Editorial

Nur eingelöste Versprechen werden historisch

Der erste Besuch eines Papstes auf der arabischen Halbinsel wurde als «historisch» bezeichnet. Ob diese Einschätzung tatsächlich zutrifft, wird allerdings erst die Zukunft zeigen.

Ein aussergewöhnliches Ereignis war die Reise von Papst Franziskus in die Arabischen Emirate allemal. Dass er in Abu Dhabi im Zayed-Sportstadion einen Gottesdienst mit 120000 Menschen aus 100 Nationen feiern durfte, ist keine Selbstverständlichkeit. Noch wichtiger ist aber das Zeichen, dass er und Grossimam Ahmad al-Tayyeb mit der Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung gesetzt haben.

Ahmad al-Tayyeb ist Oberhaupt der Kairoer Al-Azhar- Universität und damit höchste Lehrautorität des sunnitischen Islams. Franziskus ist Papst und damit Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Ihrer Erklärung hat also Gewicht. Gleichzeitig zeigen ihre Hierarchiestufen und die Begriffe «sunnitisch» wie «römisch-katholisch» auch schon die Grenzen ihres Engagements auf. Grossimam und Papst sprechen bestenfalls für einen Teil der Muslime und einen Teil der Christen. Und wenn sie von «oben herab» die Richtung vorgeben, dann ist das zwar in diesem Falle begrüssenswert, aber selbst ihr eigenes Einflussgebiet ist inzwischen so heterogen gestaltet, dass es keine Gewähr dafür gibt, dass ihre Aufforderung auch in ihrer ganzen Tiefe und Breite von den Gläubigen umgesetzt wird.

Dass sich Grossimam und Papst für Frieden, Dialog und Toleranz stark machen und jeder Instrumentalisierung von Religion für Hass und Gewalt eine Absage erteilen, ist zwar leider immer noch aussergewöhnlich und deshalb dringend nötig. Ob aus der Botschaft tatsächlich eine Realität wird, das entscheidet sich jedoch bei jedem einzelnen muslimischen und christlichen Gläubigen. Sie haben es in der Hand, aus einem starken Zeichen eine historische Wende zu machen.

Text: Thomas Binotto