Stolpersteine: «Hierarchie»

Rückbesinnung

Mit dem Begriff Hierarchie bringen wohl viele zunächst die katholische Kirche in Verbindung. Man denkt an klar gestufte Leitungsebenen. Man kann das Wort im religiösen Kontext aber auch ganz anders deuten.

Aus meinem langjährigen Griechischunterricht weiss ich zu genau, dass Worte mehrere Bedeutungen haben können. So auch Hierarchie. Es setzt sich zusammen aus «hieros», das man laut Wörterbuch mit heilig oder göttlich, aber auch mit stark oder kräftig übersetzen kann. Und das zweite Wort «archä» kann einerseits Anfang, Ursprung oder Prinzip, aber auch Herrschaft, Führung oder Amt bedeuten. Hierarchie kann also problemlos übersetzt werden mit «starker Herrschaft», «kräftiges Amt», aber eben auch mit «heiliger Ursprung» oder «göttliches Prinzip».

Wenn man die Kirchengeschichte überschaut, galt wohl die meiste Zeit die Bedeutung «starke Herrschaft». Macht, die einem Priester oder Bischof durch Weihe verliehen wurde, wurde oft auch missbraucht. Der sexuelle Missbrauch, der heute aufgedeckt wird, war nur eine Form davon. Aber Gott sei Dank gab es im Laufe dieser Jahrhunderte auch immer wieder «Hierarchen», die ihre Macht in dem Sinn verstanden, immer wieder an den «heiligen Ursprung», an Jesus Christus, zu erinnern. Als Person stehen sie dafür aufrecht und bezeugen mit dem eigenen Leben und Lebensstil, dass diese Herkunft oder diese Vision wegweisend ist und nie aus den Augen verloren gehen darf. Wir erleben gerade so eine Zeit an der obersten Stelle unserer katholischen Kirche.

Hierarchie nach diesem Verständnis meint damit keine pyramidale Leitungsstruktur. Es bezeichnet die Aufgabe aller Christinnen und Christen, sich selbst und andere immer wieder an unseren «heiligen Ursprung», an das Evangelium Jesu zu erinnern. Alle, die ihr Leben, ihren Auftrag daran ausrichten, haben Anteil an dieser Hierarchie. Da aber kein System ohne Leitung funktioniert, ist es für die weiter oben umso wichtiger, das Wort Hierarchie religiös zu verstehen und zu leben. Ihr Amt und ihre Führungsaufgabe besteht darin, kraftvoll immer wieder Gott ins Spiel zu bringen – ohne Herrschafts- oder Machtallüren.

Ich bin froh, dass ich in meinem Leben viele wertvolle Hierarchen und Hierarchinnen kennenlernen durfte!

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus