Editorial

Ungesunder Papstkult

Was in den letzten Monaten geschehen ist, hatte ich schon viel früher befürchtet: Papst Franziskus wurde vom Thron gestossen.

Tragisch daran ist, dass wir und die Medien ihn auf diesen Thron gehypt haben. Viel zu übersteigert waren die Hoffnungen in diesen Papst, von dem erwartet wurde, dass er nun endlich alles für diese Kirche richten würde.

Plötzlich waren aus Gläubigen, die sich noch bei Papst Benedikt XVI. als Kritiker des Papsttums hervortaten, glühende Papstverehrer geworden.

Ich sehe es so: Wer Franziskus zum Quasi-Heiligen erklärt und auf ein unantastbares Podest stellt, der hat nicht begriffen, was dieser Papst mit dem Papsttum und der Kirche vorhat. Er will sie aus der Sackgasse der Unantastbarkeit holen, weil Unantastbarkeit jeden Dialog und jede Entwicklung verhindert.

Ich schätze Papst Franziskus nach wie vor für viele Dinge, die er getan und gesagt hat. Und ich bin immer noch überzeugt, dass sein Pontifikat unserer Kirchengeschichte eine entscheidende Wendung geben wird. Aber Papst Franziskus hat bei mir keinen Blankoschein. Ich erwarte von ihm keine Unfehlbarkeit.

Manchmal sagt Franziskus in seiner Spontaneität Dinge, bei denen ich denke: Hättest du diese Aussage nicht etwas länger in deinem Herzen bewegen können?! Und manchmal sagt er auch Dinge, die ich schlicht und einfach für unüberlegt halte. Aber das ist gewissermassen der Deal mit Franziskus: Seine Spontaneität, Direktheit und Emotionalität schlägt in viele Richtungen aus.

Text: Thomas Binotto