Diakonenweihe

Für das Evangelium, die Liturgie und die Armen

Fünf Männer lassen sich am 9. Februar 2019 in der Pfarrei Herz Jesu Wiedikon zu Diakonen weihen. Über ihr zukünftiges Amt und ihren Dienst sprechen drei von ihnen.

forum: Wenn Sie ein Firmling fragt: Was ist ein Diakon? – Was antworten Sie?
Andreas Neira: Ein Diakon ist ein Amtsträger der Kirche. Ein ständiger Diakon ist ein verheirateter Mann, der im Dienst der Kirche steht. Er wird geweiht und unterscheidet sich durch die Weihe vom Laien. Er ist für die Diakonie in der Pfarrei zuständig, für die Familienpastoral, die Begleitung von Eltern oder die Arbeit mit Randständigen. Ein Diakon soll in der Pfarrei nicht nur die gängigen Aufgaben übernehmen. Es geht auch darum, Staub aufzuwirbeln und vielleicht auf etwas hinzuweisen, was nötig ist.

Zum Beispiel?
Neira: Das ist je nach Pfarrei unterschiedlich. Vielleicht geht gerade die Arbeit an den Randständigen vergessen und der Diakon macht darauf aufmerksam. Im Blick auf die Jugendlichen empfinde ich, dass die Aufgabe des Diakons als eine erstrebenswerte Aufgabe erscheint. Sie könnten es interessant finden, dass verheiratete Männer ein Amt in der Kirche ausüben können.
Bernd Siemes: Ich werde als Diakon kein anderer Mensch sein. Ich habe dann ein Amt inne mit bestimmten Verantwortungen, die ich übernehme, für die ich eine Zusage und ein Versprechen gebe. Ein besonderes Augenmerk liegt auch für mich bei den Armen. Ich denke nicht nur an jene, die wenig Geld haben, sondern mehr an die, die am Rand der Gemeinde sind, die nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen. Das kann gerade auch der Jugendliche sein, in einer Pfarrei, in der es öfters den gewohnten Lauf geht. Ich mag das, dass das Diakonenamt mit der Idee verbunden ist, Staub aufzuwirbeln, wie Andreas gesagt hat. Wir sind «dazwischen», wir machen Verknüpfungen. Das Diakonat ist ein Dienstamt, und zwar ein Dienst an der Beziehung: untereinander und mit Christus. Da gehen zum Beispiel Jugendliche meiner Erfahrung nach gern vergessen, weil wir auch in den Pfarreien gern beim Gemütlichen, Schönen und Althergebrachten bleiben. Ich selbst bin Spitalseelsorger und da ist mein Diakonat der Einsatz an den kranken Menschen, die ja oft auch einsam sind.
Urs Länzlinger: Momentan bin ich in keiner Pfarrei als Seelsorger tätig, von daher werden mich Firmlinge nicht fragen. Aber mein ältester Sohn ist momentan Firmling. Meine drei Kinder haben mich natürlich schon gefragt, was das ist, ein Diakon. Ich konnte dann auf den Diakon in unserer Pfarrei verweisen und sie wussten, was gemeint ist. Für mich ist das Diakonat kein Sonderfall, sondern macht den Dienstcharakter besonders sichtbar, den jedes Amt in der Kirche hat. Ich lasse mich in Dienst nehmen, natürlich für Christus und seine Kirche. Der Bischof gibt mir einen Auftrag für eine konkrete Aufgabe. In meinem Fall ist das im Personalbereich des Generalvikariats in Zürich, da bin ich mit 80 Stellenprozent angestellt. Da meine Kinder nun grösser werden, möchte ich mich in Zukunft daneben zunächst als Springer vor allem im liturgischen Verkündigungsdienst von Pfarreien zur Verfügung stellen. Ich würde also nicht sagen, dass ein Diakon nur dieses oder jenes macht. Er stellt sich in den Dienst und macht das, was zu tun ist.

Sie haben bereits eine Leitungsaufgabe. Aus welchem Grund braucht es dann noch die Weihe?
Länzlinger: Genau, das ist die Frage. Für mich ist es ähnlich wie mit Paaren, die seit Jahren zusammen leben und dann kirchlich heiraten möchten. Wozu «braucht» es dann noch das Sakrament? Bei der Frage der Weihe geht es für mich tiefer, es um eine Berufung. Es ist für mich eine Herzenssache und das Thema bewegt mich nun seit rund 20 Jahren. Immer wieder habe ich es weggeschoben und es kam immer wieder. Das ist der Teil, den man nicht so gut erklären kann. Warum habe ich mich für meine Frau entschieden – da kann ich verschiedene Gründe nennen. Warum werde ich jetzt Diakon – da kann ich ebenfalls Gründe aufzählen. Aber schlussendlich ist es eine Herzenssache. Ich sage jetzt nochmals Ja zu dem Dienst, den ich schon tue und den ich noch vertiefen will. Die Kirche sagt Ja zu mir und ich sag Ja zur Kirche. 

Wird sich die Aufgabe durch die Weihe verändern?
Länzlinger: Ich arbeite, wie gesagt, im Personalbereich. Verändern werden sich weniger die Aufgaben, sondern meine Haltung, mit der ich an sie und die Menschen heran gehe.

Sie, Herr Siemes, leiten das katholische Seelsorgeteam am Universitätsspital und haben ebenfalls eine Leitungsaufgabe. Warum dann die Weihe?
Siemes: Ich sehe da keinen direkten Zusammenhang zwischen Leitung und Weihe. Meine Tätigkeit könnte ich auch ohne die Diakonenweihe ausüben. Im Spital gebraucht wird zum Beispiel die Spendung der Krankensalbung, dafür muss ich weiterhin einen Priester holen. Kommt eine Taufe im Spital vor, dann ist es allermeist eine Nottaufe – und diese ist uns allen erlaubt. So gesehen sind meine Kompetenzen in Zukunft nicht erweitert. Für mich ist es so: Die Weihe ist stimmig zu dem, was ich tue. Im Spital leisten wir diakonische Aufgaben – für mich könnte auch jemand anderes aus dem Seelsorgeteam den Dienst als Diakon tun. Ich spüre da für mich auch noch ein Ringen: Wo und wie trete ich für meine katholische Kirche ein, konkret im Unispital? Wie behalte ich meine Glaubwürdigkeit? 

Welchen Unterschied macht die Weihe für Ihre Arbeit?
NeiraBei uns in der Pfarrei ist es klar eine Entlastung. Auch wenn die Zahl der Austritte zunimmt und wir oft von einer sinkenden Zahl an Katholiken sprechen – die Arbeit in der Pfarrei, sprich die Sakramentenspendung, wird doch mehr. Da kann ich in Zukunft unsere Priester entlasten. Auch ersparen wir uns die leidige Diskussion, ob ich nun predigen darf oder nicht. Vom Arbeitsaufwand her bringt das etwas, ganz pragmatisch. Persönlich spüre ich, dass sich durch die Weihe mein Bezug zu den Leuten verändert. Ich spüre, die Menschen nehmen mich jetzt anders wahr. Ich weiss nicht genau, was es ist. Ist es, weil ich ein Amt ausüben werde, weil ich ein anderes liturgisches Gewand trage? Offensichtlich ist das für die Leute durchaus wichtig. Ich möchte dem nicht so viel Gewicht geben, sondern ich möchte dieses Amt ausüben und die Aufgaben wahrnehmen. Ich freue mich auf die Begegnungen mit den Leuten, auf Taufen und Hochzeiten.

