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Sozialhilfe – lieber nicht!

Ungefähr jede vierte anspruchsberechtigte Person in der Schweiz bezieht keine Sozialhilfe. Entsprechend lebt eine grosse Zahl von Menschen unter dem Existenzminimum. Simone Arenz von Caritas Zürich und Beatrice Helbling aus der Pfarrei St. Urban in Winterthur über Gründe und Langzeitfolgen.

forum: Im öffentlichen Diskurs stehen vor allem der Missbrauch von Sozialhilfe und die hohen Sozialkosten im Zentrum. Nun zeigen Studien, dass ein beträchtlicher Teil von Anspruchsberechtigten auf Sozialhilfe verzichtet. Wie erleben Sie dies in Ihrer Arbeit?
Simone Arenz:
Bei Caritas Zürich ist der Nichtbezug ein grosses Thema. Sowohl in meinen Sozialberatungen für armutsbetroffene Familien als auch bei der telefonischen Kurzberatung begegne ich fast täglich Fällen, bei denen Personen den Gang zur Sozialhilfe ablehnen, obwohl ich ihnen klar einen Anspruch aufzeigen kann. Ähnliches erleben meine Kolleginnen und Kollegen in ihren Beratungen.
Beatrice Helbling: Diese Erfahrung kann ich aus meiner Arbeit in unserem pfarreilichen Sozialdienst in Winterthur bestätigen. Zwar sind es bei uns nicht 25 Prozent der Anspruchsberechtigten, die auf Unterstützung verzichten, wie eine Studie der Universität Bern zeigt, aber die Zahl ist dennoch überraschend gross.

Wo liegen die Gründe?
Arenz:
Die Menschen schämen sich, zum Sozialamt zu gehen. «Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet», höre ich oft, «vom Staat will ich nun kein Geld.» Lieber leben diese Menschen unter dem Existenzminimum. Viele scheuen auch den administrativen Aufwand, der mit einem Antrag einhergeht, und die Notwendigkeit, seine persönlichen Verhältnisse bis ins Detail offenlegen zu müssen.
Helbling: Scham ist ein zentrales Thema. Und die Angst, den Aufenthaltsstatus zu verlieren – eine drastische Konsequenz aus dem Ausländergesetz. Sozialhilfebezug gilt als Grund für den Widerruf beziehungsweise die Nichtverlängerung einer Aufenthaltsbewilligung – selbst bei langjährig anwesenden, niedergelassenen ausländischen Personen.
Ich erlebe auch Menschen, die bereits schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht haben – Verdingkinder zum Beispiel – und nie mehr vom Staat abhängig sein wollen. Sie haben Angst, wieder in einem System zu landen, das sie gefangen hält und kontrolliert. Denn Sozialhilfe zu beziehen heisst, immer unter Kontrolle zu stehen. Was immer man über den Grundbedarf hinaus braucht, muss man begründen können.
Arenz: Oft wissen die Armutsbetroffenen auch gar nicht, wie unser soziales System funktioniert. Oder sie sind überfordert, all die Papiere auszufüllen. Das ist nicht nur eine Frage mangelnder Bildung oder Sprache. Viele Menschen sind aus psychischen Gründen oder durch Überforderung im Alltag dazu schlicht nicht in der Lage.

Infografik: Simone Juon

 

In ländlichen Gebieten ist der Nichtbezug grösser als in den Städten. Warum?
Helbling:
Auf dem Land ist die Sozialkontrolle grösser als in der Stadt. Womit wir wieder beim Thema Scham sind: Wenn ich in meiner kleinen Gemeinde Sozialhilfe beantrage, spricht sich das im ganzen Dorf herum. Die Stadt ist anonymer, das macht es einfacher.
Auf dem Land sind zudem der familiäre Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfe meist grösser. Da lassen sich Durststrecken besser aushalten. Und dank Garten können viele teilweise Selbstversorger werden.

Wie überleben die Nichtbezüger mit finanziellen Mitteln, die das Existenzminimum nicht decken?
Arenz:
Ich erlebe oft, dass sie von Privatpersonen Kredit aufnehmen. Schulden häufen sich auch bei den Steuern und der Krankenkasse. Meist verfügen sie aber auch über ein gutes soziales Netz, indem man sich gegenseitig unterstützt, Sachen austauscht, sich hilft.
Helbling: Sie sparen an allen erdenklichen Ecken und Enden, beim Essen oder bei den Gesundheitskosten. Forderungen werden nicht bezahlt. Am ehesten wird noch die Handyrechnung beglichen. Das Mobiltelefon ist bei vielen das Einzige, was ihnen noch bleibt – und oft auch die einzige Verbindung zur Aussenwelt, denn aus Angst vor Kosten verlassen sie die Wohnung nicht mehr und vereinsamen in ihren vier Wänden.

Welches sind die Folgen des Nichtbezugs?
Arenz:
Unter dem Existenzminimum lebt es sich sehr prekär. Die Menschen werden verletzlich. Sie müssen jede noch so schlecht bezahlte Arbeit annehmen und können sich nicht zur Wehr setzen, wenn sie ausgenützt werden. Und wenn Arzt- und Zahnarztbesuche aufgeschoben werden, weil ja auch Franchise und Selbstbehalt kosten, kann das zu gravierenden gesundheitlichen Langzeitfolgen führen.
Am härtesten trifft es meist die Kinder. Was muten ihnen die Eltern zu, wenn sie weder am Schullager noch am Musikunterricht teilnehmen können, nur weil das Geld fehlt? Oder wenn es drei Wochen lang Spaghetti ohne Beilage gibt? Das Leben mit sehr wenig Geld führt auch zu extremem psychischem Druck: Beziehungen scheitern, oft kommt es zu Gewalt in der Familie. Am Schluss sind alle verzweifelt. Sowohl für die Betroffenen als auch für die Gesellschaft sind dann die Folgekosten langfristig letztlich finanziell, psychisch und sozial höher, als es der Bezug der Sozialhilfe je gewesen wäre.

Wie begleiten Sie Klienten, die eine Sozialhilfe beziehen wollen?
Helbling:
Ich kläre sie zuallererst über die Ansprüche auf – und helfe dann mit den ganzen Formalitäten. Das beginnt beim Zusammenstellen der Unterlagen, geht weiter mit dem Ausfüllen der Formulare und kann so weit führen, dass ich für die Anmeldung zum Sozialamt mitgehe. Manche Menschen habe geradezu Panik vor diesem ersten Schritt. Dass ich Menschen berate, die in unserer Pfarrei und damit in nächster Nähe wohnen, empfinde ich bei der Begleitung als grossen Vorteil. Sie fühlen sich hier aufgehoben. Trotzdem kommt es manchmal zu Kontaktabbrüchen – viele aber schaffen es dann doch irgendwann, die Sozialhilfe anzunehmen.

In der Präambel unserer Bundesverfassung steht, die Stärke des Volkes messe sich am Wohl der Schwachen. Was wünschen Sie sich vom Sozialstaat Schweiz?
Helbling:
Ich wünsche mir, dass die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe SKOS eingehalten werden und Sozialhilfe-Unterstützung nicht gekürzt wird.
Arenz: Ich wünsche mir, dass Menschen, die Anrecht auf Unterstützung haben, ohne Hemmungen aufs Sozialamt gehen können, dort mit Wohlwollen aufgenommen werden und Hilfe erhalten. Eine Willkommenskultur für die Schwachen also, anstelle von Misstrauen und Abwehr.

Passantenumfrage – «Wie würdest du dich fühlen, wenn du das Sozialamt aufsuchen müsstest?»

Text: Pia Stadler