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Lukas lesen

Mit Beginn des neuen Kirchenjahres am 1. Adventssonntag stellt die Liturgie ein Jahr lang den ­Evangelisten Lukas ins «Rampenlicht». Was sind die Besonderheiten seiner Guten Nachricht?

 «Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas» – so werden ab dem ersten Advent – also ab dem 29. November – in den Gottesdiensten die Lesungen aus dem Evangelium fast immer beginnen. Die römisch-katholische Kirche hat seit dem II. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) den «Tisch des Wortes» reichlicher gedeckt und liest in der Liturgie im Dreijahresrhythmus jeweils eines der ersten drei Evangelien.

Im Advent beginnt also das Lesejahr C mit dem «Evangelium nach Lukas». Diese drei Worte machen bereits auf einiges aufmerksam, das uns zum besseren Verständnis helfen kann: Erstens gibt es zwar eigentlich nur ein Evangelium, nämlich das von «Jesus, dem Christus, dem Sohn Gottes», wie es im Markusevangelium gleich im ersten Vers so treffend formuliert ist. Diese «gute Nachricht» (denn so heisst «Evangelium» übersetzt), dass nämlich Jesus der Messias (griechisch: christos) und der Sohn Gottes ist, lässt sich allerdings verschieden ausfalten. Allein im Neuen Testament finden sich vier solcher Ausfaltungen des einen Evangeliums. Und heute wissen wir, dass es damals sogar noch wesentlich mehr gegeben hat.
Zweitens wird uns das Evangelium «nach Lukas» verkündet. Dieses Merkmal unterscheidet es von den anderen Evangelien. Denn jede Evangelienschrift hat ihre Eigenheiten. Im eben zu Ende gegangenen Lesejahr B hat es «nach Markus» etwas anders geklungen und auch das Lesejahr A «nach Matthäus» hat seinen eigenen Charakter. Die Evangelistenbezeichnungen sind den Evangelien übrigens erst spät hinzugefügt worden, um sie zu unterscheiden. Sie sind also nicht Teil des Evangeliums. Die Verfasser selbst nennen ihre Namen durchweg nicht. Deshalb wissen wir leider auch nicht, wer dieser «Lukas» war.
Drittens können wir aber entdecken, was am Lukasevangelium im Vergleich zu den anderen Evangelien speziell ist, was nur er erzählt, oder was er anders erzählt. Dadurch, dass man auf solche Besonderheiten achtet, kann ein Profil dieses Evangeliums entstehen. Wir sehen dann, was diesem Evangelisten in seiner Verkündigung an Jesus speziell wichtig war. Um dieses Besondere des Lukasevangeliums soll es in den folgenden Abschnitten gehen:

Kindheitsgeschichte
Eine Besonderheit des Lukasevangeliums entdecken wir bereits ganz zu Beginn. Anders als das älteste Evangelium, jenes nach Markus, stellt Lukas dem Bericht vom ersten öffentlichen Auftreten des Jesus von Nazaret seine Kindheitsgeschichte voran. Diese erzählt von der Geburt des göttlichen Kindes, allerdings ganz anders, als die damals bekannten Kindheitsgeschichten anderer berühmter Männer. So wird der Jesusknabe zum Beispiel nicht in einem Palast geboren wie der «göttliche» Augustus in Rom, sondern in einem Stall in Betlehem. Das Besondere dieses Jesus von Nazaret, der eben «nicht so ist wie die Mächtigen» (Lukas – abgekürzt Lk – 22,25), zeigt sich für Lukas von Anfang an. Durch die Kindheitsgeschichten schafft er zudem eine ganz wichtige Klammer zu seinem jüdischen Volk und dessen Heiliger Schrift.

Verwurzelt in der heiligen Schrift
Von Anfang an benützt Lukas zur Erklärung dessen, «was sich unter uns ereignet und erfüllt hat» (Lk 1,1), seine Heilige Schrift. Als Jude kennt er sich in den Überlieferungen seines Volkes aus und benützt nicht nur seine griechische Textausgabe der Heiligen Schrift, sondern ahmt diese Sprache der Bibel auch selber nach.
Für ihn geht die Befreiungsgeschichte Gottes mit seinem jüdischen Volk, die mit dem Auszug aus Ägypten begann, in Jesus von Nazaret weiter. Anders als andere – spätere – christliche Theologen vermag er keinen «Bruch» zu sehen zwischen dem Judentum und der Botschaft Jesu, im Gegenteil: Für ihn ist Jesus der Prophet, der geisterfüllt in der Lage ist, die Schrift zu deuten. «Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.» (Lk 4,21) Er «erfüllt die Schrift», indem er sie lebt: «Bis zu Johannes hatte man nur das Gesetz und die Propheten. Seitdem wird das Evangelium vom Reich Gottes verkündet …» (Lk 16,16)

