Online+

…kein Häuflein Dreck

Astrid Lindgren hat mit ihren Erzählungen ganze Generationen geprägt – und prägt sie weiterhin. Eine Dankesrede.

Dem armen Kleinbauern ist die einzige Kuh gestorben. Und das macht seinen Sohn Johann wütend. «Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, dachte Johann. Es gab keine Hilfe für den, der arm war. Es geschahen nur entsetzliche Dinge, Kühe starben einem weg, und weder Gott noch die Menschen fragten danach.
Johann trat seinen Schlitten zornig weiter durch den Schnee und verspürte plötzlich heftigen Grimm gegen Gott. Eigentlich war er es doch wohl, der darauf zu achten hatte, dass Kühe keine Nägel frassen.»

Für Johann ist Gott keine theologische Theorie und auch keine fromme Routine. Er ist der allmächtige Vater und darum persönlich verantwortlich für die Not eines kleinen Jungen. Wenn er schon der liebe Gott sein will, dann soll er sich gefälligst auch um die Kuh Embla kümmern. So einfach ist die Beziehung zwischen Johann und Gott.

Wenn Astrid Lindgren über Gott schreibt, geschieht es immer so unverkrampft wie in ihrer Erzählung «Als der Bäckhultbauer in die Stadt fuhr». Obwohl sie doch eigentlich gar nicht religiös war. Hat die am 14. November 1907 in Småland als Bauerntochter Geborene jedenfalls immer wieder behauptet.
Auf die Frage «Glauben Sie an Gott?» hat sie einmal geantwortet: «Oft zweifle ich an meinen eigenen Zweifeln. Ich pflege zu sagen, dass ich an Gott glaube, wenn ich ihn brauche. Ich bin in einem christlichen Haus aufgewachsen und hoffe, wie die meisten Menschen, dass es ein Weiterleben nach dem Tode geben wird. Dann gerät meine Hoffnung wieder ins Wanken.»
Und als man «Die Brüder Löwenherz» zu einem naiv religiösen Buch erklären wollte, hat sie erwidert: «Ich glaube weder an Nangijala noch an Nangilima oder an den Himmel oder irgendetwas. So ist es. Die Erwachsene in mir weiss, dass das so ist. Das Kind in mir akzeptiert es nicht.»


Astrid Lindgren hat dem Kind in sich glücklicherweise stets mehr vertraut als der Erwachsenen. Deshalb sind ihre Bücher auch auf eine kindliche Art religiös geblieben, genauso wie sie auf eine kindliche Art moralisch sind. Und das ist – nebenbei bemerkt – auch die einzig richtige Art. Um Religion, um das richtige Tun, um soziale Gerechtigkeit und Nächstenliebe wird kein Brimborium gemacht, weil so was nur den klaren Blick verstellt.
Zusammen mit Astrid Lindgren tritt man keck dem Höchsten gegenüber und stellt ihn wie Johann zur Rede. Oder man holt ihn selbstbewusst vom Himmel runter. In ihrem Kampf gegen unwürdige Tierhaltung hat Astrid Lindgren ausgemalt, was Gott bei einem Inspektionsbesuch auf der Erde wohl zu den herrschenden Zuständen zu sagen hätte. Es war nichts Schmeichelhaftes, hat aber in Schweden zu einem neuen Tierschutzgesetz geführt.

Und wenn der Lausbub Michel doch einmal Reue zeigt, dann tut er das in der angebrachten Sachlichkeit per Brief: 

«Lieber Gott, mach, dass ich mit meinem Unfug aufhöre!
Bittet freundlich
Michel Svensson – Katthult-Lönneberga»

Auch das Lebensmotto von Jonathan und Krümel Löwenherz bleibt bodenständig: «Es gibt Dinge, die man tun muss, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck.» 

Keine Flucht ins Komplizierte
Eines der ganz grossen Wunder in Astrid Lindgrens Büchern und vielleicht der Hauptgrund für deren Unvergänglichkeit ist das Fehlen von Moralinsäure, pädagogischem Zeigefinger und expliziter Religiosität. Das Verständnis für Gut und Böse ist einfach da. Werte wie Nächstenliebe, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit sind selbstverständlich. Und die Würde des Kindes steht nicht zur Diskussion. Ihre Geschichten sind nicht auf Wahrhaftigkeit getrimmt – sie sind wahrhaftig.

Immer wieder musste Astrid Lindgren erklären, dass sie beim Schreiben keine pädagogischen Absichten hege, selbst wenn dabei schlussendlich ein Trostbuch für Einsame wie «Mio, mein Mio» herauskomme, oder eines für Kinder, die vom Sterben bedrängt werden, wie «Die Brüder Löwenherz».
Astrid Lindgren erzieht nicht, sie erzählt. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass sie dem Märchen neue Impulse verleihen konnte. Bei ihr stand nie die tiefenpsychologische Deutung oder die Moral von der Geschichte am Anfang, sondern das lustvolle Erzählen ohne konkrete Absicht – und am Ende war da eine Geschichte, wahrer als wahr.

