Secondhand-Läden

Viel Stil für wenig Geld

Françoise Tsoungui leitet seit 2017 die sechs Secondhand-Läden von Caritas Zürich. Die Begeisterung für Mode hat sie seit ihrer Kindheit begleitet. Ihr Start ins Leben jedoch war kein einfacher.

Die Liebe zu ihrem Beruf ist der grossen Frau mit den wallenden Haaren anzusehen: an den strahlenden Augen und lebhaften Gesten – und natürlich am Outfit: schwarze kurze Lederjacke über bunt bedrucktem Top, enge schwarze Jeans, Lederstiefel. Alles secondhand von Caritas, versteht sich.
Mitten im Trendquartier Zürich-West ist in einem der vielen Bögen des Eisenbahnviadukts in exklusivem Ladenumfeld auch das Hilfswerk zu finden. Das Vorzeigestück seiner Secondhand-Läden ist die Lieblingsboutique von Françoise Tsoungui. Im Laden mit den riesigen Fensterfronten und den Wänden aus Stein erhält das grosse Sortiment an Damen-, Herren- und Kinderkleidern, aber auch an Abendroben, erlesenen Schuhen und exklusivenm Schmuck den passend schicken Rahmen. «Modebewusste und Vintage-Liebhaberinnen und -Liebhaber mit kleinem und grossem Budget werden bei uns fündig», sagt sie.

«Mode begeistert mich, klar. Die Arbeit in den Secondhand-Läden ist abwechslungsreich und kreativ und geht weit über den Verkauf hinaus», betont Tsoungui. «Sie beginnt beim Aussortieren der Kleiderspenden – die Kleidersäcke sind wahre Wundertüten – und führt über die Preisbestimmung – normalerweise ein Drittel des Neupreises, bei Trendartikeln auch mehr – bis hin zur Bestückung des Ladens. Jedes Quartier ist anders. Die Leiterinnen entscheiden je nach Klientel, was sie verkaufen wollen. Das macht jeden unserer Secondhand-Läden einzigartig. Was sie alle verbindet: der freundliche Empfang und die gute Beratung – zusammen mit der Möglichkeit, mit bescheidenen Mitteln Trouvaillen zu finden und sich günstig einzukleiden.»

Pro Jahr werden in den Secondhand-Läden von Caritas Zürich 150 Tonnen Kleider begutachtet. 40 Prozent davon finden den Weg in die Läden. Stark abgenutzte oder schadhafte Kleider werden von der Partnerfirma Texaid abgeholt. Caritas Zürich erhält dafür einen Kilopreis, den sie mit dem Erlös aus den Läden in ihre sozialen Projekte für benachteiligte Menschen im Kanton Zürich einfliessen lässt.
«In jüngster Zeit haben wir eine Zunahme von Kleidern schlechter Qualität festgestellt», sagt Françoise Tsoungui. «Die Stoffqualität und die Materialien lassen zu wünschen übrig, auch die Verarbeitung ist schlecht.» Billigmarken stellen ein Problem dar. Einerseits konkurrenzierten sie, weil sie eben so billig seien, direkt mit Secondhand-Läden, andererseits verunmöglichten sie Menschen mit wenig Geld, ihr Erspartes bei Caritas in langlebige, qualitativ hochstehende Kleidungsstücke zu investieren, erklärt Tsoungui.
«Auch die Schnelllebigkeit der Mode ist zum Problem geworden», ergänzt die Fachfrau und betont: «Unsere Secondhand-Läden können da Gegensteuer geben: Unser Angebot besteht aus Teilen, die vor Jahren neu auf den Markt kamen. Gerade Jugendliche suchen Mode von gestern, die sie neu für sich interpretieren. Und natürlich ist auch Vintage sehr hip, Kleider also, die 60 bis 70 Jahre alt sind. Leider sind diese jedoch auch bei uns sehr rar geworden.»