Sie, Herr Länzlinger, tragen eine mögliche Weihe schon seit 20 Jahren als Herzensanliegen mit sich. Ist es so, dass Sie jeweils von sich aus die Entscheidung getroffen haben, jetzt Diakon zu werden – oder braucht es auch jemanden, der einen für die Weihe empfiehlt?
Länzlinger: Ich habe lange gerungen mit dieser Berufung und wurde interessanter Weise immer wieder angesprochen, auch schon in der Pfarrei: «Du wärst doch einer.» Ich habe dann immer intellektuelle Gründe gefunden, warum es jetzt nicht passt oder warum es jetzt noch nicht so ist, wie es sein sollte. Es hat mich nicht kalt gelassen. Ich habe gemerkt, das Thema lässt mich nicht los. Ich habe das dann einmal dem Generalvikar gesagt – und er hat mich bestärkt, dass jetzt ein guter Moment ist. Es muss beides zusammen kommen, selbst das Gefühl zu haben, berufen zu sein und die Bestätigung von jenen, die vom Bistum her die Berufung prüfen.
Siemes: Ein ganz eigener Entscheid ist es nicht. Es sind immer Menschen herum und da auch konkrete Personen, die mich auf diesem Weg gestärkt haben, die mich herausgefordert haben: «Wäre das nicht etwas für Dich? Willst Du nicht?» Ich fühlte mich nie unter Druck gesetzt. Das ist für mich sehr wichtig. Was auch dazu gehört ist die Unterstützung von meiner Familie und von meiner Frau. Wir haben offen miteinander gesprochen: Ist das etwas? Denn es ist nicht einfach nur ein Einzelentscheid von mir, sondern ein gemeinschaftliches Anliegen. Meine Frau ist auch in der Kirche tätig, es ist unser gemeinsames Anliegen.
Neira: Mir ging es ähnlich wie meinen Kollegen. Ich denke, am Anfang ist es eine versteckte Berufung gewesen, die im Hintergrund geschlummert hat. Die meiste Bewegung kam von aussen her: Leute, die mich auf diese Möglichkeit angesprochen haben, weniger aus dem engsten Familienkreis, sondern von einigen Priestern. Ich habe darüber nachgedacht und war dafür immer wieder für eine Zeit in einem Kloster. Es ging nicht von heute auf morgen. In der Rückblende und im Blick auf die Stationen, die letztendlich zu dieser Berufung geführt haben, muss ich sagen: Ja, es ist ein Ganzes. Es waren verschiedenen Puzzleteile. Heute kann ich sagen, doch, das ist für mich Christusnachfolge im engeren Sinn und eine gute Bindung an die Kirche – ich bin am richtigen Ort. Wenn ich das mit meiner Frau bespreche, sagen wir beide, dass das stimmig ist. Ausschlaggebend ist für mich letztendlich, wie wir als Eheleute unsere Spiritualität zu Hause leben. Unser Gebetsleben, auch mit den Kindern, ist mir sehr wichtig, damit Christus wirklich die Mitte unserer Familie ist. In meiner Rolle als Vater, zusammen mit meiner Ehefrau möchte ich unsere Kinder zu Christus hinführen und ihnen diesen Weg bereiten. Ich möchte als Diakon diese Erfahrung in die Pfarrei tragen, in diesem Sinn als Vorbild wirken, das spüren die Leute auch. Seit eineinhalb Jahren bin ich nun in Wädenswil und ich kann sagen, dass es etwas bewirkt.

Sie werden als Männer zu Diakonen geweiht, während Frauen das nicht können. Wie geht es Ihnen damit?
Neira: Zuerst einmal, das Thema wurde ja schon einmal 1983 untersucht unter Papst Johannes Paul II. Die Frage steht also schon länger im Raum und kommt nun nicht das erste Mal.

Wie geht es Ihnen persönlich damit?
Neira: Ich empfinde das persönlich nicht als eine grosse Ungerechtigkeit. Obwohl ich natürlich Verständnis habe, dass das sicherlich etwas ist, was als ungerecht empfunden wird. Frauen nehmen ja vielleicht die gleiche Aufgabe wahr als Pastralassistentinnen und Religionspädagoginnen. Was unterscheidet uns denn? Nur, wir haben in der katholischen Kirche seit 2000 Jahren diese Entfaltung des Apostelamtes in dieser Dreiheit als Bischof, Priester und Diakon. Ich glaube, das ist eine Besonderheit, auch wenn es nur die Männer betrifft. Der heutige Mainstream und die Genderdiskussion gehen in eine andere Richtung. Für mich hat es einen tieferen Wert und Sinn hinter diesem Amt und dahinter, dass es nur ein Mann machen kann. Ich sage jetzt nicht, dass eine Frau nicht taufen kann und nicht predigen, es geht nicht darum. Es geht um diese besondere Nachfolge in Christus, was theologisch tiefere Gründe hat, auch wenn es in unserer lauten Welt keine Rolle spielt. Sagt man das heute einem Laien, der nicht mit der Kirche bewandert ist, sagt dieser: Ihr spinnt ja völlig, in der heutigen Zeit, was soll das? Ich möchte da nicht einfach dem Mainstream nachfolgen und unsere Tradition hinab tun.
Länzlinger: Ich freue mich, dass von Papst Franziskus her die Diskussion wieder aufgenommen wurde, auch über das Diakonat der Frau. Der Seelsorgerat von Zürich hat sich ebenfalls dafür ausgesprochen, dass das Diakonat der Frau gefördert und zugelassen wird. Es wäre eine grosse Bereicherung für die Kirche, wenn wir diesen Schritt machen würden. Es würde mich sehr freuen, wenn es nicht erst in 100 Jahren, sondern in den nächsten Jahren möglich wäre, dass es auch Diakoninnen gäbe. Nicht nur Papst Franziskus, auch Bischöfe wie Kardinal Schönborn in Wien und andere sagen, dass diese Diskussion offen ist. Es gibt ja viele Türen, die geschlossen sind, aber diese Diskussion läuft momentan. Wenn ich jetzt zum Diakonat, wie es ist, ja sage – heisst das nicht, dass ich nicht für eine Öffnung bin.  
Siemes: Es macht mir Mühe, ich habe lange damit gerungen. Es macht mich auch immer wieder sprachlos. Um die Sprache wieder zu finden mache ich gern einen Blick in die Geschichte. Das Diakonenamt wurde im zweiten Vatikanum wiederbelebt. Wie so vieles ist es ein Kompromiss. Ich denke, so wie es momentan ist, ist es noch nicht ausgereift. Es gibt Klärungsbedarf, wie auch sonst bei vielen Themen in der Kirche. Für mich stellte sich die Frage: Warte ich ab, bis dieser Klärungsprozess irgendwann abgeschlossen ist – dann kann ich vieles abwarten, aber nichts bewirken. Oder aber: Nutze ich die Möglichkeiten, die mir gegeben sind und zu denen ich mich auch berufen fühle? Es ist in unserer katholischen Kirche so, dass ich Dinge doch akzeptieren muss, die ich so nicht nachvollziehen kann, die ich anders sehe. Und trotz allem möchte ich die Treue haben und vor allem die Treue zum Evangelium halten. Das ist eine Spannung und vielleicht ist es ja so, dass diese Spannung das Diakonenamt ausmacht: inmitten dieser allumfassenden katholischen Kirche gibt es verschiedene Positionen. Klar ist für mich: Mann und Frau braucht es in der Kirche.

