Impuls zum Kirchenjahr: Fastenzeit

Befreiung

In ihren Ursprüngen war die christliche Askese auch ein Mittel zur Befreiung der Frauen von patriarchalen Zwängen.

Fasten befreit. Bereits im antiken Griechenland versuchten sich Stoiker und Neuplatoniker durch Fasten von körperlichem Verlangen zu befreien und so innere Freiheit zu erlangen. Allerdings war das Fasten in der heidnischen Antike vor allem für Eingeweihte vorgesehen. Dagegen konnten sich in Judentum und Christentum schon immer auch Laien durch Fasten von dem befreien, was sie von Gott fernhielt.

Auch in der Radikalität des Fastens stellte das Christentum in der Antike einen Sonderfall dar: Schon früh entschieden sich christliche Laien für ein andauerndes Fasten als Asketinnen und Asketen, um Gott dauerhaft nahe zu sein.

In ihrer Radikalität prangerte diese Laienbewegung die Verweltlichung des Klerus ihrer Zeit an. Das Befreiungspotential der Askese war so gross, dass sie Frauen sogar von sozialen Zwängen befreien konnte: von der ehelichen Unterordnung unter die Gewalt eines Mannes sowie von den Verpflichtungen, die Reichtum und Rang mit sich brachten.

Nur als Asketinnen konnten sie selbst über ihr Leben bestimmen. Viele dieser Frauen führten sogar ein öffentliches Leben, verfassten Texte oder nahmen an Diskussionen teil. Ihre Meinung galt etwas, denn sie hatten sich durch ihren vorbildlichen Lebenswandel Autorität erworben.

Die meisten dieser Frauen waren zuvor reich und kamen aus hochrangigen Familien. Zu ihnen gehörten die Witwe Paula und ihre Tochter Eustochium, die in regem Austausch mit Hieronymus standen, mit dem sie deshalb auf einem Relief (Bild) in seiner Grabgrotte abgebildet sind.

Meine Lateinprofessorin Barbara Feichtinger pflegte sie mit den heutigen Topmodels oder anderen Superstars zu vergleichen. Sie waren Trendsetterinnen, wurden bewundert und nachgeahmt. Die Heilssehnsucht, die diese Frauen antrieb, strahlt für mich noch heute etwas Faszinierendes aus.

Verzicht gilt heutzutage als negativ und defizitär. Die frühchristliche Askese ist allerdings Verzicht auf Ehe, um reine Gottesliebe zu erfahren, und Verzicht auf Besitz, um den Schatz im Himmel zu erhalten. Verzicht war in den Augen der frühchristlichen Asketinnen stets mit der Befreiung von Weltlichem und der Hinwendung zu Gott verbunden.

Fasten befreit. Wovon möchte ich mich in der kommenden Fastenzeit befreien lassen? Und vor allem: Wofür?

Text: Miriam Bastian

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Die Historikerin Miriam Bastian doktoriert derzeit an der Universität Zürich im Fachbereich Alte Geschichte.