Stolperstein: Inkarnation

Eins mit seiner Schöpfung

«Sie ist eine eingefleischte Optimistin.» – «Er ist ein eingefleischter AKW-Gegner.» – Hinter unserer Alltagssprache versteckt sich weihnachtliche Theologie.

Wenn wir Personen mit «eingefleischt» beschreiben, drücken wir damit aus, dass sie eine bestimmte Eigenschaft oder Lebensweise durch und durch verkörpern. Man könnte sie auch als unverbesserliche Optimistin bezeichnen oder ihn als unbekehrbaren AKW-Gegner.

Auch Gewohnheiten können eingefleischt sein, wenn sie nicht mehr zu ändern sind und gleichsam zur zweiten Natur werden. Ob Eigenschaft, Lebensweise oder Gewohnheit – was eingefleischt ist, verbindet sich untrennbar mit uns. 

So ist es auch mit Gott. An Weihnachten feiern wir die In-karn-ation, die Ein-fleisch-ung Gottes. In Jesus Christus verbindet er sich untrennbar mit uns Menschen. Das Zweite Vatikanische Konzil drückt es so aus: «Der Sohn Gottes hat sich in seiner Menschwerdung gewissermassen mit jedem Menschen vereinigt.» Mit jedem Menschen! Mit mir, was unglaublich und kaum zu fassen ist. Aber ebenso mit jedem anderen Menschen. Auch mit demjenigen, der mir Mühe macht, an dem ich leide, den ich geringschätze, was genauso kaum zu fassen ist.

Im Gegensatz zu den Beispielen von der Optimistin und dem AKW-Gegner findet bei der Inkarnation Gottes etwas Wechselseitiges statt. Ein Gebet in der weihnachtlichen Eucharistiefeier formuliert dies: «Denn einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen: Dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch, und wir sterbliche Menschen empfangen in Christus dein göttliches Leben.» Gott nimmt unsere Eigenschaften und unsere Lebensweise gleich einer zweiten Natur an und gleichzeitig «durchgöttlicht» er fortan das Menschsein.

Und nicht nur das Menschsein. Einfleischung bedeutet zunächst ja einfach, dass eine Verbindung mit der Materie stattfindet. Mit der Materie an sich, nicht nur mit der menschlichen. Gott geht in die Schöpfung als Ganzes ein. In Jesus erscheint der Mensch, durch den Gott verkörpert wird, der Mensch, der unüberbietbar Gottes Ebenbild ist. 

Mit ihm bricht nicht nur das Reich Gottes an, sondern auch die Herrschaft des ursprünglichen Menschen. Das betrifft die ganze Schöpfung. Denn Gott ist ein eingefleischter Liebhaber nicht nur des Menschen, sondern aller seiner Geschöpfe.

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte