Editorial

Sehnsucht nach Neuem

Advent ist die Zeit der Lichter – in seiner tieferen Bedeutung aber ist Advent die Zeit der Krise, die uns innerlich aufreisst für den, der kommen möchte.

Mein liebstes Advent-Kinderbilderbuch erzählt von einem alten Hirten, der sehnsüchtig darauf wartet, dass der Verheissene, der Erlöser, kommt.

Für dieses beharrliche Warten wird er von den andern ausgelacht. Sein kleiner Enkel glaubt ihm zwar, stellt sich den Erwarteten aber als grossen König, mit Schwert und Edelsteinen über den Himmel auf einem Pferd heranbrausend vor – und der Alte getraut sich nicht, die Zweifel, die er in seinem Herzen trägt, vor dem Kleinen zu äussern. Kommt Er denn wirklich? Und kommt Er so, wie wir uns das vorstellen?

Judäa war römisch besetztes Gebiet, als Maria mit Jesus schwanger war. Die Menschen litten unter ihren Besetzern. Sie warteten auf den Messias, der das weltliche jüdische Reich wiederherstellen und die Römer vertreiben sollte.

Advent ist die Zeit der Kerzen, es duftet nach Orangen mit Nelken gespickt, nach frisch gebackenen Grittibänzen und Weihnachtsguetzli – sicher. In seiner tieferen Bedeutung ist Advent jedoch die Zeit der Krise, die uns innerlich aufreisst für das, was kommen kann, wenn wir uns zu öffnen getrauen.

Die Krise um uns herum müssen wir nicht suchen – weder in der Kirche noch in der Welt. Und vielleicht auch nicht in uns selbst.

Davonlaufen, das Alte verbissen verteidigen oder in Angst erstarren ist nicht nötig. Wir müssen die Dunkelheit, die Kälte, den Zweifel wahrnehmen und zulassen. Das schafft in uns und unter uns den Raum für die Geburt dessen, der ganz anders als erwartet, weder mit Feuer und Schwert noch mit grossem Mediengetöse daherkommt. Es ist die Kraft der Ohnmacht und der Liebe, die ganz Neues schafft.

Text: Beatrix Ledergerber