Standpunkt

Wenn Berechtigte keine Sozialhilfe beziehen

Sozialhilfe ist ein Tabu. Betroffene reden ungern darüber. Anders bei den Kosten; viele ärgern sich laut, dass sie dafür Steuern zahlen. Menschen in der Sozialhilfe werden abgestempelt.

Caritas Zürich begeht Tabubruch mit dem Thema «Nichtbezug von Sozialhilfe». Jede vierte unter dem Existenzminimum lebende Person geht nicht zum Sozialamt. Wenn jemand temporär im «letzten Netz Sozialhilfe» Unterstützung finden kann, dann soll er oder sie sich nicht selber armselig durchs Leben kämpfen. Die Folgekosten sind mit Sicherheit höher, wenn die Berechtigten nicht rechtzeitig aufgefangen werden. Insbesondere für die Gesundheit kann es sehr teuer werden, diese Kosten tragen die Steuerzahler irgendwann wieder. Sozialhilfe soll präventiv wirken.
Sozialhilfe ist für viele Kritiker wie eine Hängematte. Caritas will keine Menschen, die fit genug sind, länger als nötig in der Sozialhilfe. Ich stelle mir dieses Auffangnetz lieber als ein Trampolin vor. Man betrachte Kinder auf einem grossen, runden Trampolin. Wie wunderbar üben sie Koordination und Bewegungsabläufe. Wir haben genug Möglichkeiten, um Menschen in der Sozialhilfe fit zu machen. In den Caritas-Märkten beziehen die meisten Verkäuferinnen und Verkäufer Sozialhilfe. Aber sie wollen arbeiten, sie möchten sich trainieren für den ersten Arbeitsmarkt. Und viele schaffen es.

Was müssen wir ändern? 
Caritas hat dazu folgende Ziele gesetzt:

Wir müssen mehr wissen: Wer sind die Menschen, und wie viele sind es, die Anrecht hätten, und aus welchen Gründen beziehen sie keine Sozialhilfe? Was sind unsere Folgekosten, wenn sie ohne Fürsorge beispielsweise am Ende psychiatrisch betreut werden?

Wir wollen das Tabu-Wort Sozialhilfe entspannen: Ich «gehe» nicht «in die Sozialhilfe», sondern habe Anrecht auf temporäre Unterstützung. Niemand stört sich an der Aussage: Ich beziehe nun meine AHV. Aber bei Sozialhilfe-Bezügern vermutet man Schmarotzer.

Es braucht eine schweizerische Armutsstrategie und ein Rahmengesetz Sozialhilfe, dazu sollen sich Bund, Kantone, Gemeinden und die Wirtschaft verpflichten. Querschnittspolitik zur Armutsbekämpfung umfasst Arbeit, Bildung, Gesundheit, Wohnen – alle Lebensbezüge.

Menschen in Not muss ein Leben in Würde und Hilfe zur Selbsthilfe garantiert werden, das sagt die Kantonsverfassung im Artikel 111. Deshalb sind Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) vom Kanton einzuhalten. Es braucht eine gesetzlich klar verankerte Verpflichtung zur Menschenwürde und zur SKOS.

Kinder, Jugendliche und grössere Familien haben die höchsten Risiken. Ergänzungsleistungen für Familien helfen, damit sie nicht zum Sozialfall werden. Im Kantonsrat wurde sinnvollerweise eine entsprechende Parlamentarische Initiative eingereicht.

Der Einsatz für Menschenwürde stärkt die Glaubwürdigkeit der Kirchen. Ich bin froh, dürfen wir mit der Caritas einen wichtigen Beitrag leisten, besonders auch in der Sensibilisierungsarbeit.

Text: Max Elmiger

Angebot laufend

Der Theologe Max

Elmiger leitet seit 2006 die Caritas Zürich.

Angebot laufend

«Wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind.»
Bundesverfassung, Artikel 12