Spiritualität ganz alltäglich

Ohne Leistungssport

Auftakt zur neuen Serie «Spiritualität ganz alltäglich».

Viele Jahre war ich überzeugt, kein spiritueller Mensch zu sein. Im Religionsunterricht wurde vom Gespräch mit Gott geschwärmt. Aber mit mir hat er nie geredet. An Einkehrtagen konnte ich über die spektakulären Erfahrungen der anderen nur staunen. Und wenn Spiritualität gelehrt wurde, fühlte ich mich zum Leistungssport genötigt. Je spiritueller es wurde, desto stärker empfand ich mich selbst ohne jede Tiefe. Oder ich machte mich lustig über alle jene, die ich einen halben Meter über Boden schweben sah.

Mein Glaubensleben war zwar in meinem Alltag integriert, aber dermassen unspektakulär, dass ich mich wahlweise fragte: Fehlt dir die Begabung zur Spiritualität? Oder der Mut zur Tiefe? Oder die Disziplin zum Training?

Irgendwann fiel mir auf, dass selbst das intensivste spirituelle Programm keine besseren Menschen hervorbringt. Ich bin selbstverliebten Zen-Meistern be-gegnet, rastlosen Mönchen und schlecht gelaunten Wallfahrern. Und ich bin vorbildlichen Menschen begegnet, die nie ein Wort über Spiritualität verloren hätten und mit mir nicht einmal meinen Glauben teilten. Das hat mich beruhigt, weil es mir den Druck nahm.

Schliesslich habe ich Gilbert Keith Chesterton und Meister Eckhart entdeckt und mit ihnen meine eigene Spiritualität. Mir wurde bewusst, dass der Raum meiner Spiritualität die Arbeit mit und an der Sprache ist. Dass im Schreiben meine spirituellen Exerzitien stattfinden. Dass ich in meinem kindlichen Gwunder und meinem ewigen Fröglialter ein Gespräch mit Gott führe. Irgendwann entdeckte ich mich selbst als spirituellen Menschen – nur halt auf meine ganz eigene Weise, die sich nicht zertifizieren lässt.

Heute bin ich deshalb überzeugt, dass jeder Mensch seine spirituelle Begabung hat. Nur zeigt sich diese häufig nicht an den Orten, wo wir sie erwarten, und auch nicht so sensationell, wie oft behauptet.

In unserer neuen Serie suchen wir Spiritualität im ganz Alltäglichen. In den kleinen Dingen. In unspektakulären Handlungen. Im nüchternen Kleinkram. Wir möchten damit Lust machen, das Wunder und das Wundern in den ganz alltäglichen Dingen wahrzunehmen. Nicht um den Alltag zu verklären, sondern um ihn als vielfältig, überraschend und inspirierend zu entdecken, ganz einfach, weil wir uns ein wenig Zeit nehmen, ihn gwundrig zu betrachten.

Text: Thomas Binotto