Online+

Angst und Bange

Angst kennt jeder. Zum Glück. Denn droht eine Gefahr, versetzt sie uns blitzschnell in die nötige Alarmbereitschaft. So weit, so gut. Doch wenn Angst plötzlich auch in ganz harmlosen Situationen auftritt, läuft die Psyche aus dem Ruder.

«Mein Leben wurde immer mehr eingeschränkt. Irgendwann wurde es so schlimm, dass ich meine Wohnung kaum noch verlassen konnte», erzählt Sandra (Name geändert). Sie kündigte ihren Job, vereinsamte immer mehr und spielte immer öfters mit Selbstmordgedanken. Sandra leidet seit fast zwanzig Jahren unter Angststörungen. «Es ist so demütigend, der Angst einfach ausgeliefert zu sein, sie nicht mit meinem Willen beeinflussen zu können. Und dann immer der Gedanke, die andern halten mich für verrückt.»

Dabei ist Angst eigentlich etwas sehr Sinnvolles, denn sie warnt vor Gefahren und erfüllt damit eine wichtige Schutzfunktion. Problematisch wird es erst, wenn die Angst auch ohne erkennbare Gefahrensituation auftritt. Geschieht dies immer häufiger, so dass zunehmend Alltag, Arbeit oder Partnerschaft beeinträchtigt werden, spricht man von einer Angststörung. In diesem Fall schützt die Angst das Leben nicht mehr, sondern bedroht und beeinträchtigt es.

Sandra ist kein Einzelfall. Laut Fachleuten nimmt die Zahl der Menschen, die unter krankhaften Ängsten leiden, stetig zu. Schätzungen gehen von 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung aus, die an solchen Ängsten leiden. Die Fachwelt unterscheidet dabei die spezifischen Ängste wie beispielsweise Höhen-, Platz- oder soziale Angst von den situationsunabhängigen Ängsten, zu denen plötzliche Panikattacken zählen. Doch in der Gesellschaft ist das Thema tabuisiert. Zum einen, weil sich die Betroffenen schämen und sich darum kaum andern anvertrauen, zum andern, weil die richtige Diagnose oft sehr spät gestellt wird, insbesondere bei den unspezifischen Angststörungen. Denn wer aus heiterem Himmel von Panikattacken heimgesucht wird, weiss zunächst nicht, wie ihm geschieht. Plötzliche Atemnot, Herzrasen, Schweissausbrüche, Schwindel und Schwächegefühle – da denkt man in der Regel erst mal an körperliche Krankheiten wie Herz- oder Kreislaufprobleme. Wenn dann der Hausarzt oder der Spezialist nichts findet, sind die Betroffenen nicht selten wieder sich selbst überlassen und versuchen, das Problem allein in den Griff zu bekommen.

Eingeschränktes Leben
So auch Lea (Name geändert), die ebenfalls seit mehreren Jahren an krankhafter Angst leidet: «Ich habe schon so vieles ausprobiert und so viel Geld ausgegeben. Doch es hilft alles nichts. Dabei wirke ich auf andere Menschen ganz normal und man sieht mir meine Angst nicht an. Deshalb gab es auch schon Ärzte, die mich gar nicht ernst nahmen. Dabei spielt sich mein Leben mittlerweile fast nur noch zwischen meinem Arbeitsplatz und meiner Wohnung ab. Ich gehe nicht einmalmehr mit einem Kollegen nach der Arbeit was trinken aus Angst, dann in der Bar eine Panikattacke zu erleiden. Überall, wo ich hinkomme, checke ich als erstes die Ausgänge ab, falls ich den Raum fluchtartig verlassen müsste. Manchmal schaffe ich es kaum, auch nur das Nötigste an Lebensmitteln einkaufen zu gehen, weil ich es nicht aushalte, wenn zu viele Leute im Laden sind oder wenn ich an der Kasse Schlange stehen muss.»

Solches Vermeidungsverhalten ist typisch für Angstpatienten. Weil Panikattacken so qualvoll sind, versuchen Betroffene, jegliche Situationen zu vermeiden, die eine Attacke auslösen könnten. Das Problem dabei ist allerdings, dass sie sich so immer mehr einschränken und der Bewegungsradius immer kleiner wird.

Paul (Name geändert), der an sozialer Phobie leidet, weiss, wovon die Rede ist: «Lange dachte ich, ich sei einfach etwas schüchterner als andere, weil ich gerne allein bin und mich oft zurückziehe», erzählt er. «Doch mit der Zeit nahm das Ausmasse an, die meinen Alltag mehr und mehr behinderten. Es fiel mir immer schwerer, gemeinsam mit den Arbeitskollegen in der Kantine zu essen. Und Geschäftsapéros wurden für mich zum absoluten Horror. Schon der Gedanke daran, das Weinglas vor lauter Zittern auszuschütten und dann vor allen blöd dazustehen, löste Schweissausbrüche aus.»

Ähnliches berichtet Seraina (Name geändert), die ebenfalls an sozialen Ängsten leidet. Sie sei schon als Kind sehr scheu und ängstlich gewesen und habe immer nur bei ihrer Mutter sein wollen. Doch so richtig schlimm seien die Ängste geworden, als sie in der Schule von Mitschülern gemobbt worden sei. «Das war eine furchtbare Zeit. Pausen waren nicht Erholung, sondern der blanke Horror.» Bis heute tut sie sich schwer mit zwischenmenschlichen Kontakten, auch an ihrer Arbeitsstelle. «Wenn ich im Büro Telefondienst habe, zittere ich bei jedem Anruf.  Bei Geschäftsanlässen fühle ich mich völlig fehl am Platz, sage meist kaum ein Wort, und wenn ich was sage, überlege ich nachher, ob das jetzt schlau war und was die andern wohl von mir denken. Es fällt mir sehr schwer, an Gesprächen teilzunehmen, und im Nachhinein ärgere ich mich immer über mich selbst.» 

