Spiritualität ganz alltäglich

Briefkasten öffnen

Was Post mit Spiritualität zu tun hat, erklärt Michaele Madu.

Fast jede und jeder tut es täglich. Wir schauen in unseren Briefkasten vor der Haustüre. Viele schauen noch viel öfter in den virtuellen Mail-Briefkasten. Nicht immer ist es angenehm, was uns dort erwartet. Seit man Glückwünsche und nette Fotos eher per Mail sendet, kommt das Nervige oder Bedrohliche öfters aus dem echten Briefkasten. Meist liegen darin Rechnungen, aber auch Mahnungen oder eingeschriebene Briefe.

Der Briefkasten kann sogar zu einer Horrorbox werden, die uns beispielsweise vor Entscheidungen von Ämtern zittern lässt. Früher konnte man sogar an Grösse und Dicke eines Couverts erahnen, ob es sich um eine Zusage für eine Arbeitsstelle handelte oder ob alle Bewerbungsunterlagen wieder zu einem zurückkamen. Heute spielt sich das meist online ab. Das kann dazu führen, dass man bei jedem Piepen des Mail-Eingangs wie elektrisiert ist. Man weiss ja nie, ob es die angeschriebene Firma ist oder nur ein Spam-Mail. Und wer Nachrichten abonniert, wird zudem im Minutentakt mit Entgleisungen von Präsidenten, Tattoos von Promis oder brutalen Kriegsbildern konfrontiert. Wir lassen uns überschwemmen.

Der Briefkasten, sei er nun der alte «echte» oder der neue «virtuelle», ist für mich ein Bild dafür, wie das Leben mit uns umgeht. Man kann sich nicht auf alles vorbereiten. Die gerade ankommende Post kann über Glück oder Leid entscheiden – manchmal für Monate oder Jahre. Das Leben kann einen zumüllen, wundervoll überraschen oder in den Hintern treten. Es ist nicht leicht, darauf mit dem nötigen Selbstschutz zu reagieren. Und nicht immer wollen wir uns alles von der Seele reden. Haben wir eigentlich noch einen anderen Briefkasten, ausser jenem an der Türe und dem virtuellen? Gibt es eine Art Briefkasten in uns selbst? Was wäre, wenn auch mein Inneres Post empfängt?

Vielleicht habe ich lange nicht hineingeschaut und finde darin Pakete, die ich endlich öffnen und bearbeiten sollte oder auch einfach entsorgen kann. Und ich könnte «Couverts» mit wahren Schätzen finden, die ich dort nicht vermutet hätte. Was wäre, wenn ich alle meine Briefkästen im Leben regelmässig aufmache und möglichst unerschrocken hineinblicke? Vielleicht hat auch da ein Postbote unerwartet etwas für mich hinterlegt…

Text: Michaele Madu, Pastoralassistentin Katholische Pfarrei Volketswil