Standpunkt

Seelsorge trägt Sorge zur Sprache

Unsere neue Mit-Redaktorin Veronika Jehle hat Papst Franziskus in einem sehr persönlichen «Wort zum Sonntag» auf seine Äusserungen zu Abtreibung und Homosexualität angesprochen. Dabei stellt sie ihm und uns allen die Frage, mit welcher Sprache wir die Menschen erreichen wollen:

Lieber Papst Franziskus

Ich gehe nicht davon aus, dass Sie diese Sendung heute Abend sehen werden. Dennoch möchte ich Sie gerne ansprechen und so mit den Zuschauerinnen und Zuschauern teilen, was ich Ihnen sagen möchte.

Ich habe in letzter Zeit einige Menschen erlebt, die schockiert oder beschämt waren über Ihre jüngsten Aussagen. Zum einen haben Sie Homosexualität als Modeerscheinung bezeichnet. Zum anderen sagten Sie, Abtreibung sei wie ein Auftragsmord. In der Schweiz zum Beispiel sind sechs Frauen aus der katholischen Kirche ausgetreten, die sich jeweils über Jahrzehnte in Politik, Gesellschaft und Kirche verdient gemacht haben. Die Frauen sagen, dass Ihre päpstliche Aussage zur Abtreibung das Fass zum Überlaufen gebracht habe. Ich selbst bin erschrocken über das, was Sie gesagt haben und über die Wirkung Ihrer Worte. Ich distanziere mich klar von Ihren Aussagen, sowohl zur Homosexualität als auch zur Abtreibung.

Zur Abtreibung möchte ich Ihnen, Papst Franziskus, heute gerne etwas sagen. Ich kenne Frauen, die abgetrieben haben, und ich nehme an, dass Sie ebenfalls Menschen kennen, die sich zu diesem Schritt genötigt sahen. Könnten Sie diesen Ihre Aussage ins Gesicht sagen, wenn Sie einer dieser Frauen unmittelbar gegenüberstehen würden? 

Letztendlich treffen Sie mit Ihren Worten in erster Linie jene, die bereits abgetrieben haben. Meiner Erfahrung nach tragen jene Frauen, die abgetrieben haben, sowieso und naturgemäss schwer an dieser Tatsache – ob sie nun darüber sprechen oder nicht. Ich höre von einzelnen, die sich immer und immer wieder neu, Zeit ihres Lebens, dieser Entscheidung stellen müssen. Die damit leben lernen müssen, dass ihr Kind nicht lebt. Die, wenn sie Schuld empfinden, damit ringen, mit Gott vielleicht und mit einem Weg, sich selbst zu vergeben und Vergebung geschenkt zu bekommen. Ich denke an Jesus, der ja einmal einer Ehebrecherin gegenüberstand. Eine ähnlich schuldbeladene Situation also. Jesus begnügte sich damit, die Frau anzusehen und ihr zu sagen: «Geh und tu das nicht noch einmal.» Hätte er ihr ins Gesicht gesagt: «Ehebruch ist schlimmer als Steuerbetrug» – hätte er sie dann ebenso tief im Herzen erreicht? Er hätte sie schlichtweg verletzt und damit innere Wunden, die seit langem da sind, neu aufgerissen oder vertieft.

Ich finde, in der Nachfolge von Jesus müssten wir füreinander einstehen. Verletzt wurden wir alle schon genug, andere verletzt haben wir ebenfalls alle. Wenn es schon praktisch und mit Taten so schwierig ist, wirklich solidarisch zu sein, dann lassen Sie es uns doch zumindest bei den Worten versuchen, bei der Behutsamkeit und Differenziertheit unserer Sprache. Unsere Sprache schafft Wirklichkeit. Und da wir in der Kirche nun einmal viel kommunizieren und sprechen, ist die Sprache unser erstes Werkzeug. Wir können dieses Werkzeug verwenden, um zu heilen und zu verbinden.

Lieber Papst Franziskus, Sie bitten ja oft darum, dass wir füreinander beten. Das tue ich gern und freue mich auch, wenn Sie es für uns hier tun. Lassen Sie uns aber auch füreinander sprechen und füreinander handeln.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.

Text: Veronika Jehle

Dieses «Wort zum Sonntag» wurde am 8. Dezember 2018 ausgestrahlt.