Peter Henrici

Er lebt Kirche

Mit 91 Jahren legt Peter Henrici seine Lebenserinnerungen vor. Aber noch immer scheint er im Aufbruch begriffen, als habe das Abenteuer eben erst begonnen.

Seit vier Jahren wohnt Peter Henrici in Brig – weit weg von Zürich. Wer sich dann aber ein Treffen mit dem 91-Jährigen kompliziert vorstellt, wird schnell eines Besseren belehrt. Er komme häufig nach Zürich, die Bahnreise sei einfach, eigentlich ein Katzensprung. Und so treffen wir Peter Henrici anlässlich der Veröffentlichung seiner Lebenserinnerungen ganz unkompliziert im Hauptsitz der Schweizer Jesuiten am Hirschengraben. Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem ehemaligen Arbeitsplatz, wo er zehn Jahre lang als Generalvikar gewirkt hat.

Diese entspannte Vitalität zeichnet Peter Henrici nicht nur aus, wenn es ums Reisen geht. Sie ist auch in seinem Buch «Erlebte Kirche» und in jedem Gespräch mit ihm offensichtlich. Hier erinnert sich nicht bloss ein Kirchenmann, der in seinem Leben viel gesehen, erlebt und mit-gestaltet hat. Immer noch ist Peter Henrici einer, den das Abenteuer «Glaube» und die Herausforderung «Kirche» antreibt. Damit ist er noch lange nicht fertig.
Der Philosophieprofessor drückt sich vorallem in dieser Haltung aus. Weniger in der Sprache, als vielmehr in der unbändigen Lust zu fragen und sich nicht mit den naheliegenden Antworten zufrieden zu geben. Sein Buch ist deshalb eine anregende, vielfältige und bei aller Nachdenklichkeit gut lesbare Lektüre, die immer wieder überraschende Einblicke in scheinbar bekannte Zusammenhänge ermöglicht. Selbst wenn Henrici seiner Lust an der Provokation nachgibt, will er keine apodiktische Lehrmeinung verkünden, sondern eine engagierte Diskussion auslösen.

Besonders schön sind die kurzen Porträts von Menschen gelungen, denen Peter Henrici auf seinem Weg begegnet ist, darunter Karl Rahner, Chiara Lubich, Carlo Maria Martini und drei Päpste. Mit sympathischem Understatement skizziert er diese Menschen in wenigen, schlichten Sätzen und eröffnet dabei doch eine Sicht, die gerade bei den Päpsten unsere Klischeebilder aufbrechen lassen.
Dabei zeigt sich Peter Henrici auch als Meister vielsagender Ironie. Vom ersten Besuch, den er zusammen mit Paul Vollmar und Wolfgang Haas bei Johannes Paul II. absolvierte, überliefert er folgende Anekdote: «Als wir zwei neugewählten Weihbischöfe zusammen mit Bischof Wolfgang Haas eine erste Privataudienz beim Papst hatten, sagte er bei unserem Eintreten: ‹Da kommt der Bischof, der immer lächelt.› Er ermutigte mich dann, auch als Bischof meine Professur beizubehalten; er habe das auch getan. Beim Hinausgehen hielt er mich zurück: ‹Padre Professore, versuchen Sie herauszufinden, warum dieser Bischof immer lächelt.› Es ist mir leider nicht gelungen, es eindeutig herauszufinden.»

Eine der wichtigsten Personen für Henricis Zürcher-Zeit prägt bezeichnenderweise den Abschluss des Buches, der gleichzeitig ein Ausblick ist. Es ist dies Henricis «christlich-brüderlicher Freund» Ruedi Reich, von 1993 bis 2010 Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Zürich.
Wie er über diese Freundschaft schreibt, ist ein weiterer eindrücklicher Beleg dafür, dass für Peter Henrici die Kirche weder ein theologisches noch ein philosophisches Gebilde ist, sondern ein Gemeinschaft von Menschen für Menschen – eben erlebte Kirche. Mit grosser Wärme erzählt er auch heute, wie sehr er sich mit Ruedi Reich gerade im Christsein gefunden habe. Dass dabei Ruedi Reich ein reformierter und Peter Henrici ein katholischer Theologe blieben, sei dieser ökumenischen Einvernehmlichkeit nie im Weg gestanden.

Peter Henrici legt in seinen Lebenserinnerungen für eine menschliche Kirche Zeugnis ab, denn «eine erlebte und erlebbare Kirche trägt viel Menschliches an sich. Das wirkt manchmal komisch, und gelegentlich ärgert es. Doch erst durch dieses Menschliche wird die Kirche wirklich liebenswert.»

Auch mit 91 Jahren ist Peter Henrici immer noch ein unermüdlicher Arbeiter, Denker und Kommunikator. Worin gründet seine Hoffnung für die Kirche? – «Lesen Sie den Beitrag von Gottfried Locher* in der aktuellen Ausgabe der Kirchenzeitung. Den könnte ich sofort unterschreiben. Es gibt nur einen Weg der Kirche: Der Weg zu Jesus Christus.» 

Ein Gespräch das Simon Spengler mit Peter Henrici geführt hat, finden sie unter www.zhkath.ch

* Der Beitrag «Evangelisch-reformierte Kirche – quo vadis?» ist in der Schweizerischen Kirchenzeitung Nr. 1/2019 erschienen. Nachzulesen unter www.kirchenzeitung.ch

Text: Thomas Binotto

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Eine ausführliche und lesenswerte Einführung in «Erlebte Kirche» hat Daniel Kosch anlässlich der Buchvernissage gegeben. Wir stellen sie hier als PDF zur Verfügung. Daniel Kosch ist Theologe und Generalsekretär der RKZ.

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Peter Henrici
«Erlebte Kirche – Von Löwen über Rom nach Zürich» 
Edition NZN bei TVZ 2018, 256 Seiten, ISBN 978-3-290-20163-0

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Biobox

31.3.1928: Peter Henrici wird in Zürich geboren
Volksschule und Gymnasium in Zürich
1947: Eintritt in den Jesuitenorden
1949 –1959: Studien in Philosophie und Theologie
1956: Doktorat in Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom
1958: Priesterweihe in Zug
1959: Lizentiat in Theologie an der Faculté de Saint-Albert de Louvain in Belgien
1960 – 1993: Professor für Neuere Philosopiegeschichte an der Gregoriana
1979 –1990: Gründer und erster Direktor des «Centro Interdisciplinare sulla Communicazione Sociale» an der Gregoriana
31. 5.1993: Bischofsweihe in Einsiedeln zusammen mit Paul Vollmar
1993 –2003: Generalvikar des Bistums Chur für die Kantone Zürich und Glarus
1993 –2009: Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz
5.2.2007: Emeritierung als Weihbischof von Chur
Seit 2015: Messpater im Kloster St. Ursula in Brig