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«Sie schwingen das Kriegsbeil und rauchen die Friedenspfeife»

Geschwister prägen uns fürs Leben. Familientherapeutin Natascha Zumbühl über den konstruktiven Umgang mit dieser besonderen Beziehung.

forum: Geschwisterbeziehungen sind anders als alle anderen Beziehungen. Warum?
Natascha Zumbühl: Sie sind von Anfang an gegeben. Mit seinen Geschwistern verbringt man mehr Zeit als mit den Eltern – oft schon in der Kindheit!

Streiten deshalb Geschwister so viel?
Es ist die erste Beziehung, in der man soziale Interaktion unter Gleichaltrigen übt. Dabei geht es um Identifikation und Abgrenzung. Geschwister streiten mehr untereinander als mit Freunden, weil man in der Familie stärker vergleicht.

Also sollte man alle Kinder gleich behandeln?
Das ist ein Irrglaube. Aufgrund ihres unterschiedlichen Alters und Charakters haben Kinder nicht die gleichen Bedürfnisse und müssen daher unterschiedlich begleitet werden.

Was tun gegen Eifersucht?
Eifersucht ist normal, denn kleine Kinder können ihre Bedürfnisse noch nicht aufschieben. Sie sind schnell frustriert, wenn sie nicht sogleich die Aufmerksamkeit der Eltern bekommen, und projizieren diesen Frust auf das Geschwister. Das muss man zulassen, sonst fühlt sich das Kind mit seinem Gefühl nicht ernst genommen und die Eifersucht wird nur noch stärker.

Die Position in der Geschwisterreihe prägt den Charakter. Stimmt das?
Der Charakter eines Kindes und die Position in der Familie beeinflussen sich gegenseitig. Natürlich spielt die Position eine Rolle: Die Ältesten werden durch ein Geschwister entthront, müssen vorspuren. Mittlere sind oft gute Vermittler, die Kleinsten können immer alles noch nicht, was die andern schon können. Wichtiger ist jedoch, wie das Kind auf seine Rolle reagiert, und wie die Eltern auf seine Rolle reagieren.

Was ist die falsche Reaktion?
Wenn Eltern ein Kind auf eine Rolle festschreiben: Du bist die Älteste und solltest immer vernünftig sein! Oder dem jüngeren Kind die ganze Zeit das ältere als Vorbild hinstellen. Wenn Eltern die Kinder vergleichen und bewerten, zementiert sich deren Rolle und Geschwisterkonflikte können bis ins Erwachsenenalter nicht aufgelöst werden.

Können Erwachsene solche festen Geschwisterrollen durchbrechen?
Man muss bereit sein, diese Rollen zu reflektieren, und sie auch durchbrechen wollen. Im Erwachsenenalter schwelende Geschwisterkonflikte gründen zudem manchmal auf fehlender Ablösung. Man muss sich nicht nur von den Eltern, sondern auch von den Geschwistern ablösen.

Also nichts mehr miteinander zu tun haben?
Nein, eher eigenständig werden: Ich vergleiche und messe mich nicht mehr mit den Geschwistern, ich gehe meinen eigenen Weg. Wenn jedoch die Eltern auch bei erwachsenen Kindern deren Wege unterschiedlich bewerten, beispielsweise nur des einen Kinder hüten, oder nur die eine immer um Rat fragen, dann ist es schwieriger.

Was nützt es, die Schuld an Konflikten in der Kindheit zu suchen?
Es ist sinnvoll, zurückzuschauen, um heute Verantwortung übernehmen zu können. Es geht nicht um eine Schuldzuweisung, sondern darum, die eigenen, oft weiterhin kindlichen Reaktionen gegenüber Geschwistern zu verstehen und einzuordnen. Dann kann ich heute neu entscheiden, wie ich reagieren will.

Im Alter rücken Geschwister oft wieder näher.
In der Kindheit sind sich Geschwister sehr nahe. Sie schwingen das Kriegsbeil und rauchen gleichzeitig die Friedenspfeife. Diese Nähe kann auch unter erwachsenen Geschwistern wieder aufgerufen werden. Hat einer ein Problem, sind die andern für ihn da. Das funktioniert aber nur, wenn vorher eine gesunde Ablösung stattgefunden hat und jedes Geschwister das andere in seiner Eigenart stehen lässt und nicht mehr vergleicht und bewertet. Die in der Kindheit durch das unterschiedliche Alter gegebene Hierarchie muss sich aufgelöst haben, man begegnet sich auf Augenhöhe. Dann können Geschwister einander gerade im Alter eine grosse Stütze sein.

Text: Beatrix Ledergerber

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Natascha Zumbühl, Psychologin und Psychotherapeutin (auch für Kinder und Familien) bei der von den Kirchen getragenen Stelle «Paarberatung &  Mediation im Kanton Zürich».

www.paarberatung-mediation.ch

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«Psychologie heute» 10/2018: Geschwister. Wie sie uns prägen – und was wir gewinnen, wenn wir die Rollen aus der Kindheit aufgeben. 106 S., Fr. 10.90

www.psychologie-heute.de