Lukas, der Gleichniserzähler
Dieses «Evangelium vom Reich Gottes» entfalten Jesus von Nazaret und sein Evangelist vor allem in Gleichnissen. Gerade das Lukasevangelium überliefert uns die schönsten Beispielgeschichten. Was wäre das für ein Verlust, wenn wir nichts vom «barmherzigen Samariter» (Lk 10,29 – 37) oder vom «barmherzigen Vater mit den beiden Söhnen» (Lk 15,11 – 32) wüssten? Um wie viel wäre unsere christliche Botschaft ärmer ohne das «Gleichnis vom reichen Korn­bauern» (Lk 12,13 – 21), das «Gleichnis von der verlorenen Drachme» (Lk 15,8 – 10) oder jenes von «Pharisäer und Zöllner» (Lk 18,9 – 14). Aber auch das «Gleichnis vom ungerechten Verwalter» (Lk 16,1 – 8) wird uns nur bei Lukas überliefert. Und verstört – vor allem die Reichen – bis heute!

Der «Evangelist der Armen»
Gerade die «Reichen» haben es dem Evangelisten Lukas angetan. Anscheinend hatte er in seinen Gemeinden um das Jahr 85 bereits einige Leute sitzen, bei denen es an der Solidarität mit den Ärmeren haperte. So fügt Lukas – anders als Matthäus – an die Seligpreisungen der Armen auch gleich Weherufe gegen die Reichen an: «Weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht» (Lk 6,24 – 26). Damit sollte es ein jeder verstanden haben!

Der «Evangelist der Frauen»
Immer wieder hat man darauf hingewiesen, dass Lukas in besonderer Weise an den Frauenüberlieferungen interessiert ist. Nur Lukas erzählt davon, dass Jesus nicht nur Jünger, sondern auch Jüngerinnen gehabt hat: «Die Zwölf begleiteten ihn, ausserdem einige Frauen, die er von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt hatte: Maria Magdalene, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besassen» (Lk 8,1 – 3). Bei «dem, was sie besassen» muss man übrigens nicht nur an Geld denken, sondern auch an all die vielen anderen Gaben und Charismen, die eben nur Frauen besitzen. Jesus scheint keine Probleme damit zu haben, sich von Frauen begleiten zu lassen und von ihren Gaben zu profitieren.
Doch ist nicht nur von Frauen die Rede, die Jesus begleiten, sondern auch von vielen Begegnungen mit Frauen, von denen wir ohne Lukas nichts wüssten: «Die Mutter des Jünglings von Naïn» (Lk 7,11 – 17), die «Sünderin im Haus des Simon» (Lk 7,36 – 50) oder «Maria und Marta» (Lk 10,38 – 42).
Und nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang Maria. Kein Evangelist erzählt so viel von der Mutter Jesu: Sie wird schwanger vom Geist Gottes (Lk 1,35). Es ist Lukas, der uns ein Loblied der Maria, das Magnificat, überliefert: «Meine Seele preist die Grösse des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter …» (Lk 1,46ff). Maria ist vorbildlich im «Hören» (Lk 2,19.51b). Und deshalb ist es bei Lukas auch keine Kritik an Maria, wenn Jesus sagt: «Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln» (Lk 8,21).

«Über das Lukasevangelium sollte man keine Bücher schreiben. Man sollte es ganz einfach lesen», schreibt Hermann-Josef Vernetz in seinem immer noch lesenswerten Büchlein «Der Evangelist des Alltags. Streifzüge durch das Lukasevangelium». Über das Lukasevangelium sollte man in diesem Sinne wohl auch keinen Artikel schreiben. Wenn dieser Beitrag allerdings dazu verführen und dazu ermutigen sollte, das Lukas­evangelium zu lesen, dann hat er – ganz im Sinne von Venetz – doch wieder seine Berechtigung.

Text: Dieter Bauer, Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle in Zürich

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Nimm und Lies

Wer das Lukasevangelium für sich selber lesen möchte, kann natürlich einfach seine Bibel aufschlagen und damit beginnen. Insgesamt benötigt man dafür circa drei Stunden. Es ist tatsächlich auch sehr sinnvoll, dieses Evangelium einmal «am Stück» zu lesen. Genauso sinnvoll ist es aber, in einem zweiten Durchgang immer wieder innezuhalten und die einzelnen Abschnitte zu überdenken. Sehr gute Anregungen hierzu gibt ein ganz neu erschienener Kommentar, der den Text des Lukasevangeliums jeweils auf der rechten Seite in einer sehr wört­lichen Übersetzung abdruckt und auf der ­dazugehörigen linken Seite kommentiert.


«Die lebendigste Jesuserzählung. Das Lukas­evangelium»
Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2009. 288 Seiten. Fr. 39.–. Bestellung unter: www.bibelwerk.ch