Verschiedene Ursachen
Woher kommen solche irrationalen Ängste? So ganz genau weiss man das im Einzelfall nie. Allgemein gesehen nennt die Wissenschaft drei Faktoren als Ursachen: die so genannte Vulnerabilität oder Anfälligkeit, den Auslöser und die aufrechterhaltenden Bedingungen. Die Vulnerabilität bezeichnet die Wahrscheinlichkeit, mit der jemand an einer Angststörung erkrankt. Warum die einen Menschen psychisch stabiler sind als andere, hat wiederum zahlreiche Gründe, wobei Vererbung, Kindheitserlebnisse oder auch hirnorganische Unregelmässigkeiten eine Rolle spielen können. Doch auch bei hoher Vulnerabilität braucht es in der Regel einen Auslöser, der die Angstgefühle ins Rollen und das seelische Gleichgewicht aus dem Lot bringt. Auslöser sind meist stark belastende Situationen wie eine Trennung, ein Todesfall, Arbeitsverlust oder anhaltender Stress, dem man sich hilflos ausgeliefert fühlt. Zu den aufrechterhaltenden Bedingungen schliesslich zählen das angesprochene Vermeidungsverhalten oder auch der regelmässige Griff zu Beruhigungsmedikamenten oder anderen Drogen. Denn blosse Symptombekämpfung führt zwangsläufig zu Rückfällen, welche die Angst nur verstärken und sie am Ende chronisch werden lassen.  Dass den Betroffenen anfänglich jedes Mittel recht ist, um die Qual der Angstgefühle zu vermeiden oder zu übertünchen, ist sehr verständlich, aber laut Experten das Falscheste, was man tun kann. Je früher nämlich jemand therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt, desto grösser sind die Erfolgschancen.

Therapie
Besonders angesagt ist derzeit die so genannte kognitive Verhaltenstherapie, bei der dem Patienten genau erklärt wird, was in seinem Körper bei Angstanfällen vorgeht, was mögliche Ursachen sein können und was er dagegen tun kann. Auch Paul lernte in der Verhaltenstherapie, dass er sich auf keinen Fall Vermeidungsstrategien zurechtlegen durfte, weil dies seine Ängste nur verstärkt. Er musste mit seinem Therapeuten immer wieder Situationen durchspielen, mit denen er Mühe hatte. Er übte neue Verhaltensweisen ein und begann, Tagebuch zu führen über seine Ängste. Heute sagt er: «Wenn ich in meinem Tagebuch zurückblättere, sehe ich, wie ich Fortschritte gemacht habe. Es sind kleine Schritte, aber immerhin habe ich ab und zu ein Erfolgserlebnis. Zum Beispiel, wenn ich es schaffe, gegen alle inneren Widerstände zu einem Apéro zu gehen und es dann gar nicht so schlimm wird, wie ich befürchtete.»

Eine Form von Verhaltenstherapie ist die Konfrontationstherapie, die bei ganz spezifischen Ängsten angewendet wird. Hier begibt sich der Patient mit therapeutischer Begleitung in genau die Situation, die ihm Angst macht, steigt also beispielsweise auf einen hohen Turm, fasst Spinnen oder Hunde an, begibt sich unter Menschenmassen oder steigt ins Flugzeug. Ziel ist also, dem Problem nicht auszuweichen, sondern die Angst so lange auszuhalten, bis sie kleiner und immer kleiner wird.

Und Medikamente? Während Beruhigungsmittel, meist Benzodiazepine, nur im Notfall eingesetzt werden sollten, weil sie einerseits das Problem nur überdecken und nicht lösen und andrerseits relativ schnell abhängig machen, kommen bei Angststörungen häufig Antidepressiva zum Einsatz. Diese haben eine angstmindernde Wirkung, machen nicht abhängig und helfen auch gegen depressive Symptome, die oft mit einer Angsterkrankung einhergehen. Manchmal erhalten Patienten erst mit Hilfe von Antidepressiva die nötige innere Distanz und Entspannung, um in einer Therapie die der Angst zugrunde liegenden Themen anzugehen.

Es muss doch mehr geben
Auch Sandra kam irgendwann an den Punkt, wo sie sich eingestand, dass sie professionelle Hilfe brauchte. «Das kann doch nicht alles sein», sagte sie sich. «Ich bin doch mehr als meine Ängste. Ich hatte doch mal ein Leben vor der Angst, ich hatte Fähigkeiten und Begabungen.» Und eigentlich war sie sich zu schade, ihr ganzes Leben der Angst zu opfern. Ihr hat die Psychoanalyse geholfen, gewisse Zusammenhänge zu verstehen und einiges aus der Vergangenheit aufzuarbeiten. Dass es ihr jetzt viel besser geht, hat aber auch damit zu tun, dass sie inzwischen ein Kind hat, für das sie sorgen muss. «Heute habe ich das Gefühl, ich bin über dem Berg», sagt sie. «Trotzdem bleibt es ein ständiges Auf und Ab. Das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist, schonungslos ehrlich mit mir und meinen Gefühlen zu sein.»

Text: Judith Hardegger

Wo gibt es Infos und Hilfe?

Angebot laufend

Angst- und Panikhilfe Schweiz APhS  
Hölzlistrasse 165, 4232 Fehren
Tel.-Hotline 0848 801 109
hotline@aphs.ch
www.aphs.ch http://www.aphs.ch/(Selbsthilfegruppen)

Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich ZADZ  
Dufourstrasse 161, 8008 Zürich
Tel. 044 386 66 00
info@zadz.ch
www.zadz.ch 

www.swissanxiety.ch
www.143.ch