Narrenschiff

Hopp Frauenquote!

Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. – Bei mir war es am 5. Dezember so weit.

Bis zur Bundesratswahl bin ich brav einem Hauptargument gegen die Frauenquote gefolgt: Es gehe darum, die bestmögliche Wahl zu treffen. Eine Einschränkung nach Geschlecht grenze diese unnötig ein.

Dann kam die Bundesratswahl. Und wieder wurde gebetsmühlenartig dieses Argument vorgetragen. Für mich war’s eine Umdrehung zu viel, weil ich mich plötzlich gefragt habe: All diese Männer im Bundesrat, war das wirklich immer das Beste, was zur Wahl stand? Und auch diese beiden eben gewählten Frauen, sind sie wirklich die bestmögliche Wahl?

Das Hauptargument gegen die Frauenquote tut so, als ob für jede Wahl immer genau die eine perfekt passende Person zur Verfügung stünde. Und es suggeriert, dass diese beste Wahl unter keinen Umständen von qualitätsfremden Kriterien eingeschränkt werden dürfe.

Wer aber nur einmal an einem Auswahlverfahren teilgenommen hat – es müssen gar nicht Bundesratswahlen sein –, der weiss, dass es den einen 100 %-Treffer nicht gibt, und dass zu Hauf Kriterien Anwendung finden, die nichts mit Qualität zu tun haben, dann aber dennoch über Wahl oder Nichtwahl entscheiden.

Seit dem 5. Dezember sehe ich deshalb nicht mehr ein, weshalb es neben den Kriterien Partei, Landesteil und all den Hinterzimmer-Kriterien nicht auch noch das Kriterium Geschlecht geben soll. Wenn ohne Frauenquote Viola Amherd und Karin Keller-Sutter herauskommen, dann kann man es getrost auch mit Frauenquote wagen.

Und dann fiel mir noch ein, dass ausgerechnet die konservativsten Frauenquotengegner in einer Angelegenheit absolut strikt für die Quote sind: Wenn es um die Zeugung und die Erziehung von Kindern geht.

Genau das bringt uns auf eine interessante Spur: Wenn die gleichwertige Ergänzung von Frauen und Männern in Familienangelegenheiten als fundamental wichtig für das Gedeihen unserer Gesellschaft gesehen wird, weshalb sollen wir dann in der verfassten Gesellschaft auf dieses gemischte Doppel verzichten?

Mir leuchtet die Frauenquote nicht deshalb ein, weil Frauen fraulichere Politik machen. Das erwarte ich von Frauen genauso wenig wie männlichere Politik von Männern. Mir leuchtet die Frauenquote ein, weil wir in diesem Land zu ungefähr gleichen Teilen Frauen und Männer sind. Die Frauenquote ist nichts weiter als eine logische Folge der Konkordanz.

Erst wenn Zürcher 136 Jahre lang auf einen Sitz im Bundesrat verzichten, erst wenn SVP, SP, FDP und CVP den Besten – egal aus welcher Partei – den Vortritt lassen, und erst wenn Männer ganz ohne Frauenquote ausschliesslich Frauen in den Bundesrat wählen, erst dann bin ich bereit, meine neu gewonnene Überzeugung zu überdenken.

Text: Thomas Binotto