Filkmkritik zu «Zwingli»

Zurückhaltendes Kammerspiel und opulenter Kostümfilm

«Zwingli» versucht das Wirken des Reformator als menschliches Drama zu erzählen und gleichzeitig die historische Dimension zu vermitteln. Kammerspiel und Kostümfilm zugleich. Eine höchst anspruchsvolle Aufgabe.

Das Biopic über Huldrych Zwingli mag eine der teuersten Schweizer Filmproduktionen aller Zeiten sein, im internationalen Vergleich bewegt sie sich dennoch in einem Budgetrahmen, der bei einem historisierenden Film zur Sparsamkeit zwingt.

Genau diese Sparsamkeit sieht man «Zwingli» aber kaum an. Regisseur Stefan Haupt und der Produktionsfirma C-Films ist es gelungen, einen Film zu gestalten, der die Zeit Zwinglis glaubwürdig vermittelt.

Das ist unter anderem auch der Kamera von Michael Hammon zu verdanken, die sich nahe an den Figuren bewegt, die Bilder verdichtet und kaum «leeren» Raum zulässt, den man mit teuren Computer Generated Images füllen müsste. Auch die Kostümbildnerin Monika Schmid hat herausragende Arbeit geleistet. Und nicht zuletzt das klug eingesetzte Ensemble trägt bis in die Nebenrollen hinein dazu bei, dass tatsächlich ein lebendiges Zeitbild entsteht. Zusammengeführt wird das alles von Stefan Haupts sorgfältiger Regie und seinem sensiblen Gespür für Schauspielerführung bis in die Statistenrollen hinein.

Die Gratwanderung zwischen historischer Redlichkeit und dramatischem Zupacken ist zweifellos eine der grössten Herausforderungen bei diesem Stoff. Besonders deutlich wird dies in der Darstellung des Wurstessens im Hause des Druckers Christoph Froschauer. Dass diese Schlüsselszene der Zürcher Reformation provokativ und pointiert inszeniert wird, entspricht der Historie: Das Fastenbrechen am ersten Fastensonntag 1522 war tatsächlich eine bewusst inszenierte Provokation.

Dass in «Zwingli» daraus aber eine Abendmahls-Travestie wird und damit das Wurstessen selbst sakralisiert wird, das raubt diesem Schlüsselmoment viel von seiner Glaubwürdigkeit und schmälert in seiner inszenatorischen Überdeutlichkeit ausgerechnet die symbolische Kraft dieses Aktes.

Dass dagegen weder die Schlacht von Kappel noch der Tod Zwinglis gezeigt werden, das geht dramaturgisch überzeugend auf. Hier wird die Auslassung zum Gewinn.

Schwerer ins Gewicht fällt hingegen der Verzicht auf die Darstellung der Marburger Disputation mit Martin Luther. Wenn Zwingli davon dem Zürcher Rat in zwei, drei Sätzen berichtet, wird lediglich konstatiert, was wir miterleben möchten, um emotional mitgehen, um begreifen zu können. Hier wird die Auslassung zur allzu grossen Lücke und der Wendepunkt zur Behauptung.

Was die Intensität betrifft, teilt sich «Zwingli» in zwei Teile. Während der ersten Hälfte wird Zwingli als Held aufgebaut und gefeiert. Dabei vertraut die Dramaturgie auf einen klaren Antagonismus: Hier das neue, das reformierte, das gute Christentum Zwinglis – dort das alte, das erstarrte, das verlogene Christentum der kirchlichen Hierarchie, angeführt von Johannes Faber.

Zugegeben: Wer einen komplexen historischen Stoff als packende Geschichte erzählen will, der kommt an solchen Gegenüberstellungen und Vereinfachungen nicht vorbei. Aber Zwinglis Mitstreiter sind dann doch viel zu sympathisch und Fabers Mitstreiter viel zu unsympathisch, als dass sich daraus eine echte Dynamik entwickeln liesse.

Und so bleibt auch Zwingli, obwohl von Max Simonischek mit eindrücklicher physischer Präsenz dargestellt, doch eigentümlich distanziert. Wir sehen zwar Zwinglis Leidenschaft und hören seine kraftvolle Sprache, die direkt auf Herz und Magengrube zielt. Aber wir empfinden die Leidenschaft nicht mit, werden nicht selbst in Herz und Magengrube getroffen. Zwinglis Pesterkrankung beispielsweise erscheint mehr als Episode, denn als eine existentielle, die Persönlichkeit Zwinglis tief prägende Krise.

Viel intensiver ist dagegen die zweite Hälfte des Films gelungen, denn hier wird Zwingli endlich selbst Teil des Dramas. Wenn er mit vehementer Autorität vertritt, dass nur das zähle, was in der Heiligen Schrift stehe und die Bibel keine Vermittler brauche, dann wird subtil die Gratwanderung zwischen Befreiung und Fundamentalismus sichtbar, zwischen Volksnähe und Selbsttäuschung, zwischen Gottvertrauen und Anmassung.

Noch deutlicher wird diese Spannung in der Verfolgung der Täufer und der Hinrichtung von Felix Manz, obwohl hier die filmische Erzählung Zwingli deutlicher entschuldigt, als es die Geschichtsschreibung eigentlich zulässt.

Am greifbarsten und glaubwürdigsten wird das Drama um und in Zwingli aber in der Auseinandersetzung mit seiner Frau Anna. Hier öffnet sich seine Figur auch für uns, hier wird spürbar, dass Zwingli sich auf jenen Thron zu setzen droht, den er eben noch frei geräumt hat. Und hier erweist sich Sarah Sophia Meyer als glänzende Besetzung, weil sie uns gerade dank ihres zurückgenommenen Spiels ins Innere Zwinglis blicken lässt.

Da hat «Zwingli» dann seine stärksten Momente, wenn sein Held selbst ins Straucheln gerät, wenn Fallhöhe spürbar wird, wenn es mit der Reformation kompliziert wird, wenn sich richtig und falsch nicht mehr so leicht bestimmen lassen.

Selbst wenn es paradox erscheinen mag: Huldrych Zwingli ergreift uns dann am Tiefsten, wenn er als Mensch in seiner ganzen Unvollkommenheit erscheint.

Text: Thomas Binotto