Gerade weil sich Astrid Lindgren nicht von den Erwachsenen für Erziehungsabsichten einspannen liess, wurde ihr oft vorgeworfen, sie schwelge in heilen Welten, setze den Kindern Flausen in den Kopf und verhelfe ihnen zu billigen Ausflüchten aus dem harten Alltag. Das ist schlicht nicht wahr.
Einsamkeit und Tod sind in ihrem Werk fast permanent gegenwärtig. Für soziale Ungerechtigkeit hat sie selbst in scheinbar so harmlosen Büchern wie «Madita» oder den «Kindern aus Bullerbü» ein feines Gespür und eine subtil-spitze Feder. Ihre Märchen «Sonnenau» und «Klingt meine Linde» schliesslich gehören zu den traurigsten Geschichten, die Kindern je zugemutet wurden.

Astrid Lindgren schont die Kinder nicht und stellt sich zusammen mit ihnen furchtlos vor die grossen und schwierigen Fragen des Lebens. Aber sie bleibt dort nicht stehen.
Ihr gelingt das, was bei der Begründung für die Verleihung des «Friedenspreises des deutschen Buchhandels» von 1978 so ausgedrückt wurde: «Kindern in aller Welt als unverlierbaren Schatz die Phantasie schenken und ihr Vertrauen zum Leben stärken». Woher hatte Astrid Lindgren dieses ebenso schlichte wie untrügliche Gespür dafür, was den Menschen von einem Häuflein Dreck unterscheidet? Man sollte sich die Antwort darauf nicht zu schwer machen, Astrid Lindgren hat sie nämlich immer und immer wieder gegeben: «Geborgenheit und Freiheit. Wir fühlten uns bei den Eltern geborgen. Sie waren für uns Kinder Vorbilder. Wir mussten gar nicht darüber nachdenken. Das war einfach so.»

In ihrem Elternhaus bewahrte sie ein Jugendbildnis ihrer Eltern auf, das mit einem in Samt gestickten Zitat geschmückt war: «Gott ist die Liebe.» Und in «Ferien auf Saltkrokan» taucht ihr persönliches Lebensmotto auf, das sie von der Pädagogin Ellen Key übernommen hatte: «Dieser Tag ist ein Leben.»

So einfach war das für das Kind in Astrid Lindgren – und sie hat es Gott sei Dank als Autorin nicht komplizierter gemacht.

Dieser Beitrag erschien erstmals in der forum-Ausgabe 23/2007

Text: Thomas Binotto

Angebot laufend

Ich gebe gerne zu: Astrid Lindgren ist für mich ein Wunder. Und je älter ich werde, desto grösser wird dieses Wunder. Und je mehr ich schreibe (besonders wenn es für Kinder ist), desto ehrfürchtiger wird meine Bewunderung. Ihre Reaktion auf meine Bewunderung allerdings würde wohl kurz und knapp in den Worten von Michels Freund Alfred ausfallen: «Lass den Schiet!»
Und ich wäre erst recht hin und weg, weil das genau das ist, was ihre Erzählungen so grossartig und einmalig macht: Es fehlt darin das Moralin, das Gesülze, der pädagogische Zaunpfahl und die mit den Zähnen knirschende gute Absicht.

Dafür stimmen all die Kleinigkeiten, die ein Kinderleben prägen und die in Wahrheit alles ausmachen. Bei Pelle, der temporär ins Exil geht, weil man ihn falsch verdächtigt. Bei Lotta, die ihren Pulli zerschneidet, weil sie ihn nicht tragen mag. Und bei Papa Melcher, der glaubt, Kinder zu hüten sei eine angenehme Nebenbeschäftigung, die sich mit ein paar markigen Grundsatzerklärungen vom Schreibtisch aus dirigieren lässt. In der genauen Beobachtung und Schilderung des Alltags, im Zeichnen glaubwürdiger Charaktere ist Astrid Lindgren unschlagbar, zeitlos, universell – wahrer als wahr.

Mit Pippi, Kalle, Madita, Rasmus, Ronja, Michel und all meinen anderen Lindgren-Kumpanen erlebe ich alles, was im Leben wichtig ist. Alles, was es zu lernen gilt, wenn man ein Mensch sein möchte und nicht ein Häuflein Dreck. Die grossen wie die kleinen Fragen. Die grossen wie die kleinen Werte. Die grossen wie die kleinen Wahrheiten. Und deshalb ist Astrid Lindgrens Werk für mich ein Wunder, obwohl sie kein einziges religiöses Buch geschrieben hat.

Darf man in einem Pfarrblatt eine Autorin feiern, die von sich selbst behauptet hat, nicht religiös zu sein? Man muss! Zum Donnerdrummel!

Thomas Binotto