Man kann auf die eine oder andere Veränderung hoffen und sich für sie einsetzen. Ist es denn für Sie ein Thema, dass eventuell eines Tages das Priesteramt für Sie als verheiratete Diakone geöffnet wird?
Länzlinger: Es ist für mich ein Thema, und doch lasse ich mich nicht deswegen zum Diakon weihen. Sicher wird sich das nicht schnell verändern, so gut kenne ich die Kirche. Wenn es möglich wäre, wäre ich sicher offen dafür. Ich finde, die Kirche vergibt sich viele Chancen, gerade auch in der Sakramentalität. Sie stellt sekundäre Dinge – zum Beispiel eine bestimmte Art des Zölibats, wie er momentan ist – höher, als beispielsweise die Möglichkeit, dass am Sonntag die Eucharistie gefeiert werden kann. Wir wüssten da theologisch vieles besser, aber faktisch ziehen wir nicht die Konsequenzen daraus. Schlussendlich denke ich ebenfalls, dass der Blick auf die Ressourcen zählt, nicht auf das, was noch nicht geht. Schauen wir auf das, was jetzt möglich ist. Das gilt für Frauen und Männer, die im kirchlichen Dienst sind.
Siemes: Auch das wurde ich schon öfters gefragt. Ich wäre sicher nicht der Erste, der sich nun «endlich» zum Priester weihen lassen würde. Das Priesteramt hat ein eigenständiges Profil mit bestimmten Aufgaben. Ich muss sagen, ich finde mich als Person eher im Diakonenamt wieder. Was ich mir wünschen würde: eine breitere Ausgestaltung der Ämter, der weg kommt vom hierarchischen Aufstieg der Ämter.
Neira: Nein, für mich ist das keine Frage. Ich sehe mich in der Berufung des Diakons. Sie entspricht meinem Wesen, davon bin ich tief überzeugt. Die Ergänzung von Priester und Diakon ist für mich wunderbar. Und zum Priesteramt gehört für mich der Zölibat. Er ist wertvoll und nicht einfach «ein alter Zopf». Priester wählen den Zölibat freiwillig und wissen, worauf sie sich einlassen. Ich habe die Ehe gewählt und das ist auch kein einfacher Weg, den wir zusammen gehen. Als Diakon wird es nicht einfacher. Der Priester, der den Zölibat lebt, trägt seine Bürde. Die Ämter mit ihren eigenen Bedingungen haben ihre Berechtigung und auch ihre Würde.

