Schlusstakt

Münchhausen macht Politik

Ehrlichkeit, Differenzierung und Verständnis für andere Meinungen gelten in der Politwerbung als verpönt. Wer die Stilfrage stellt, outet sich als Schwächling.

Vor jeder Volksabstimmung könnte man den Baron-Münchhausen-Preis gleich mehrfach vergeben. Und zwar – ganz schweizerisch harmoniesüchtig – nach einer einfachen Zauberformel: Der Preis ginge jedes Mal ex aequo an jedes Komitee, das Kampagnenwerbung betrieben hat. Denn ob die Plakate, Zeitungsannoncen und Internetbanner nun für ein JA oder ein NEIN werben, im extensiven Gebrauch schamloser Lügen und Übertreibungen herrscht einträchtiges Kopf-an-Kopf-Rennen.

Abstimmungskampagnen sind nicht ein Kampf der Argumente, sondern eine wilde Schlacht der Desinformation. Es muss halt alles auf einen Button passen. Soll knackig und träf sein. Uns emotional mitten in die Magengrube treffen und den Kopf nicht einmal ansatzweise streifen. Jedes Like heiligt das Fake.

Einig sind sich Kombattanten auch darin, dass es gar nichts bringt, auf die eigenen Argumente zu vertrauen. Was soll man uns Idioten auch mühselig komplizierte Sachverhalte erklären, wenn doch die Schauermärchen viel munterer und eingängiger daherkommen. Differenzierung ist der Tod jeder Quote. Und Selbstkritik ist Selbstmord. Anstatt mit uns zu diskutieren, wird uns deshalb mit dem Inferno gedroht: Wenn ihr nicht unsere Parole einlegt, dann geht die Welt subito unter, und ihr seid schuld!

Ich hätte nichts gegen ein Verbot von Politwerbung. Oder zumindest Auflagen wie bei der Zigarettenwerbung. Auf jedem Plakat, egal welcher Politmarke, müssten dann Warnhinweise stehen. Ein paar Vorschläge: «Dieses Plakat macht Sie zum Idioten» oder «Lügen zerstört Vertrauen» oder «Politwerbung verstopft ihre Denkleistung».

Man könnte auch ein Gesetz für Politwerbung erlassen. In diesem müsste dann beispielsweise stehen: Politwerbung darf nicht täuschen und nicht gegen den Grundsatz von Treu und Glauben verstossen. Vergleiche dürfen nicht unrichtig oder irreführend sein. Und sie dürfen die Konkurrenz nicht unnötig herabsetzen.

Aber Halt, dieses Gesetz gibt es bereits seit 32 Jahren. Es heisst «Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb».

Text: Thomas Binotto