Editorial

Solidarität ist Nächstenliebe

Solidarisch ist, wer Hilfe leistet. Es gilt aber auch: Solidarisch ist, wer Hilfe annimmt.

Es gibt viele Menschen, die in schwierigen, ja prekären finanziellen Verhältnissen leben, darüber aber nie jammern. Menschen, die sich selbst nie aufgeben. Menschen, die mit aller Kraft unabhängig bleiben wollen. Ich bewundere solche Menschen. Gerade weil ich selbst noch nie existentielle Not leiden musste.

Der Wille zur Selbstbestimmung kann aber auch zur Belastung werden. Ein übersteigertes Autonomieverständnis kann dazu führen, dass man nie jemanden um Hilfe bittet, weil man das als persönliche Niederlage empfindet. Für eine funktionierende Gemeinschaft ist es deshalb wichtig, dass wir Hilfe annehmen können. Genau betrachtet ist es sogar unsolidarisch, wenn wir nie auf jemand anderen angewiesen sein wollen.

Für eine wirklich solidarische Gesellschaft braucht es also alle: Menschen, die Hilfe leisten wollen und Menschen, die Hilfe annehmen können. Genau darauf baut Sozialhilfe auf. Sie wird nicht von einer scheinbar anonymen Institution getragen, sondern von unserem gemeinsamen Willen zur Solidarität. Diese Solidarität entsteht im gegenseitigen Respekt. Im würdevollen Geben und Nehmen. Im fürsorglichen Miteinander.

Jesus hat es ebenso einfach wie unmissverständlich auf den Punkt gebracht: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.»

Text: Thomas Binotto