Das Sortiment «Im Viadukt, Bogen C» fokussiert auf die mittlere Preiskategorie, auch wenn die Preisspanne vom 1-fränkigen T-Shirt bis zum spitzenbesetzten Samtkleid von Valentino Couture für 680 Franken reicht. Die Auswahl ist so durchmischt wie die Kundschaft: «Zu uns kommen Armutsbetroffene, die mit der KulturLegi noch 30 Prozent Rabatt erhalten, genauso wie Familien auf der Suche nach preiswerten Kinderkleidern bis hin zu sehr gut Verdienenden, die nach erschwinglichen Designerkleidern Ausschau halten. Letztere sind es auch, die uns gerne ihre teuren Markenartikel für einen guten Zweck spenden.»
Unter den Spenden finden sich, wie ein Blick durchs Lokal zeigt, auch Pelzmäntel. Führt dies nicht zu Diskussionen? Man sei sich der Problematik bewusst, meint Françoise Tsoungui, gibt aber zu bedenken, dass die meisten Teile alte Erbstücke seien – dafür werde aktuell kein einziges Tier geschlachtet. «Der Verkauf zugunsten von Caritas-Projekten ist deshalb aus unserer Sicht sinnvoller als die Verbrennungsanlage.»
Und welche Rolle spielt das Thema Fairtrade? «Der Fairtrade-Gedanke ist bei uns nicht vorrangig. Wir bekommen Spenden verschiedenster Qualitäten und Labels. Allerdings sind Kleider mit einem Fairtrade-Gütesiegel bei unserer Kundschaft sehr beliebt. Die Qualität der Baumwolle oder Schurwolle ist sehr hoch, wodurch diese Kleidungsstücke länger getragen werden können. Wahrscheinlich ist es diese Langlebigkeit, die dazu führt, dass wir nur wenig Fairtrade-Mode erhalten», sagt Tsoungui.

Dass Mode ihre Leidenschaft ist, spürt, wer mit Françoise Tsoungui über die neuesten Trendsspricht und mit ihr durch die Auslagen stöbert. Dass ihr der Umgang mit Mode nicht in die Wiege gelegt wurde, erfährt, wer sich mit ihr zum Kaffee setzt. «Ich war vier Jahr alt, als ich zusammen mit meinem älteren Bruder ins katholische Kinderheim in Uznach kam. Mein Vater musste zurück nach Kamerun, weil sein Flüchtlingsstatus auslief. Meine Mutter kenne ich nicht», erinnert sich die heute 39-jährige Mutter eines 14-jährigen Sohnes.
«Bei den Ingenbohler Schwestern habe ich mich gleich zu Hause gefühlt: Sr. Dorita war die beste Erzieherin, die ich mir wünschen konnte. Sie hat mich akzeptiert, wie ich war, und mir Mut gemacht, wenn es schwierig wurde. Und sie hat mich arbeiten gelehrt. Den Fleiss, die Ausdauer und die Hartnäckigkeit habe ich von ihr mitbekommen. Und die Liebe zur Bibel – als Inspiration fürs Leben.»
Auch mit Caritas sei sie bereits im Kinderheim in Kontakt gekommen: «Sie holte jeweils die alten Kleider ab, die wir zuvor sortiert hatten. Ich hab natürlich immer sehr gerne mitgeholfen, weil ich wusste, dass ich dann etwas aussuchen durfte. So hatte ich immer die coolen Sachen. Vielleicht bin ich dabei auf meinen heutigen Job vorbereitet worden.» Denn trotz aller Dankbarkeit für die christliche Erziehung: Nonne werden wollte die junge Françoise nie. Stattdessen schloss sie erfolgreich eine Ausbildung zur Detailhandelsspezialistin ab, wurde Bewegungspädagogin beim Akademischen Sportverband Zürich und Reporterin beim Radio. Bis sie dann vor acht Jahren durch ein Inserat von Caritas Zürich wieder zu ihren beruflichen Wurzeln zurückfand. «Mein Glücksfall», sagt sie.

Zum 40-Jahr-Jubiläum, das die Secondhand-Läden 2019 feierten, seien allerdings neue Visionen gefragt: «Die Kundinnen und Kunden wollen heute nicht nur Kleider einkaufen – sie wollen Erlebniswelten, in denen sie sich wohlfühlen. Sie suchen nach Events, die sie im Laden verweilen lassen.» Das Lokal im alten und stilvoll renovierten Gemäuer der Viaduktbögen lässt sich deshalb für private Feiern bis 70 Personen mieten. Weisse Festbänke, Kühlschrank und Kaffeemaschine inbegriffen. «An Ideen mangelt es uns nicht», lacht Françoise Tsoungui und wirft temperamentvoll ihren Kopf zurück. An ihren fein manikürten Fingern blitzen zwei Goldringe auf: ein Adler und ein Löwe.

Text: Pia Stadler