnachten feiern, wollen wir mit und durch Jesus Christus zu Menschen unter Menschen zu werden. Wir wollen die Welt berühren und uns von der Welt berühren lassen. Wir wollen nicht definieren, also trennen, sondern versöhnen, also eins werden.

Text: Thomas Binotto