Sie werden zum Dienst am Wort, an der Liturgie und auch an den Armen geweiht. Wie wird der Dienst an den Armen bei Ihnen konkret aussehen?
Siemes: Schnell kommt uns in den Sinn, dass es die materiell armen sind. Aber die Armut kann sich in vielerlei Hinsicht zeigen. Im Spital erlebe ich sie als Einsamkeit. Gerade im Spital fühlen sich Menschen oft alleine und in einer Stadt wie Zürich breitet sie sich ebenfalls aus. Auch die konkrete materielle Armut erlebe ich am Unispital. Da sind Randständige, die gleich behandelt werden, wie alle anderen. Das finde ich grossartig. Ich möchte für sie da sein, ihnen meine Aufmerksamkeit zu zeigen. Auch privat wird es nochmals eine Herausforderung sein. Wie kann ich etwas mehr tun, wo ist die Not beim Nächsten?
Länzlinger: Ich konnte im Jahr 1997 eine Studienreise nach Indien zu den Jesuiten machen. Da habe ich gelernt, was die «Option für die Ärmsten» bedeutet. Wir fuhren stundenlang in Gebiete, wo sonst niemand ist. Die Jesuiten sind dort bis heute im Einsatz für Menschen, die im indischen Kastenwesen untergehen würden. In unserem Weihegottesdienst werden wir für diese Projekte die Kollekte aufnehmen, was mich sehr freut. Ich kenne da verschiedene Patres, zusammen mit meiner Frau, die damals auch dabei war. Wir wollen diese Beziehungen bewusst weiterführen. Mein anderes Feld ist im Personalbereich hier in Zürich. Wo ist da die «Option für die Schwächsten»? Viele Leute sagen mir: «Was Du beruflich machst, das möchte ich gar nicht. Im Personalbereich kommen auch viele schwierige Themen zusammen.» Wenn es gut läuft, braucht es mich oft nicht. Dann gibt es menschlich schwierige Situationen, in denen ich mit den Betroffenen nach Lösungen suchen muss. Der Begriff der «personal care» ist für mich der Schlüssel dazu, auch diakonisch: da zu sein als Ansprechperson für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gibt manchmal Schweres auszuhalten. In meiner jetzigen Aufgabe möchte ich gerade in diesem Bereich die diakonische Haltung noch vertiefen. Ich möchte für jene da sein, die mit grossem Engagement etwas für die Kirche machen wollten, und die dann Brüche erleben mussten. Ich setze mich dafür ein, dass wir sie nicht einfach fallen lassen.
Neira: Das ist ein Thema, das mich ziemlich beschäftigt. Es gibt ja auch eine geistige Armut, mehr in dem Sinn, dass ich Menschen wieder sensibilisieren kann für das Religiöse, für unsere Religion. Der Einsatz für die Armen hat vielleicht auch einen missionarischen Charakter, zu zeigen, dass unsere christliche Religion viel bewirkt hat und zur Entwicklung unserer Gesellschaft beigetragen hat. Gerade für junge Menschen, die auf der Suche sind, ist mir das sehr wichtig. Ich möchte auf sie zugehen, ihnen die frohe Botschaft verkünden und sie zu Christus führen. Christus ist ein möglicher Weg für sie aus dieser verwirrten, ideologiegetränkten Gesellschaft. Das ist wirklich nicht einfach für junge Leute. Persönlich bewegt mich der Wunsch, selbst über «den Tellerrand» hinaus zu gehen. Aktuell ist das noch nicht spruchreif, aber es wühlt mich auf. Das Engagement für die Armen habe ich von meinen Eltern gelernt. Mein Vater ist sein Leben lang rund um die Welt gereist. Ich habe vieles gesehen und war an Orten, wo die Armut herrschte. Meine Mutter hat mich von klein auf gelehrt, dass man etwas gibt. Sie ging in Mexiko City hinaus auf die Strasse aus unserem Appartement und hat die Menschen dort verpflegt, Menschen, die mit ihren Kindern in Kartons lebten. Letzthin habe ich das Buch gelesen von Carla Del Ponte, «Im Namen der Opfer». Da hat es mich wieder aufgewühlt und ich dachte: Das kann nicht sein, da muss man etwas tun! Die Kirche hat viele Ressourcen, natürlich macht sie etwas und sie macht sehr viel. Ich denke zum Beispiel an einzelne Pfarreien, die sehr reich sind, die machen auch etwas. Aber: Einfach Geld zu schicken, das ist ein Tropfen auf den heissen Stein, der versandet. Ich finde, die Chinesen, die machen das schlau. Auch wenn man nicht einverstanden sein muss mit der Politik der Chinesen und ihrer Ideologie, aus der heraus sie aus Eigennutz handeln. Immerhin, wenn sie nach Afrika gehen und investieren, dann bliebt zumindest am Schluss eine Autobahn oder ein Staudamm oder ein Spital. Da könnten wir uns etwas abschneiden. Auch das hat mir mein Vater gelehrt: «Wenn Du etwas tust, musst Du schauen, dass etwas zurück bleibt.» Das Geld geben ist das eine, aber im Grund schlafen wir da. Nur über den Einsatz für Bildung geht es auch nicht. Da möchte ich in näherer Zukunft eine eigene Initiative ins Leben rufen, mit der ich auch an die Ränder gehen kann. Ich habe da einige Vorbilder, zum Beispiel Diakon Stefan Staub aus Teufen. Er hat eine Hilfe für Kurdistan ins Leben gerufen. Er ging bis an die Grenzen der vom IS besetzten Gebiete und brachte dorthin Decken, Babynahrung und vieles mehr, das er in seiner Pfarrei gesammelt hatte. In der Osternacht gingen sie mit drei Konvois durch die Türkei bis in den Norden Iraks und haben Hilfe vor Ort geleistet. Für so etwas hätten wir doch Ressourcen genug! Wir könnten. Es braucht jemanden, der Staub aufwirbelt und voran geht. Das treibt mich um. Ich möchte nicht nur bei den Taufen und Hochzeiten stehen bleiben.

Sie sind alle drei eng mit der katholischen Kirche verbunden und bald auch Teil der geweihten Hierarchie. Wenn Sie einen Joker hätten und etwas verändern könnten, was wäre das?
Siemes: Offen miteinander reden zu können, ohne dass sich jemand besser oder andere schlechter fühlen – das wäre für mich ein Wunsch und ein Idealbild. In unserer allumfassenden Kirche darf es Vielfalt geben und jeder darf seinen Platz haben. Ich wünsche mir diesbezüglich eine grössere Toleranz und Bereitschaft, voneinander zu lernen. Wenn das gelingt, könnte das etwas geben, durch das Bewegung in viele Bereiche kommt. Es geht mir nicht um eine spezifische Entscheidung, mit der alles gelöst wäre. Es muss uns mehr ums Miteinander gehen, damit zusammen Veränderung geschieht. Das muss bei jedem einzelnen anfangen.
Neira: Die Veränderung sehe ich weniger im dogmatischen Bereich oder hinsichtlich der Ämter bzw. der Hierarchie. Das gehört für mich in die Kirchengeschichte. Bis sich das verändert oder verändern sollte, bin ich schon lange tot. 

