Schlusstakt: Wortbilder

Überraschung

Weshalb bereiten uns Überraschungsgeschenke oft gar nicht jene Freude, die von uns erwartet wird? – Vielleicht, weil wir mit der Überraschung um die Vorfreude und damit um einen besonders attraktiven Teil des Geschenks gebracht werden.

Dass wir dabei in erwartungsvolle Gesichter blicken, die von uns spontane Freudensprünge erwarten, macht die Sache nicht leichter. Für uns erfüllt sich «Überraschung» dann ganz wörtlich: Sie kommt überrasch, viel zu schnell. Nicht nur die bösen Überraschungen, auch die frohen und die gut gemeinten überfordern uns häufig.

Dennoch gelten Überraschungen als unverzichtbare Würze unseres Lebens. Wer will tagaus und tagein, jahraus und jahrein, von der Wiege bis zur Bahre immer genau wissen, was ihn erwartet. Überraschungen machen das Leben spannend und lebendig. Wenn uns nichts mehr überraschen kann, sind wir tot. Und wie lebendig begraben fühlen wir uns tatsächlich, wenn die Zukunft bereits in der Gegenwart festgeschrieben erscheint.

Aber selbst wenn wir auf so manche Überraschungen gerne verzichten würden, haben wir das Heft nicht in der Hand, denn wir wissen weder Zeit noch Stunde, wie es in der Bibel heisst. Ob wir nun Lust darauf verspüren oder nicht: Wir sind zur Beweglichkeit gezwungen, um auf Überraschungen flink und biegsam reagieren zu können.

Es lohnt sich, diese Beweglichkeit zu trainieren, indem wir uns auf Überraschungen so offen wie möglich einlassen. Gleichzeitig sollten wir aber auch die Mahnung nicht aus den Augen verlieren, die dieses Wort enthält. Denn was überrasch auftaucht, das erregt nicht bloss Aufsehen, das ist nicht nur prickelnd, begeisternd, animierend, es verlangt von uns Beweglichkeitsübungen.

Überraschungen bringen uns mit ihrem Tempo aus dem Takt. Wir geraten durch sie – manchmal nahezu unmerklich – ins Stolpern. Überraschungen hemmen den Fluss. Nicht durch Stau, sondern durch Flut.

Überraschungen verlangen von uns also nicht nur den beweglichen Blitzstart, sie zwingen uns auch zum ordnenden Innehalten. Wir müssen uns neu sortieren und den Takt wiederfinden. Überraschungen sind so etwas wie ein Zeitkonzentrat. Mit ihnen leben wir für einen Augenblick bei der Zeit auf Pump. Das ist aufregend und kann uns Schub verleihen. Aber den Zeitkredit, den müssen wir zurückzahlen. Und wenn wir das tun, wenn wir der Überraschung im Nachgang ihre Zeit lassen, dann werden wir manchmal mit Nachfreude für die entgangene Vorfreude entschädigt.

Text: Thomas Binotto

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überraschen
zu rasch, ursprünglich = plötzlich über jemanden herfallen, (im Krieg) überfallen