Würden Sie sich eine Veränderung wünschen?
Neira: Nein. Der Begriff der Hierarchie kommt heute oft negativ rüber. Dabei steckt auch etwas Gutes dahinter, Gewalt zu haben: damit können wir etwas bewirken. Gewalt heisst ja nicht, Menschen unten zu halten, sondern im positiven Sinn kann sie nützlich sein, um etwas speditiv durch zu bringen. Bei der Dezentralisierung und der strukturellen Veränderung bin ich dafür, dass sich etwas verändert. Die Wege müssten kürzer werden, zum Beispiel innerhalb der römischen Kurie. Aber das betrifft mich an der Basis ja nicht direkt.  

Gibt es denn dann eine Veränderung, die Sie sich wünschen würden?
NeiraIch finde diese Frage schwierig. Kirche verändert sich laufend. Vielleicht wäre es schön, sie würde sich schneller verändern und sich anpassen an die Situation der Leute. Manche Dinge könnten für mich tatsächlich schneller aufbrechen. Wir müssen schauen, dass Pfarreiarbeit geleistet wird, dass wir immer wieder aufbauen. Mehr an die Ränder zu gehen, noch mehr, auch in den einzelnen Pfarreien – das würde ich mir wünschen. Manchmal kommt mir vor, wir betreiben eher einen Wellnessbetrieb. Da frage ich mich schon: Ist das schlussendlich zum Heil der Menschen notwendig?  
Länzlinger: Mir ist das Gebet in den Sinn gekommen: «Herr, erwecke Deine Kirche und fange bei mir an». Wir sehen immer die anderen in der Pflicht. Die Diakonenweihe ist für mich die liturgisch-sakramentale Zusage, dass ich für die Kirche berufen und gesandt bin, das Evangelium mit Freude zu leben, so gut ich es kann. Damit möchte ich anderen die Freude weitergeben. Ich würde mir wünschen, dass wir die Impulse von Papst Franziskus noch mehr mit Freude aufnehmen, umsetzen, weitertragen. Sie begeistern auch sehr viele Leute, die nicht kirchennahe sind. 

An welche Impulse denken Sie?
Länzlinger: Zum Beispiel an die Enzyklika «Laudato si», in der es um die Sorge für die Schöpfung geht. Die Katholische Kirche im Kanton Zürich ist intensiv dabei, die Umsetzung dieser wichtigen Impuse noch entschlossener anzugehen. Wir könnten einfach sagen: Das ist Konsequenz unseres Glaubens, dass wir im Umweltschutz voran gehen. Es geht um unsere Schöpfung! Ich wünschte mir, dass diese Impulse nicht verpuffen, sondern auch in den Strukturen unserer Kirche umgesetzt werden. Dass wir die Erkenntnisse unserer eigenen Theologie umsetzen auch in den Strukturen. Ein Beispiel: Das Fest Maria Magdalena wurde von Papst Franziskus als Apostelfest aufgewertet. Eigentlich wissen wir das schon lange. Die Bischöfe sind die Nachfolger der Apostel – was heisst das, wenn wir das zu Ende denken? Wenn uns der Heilige Geist etwas sagt – wenn wir erkennen, das ist ein Zeichen der Zeit: dann setzen wir es doch um. Beginnend immer bei uns selbst.

Text: Veronika Jehle

Geschichte und Sinn des Diakonats

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Sa, 9. Februar, 10 Uhr, Kirche Herz Jesu Wiedikon:
Diakonenweihe mit Weihbischof Marian Eleganti, anschliessend Apéro im Johanneum