Spiritualität ganz alltäglich

Zeitung lesen

Wie Zeitung lesen mit Spiritualität zusammenhängt, erklärt Stefan Staubli.

Dieser Satz hat sich mir eingeprägt: «Zum Morgengebet eines Christen gehört die Tageszeitung!» – gesagt hat ihn ein Vortragender während meines Theologiestudiums. Seither habe ich den Satz nie mehr vergessen. Nach und nach ist er mir in seiner Bedeutung aufgegangen, nähergekommen: «Zum Morgengebet eines Christen gehört die Tageszeitung!»

Eigentlich ist das ja klar, denn alles andere wäre ein Beten «mit dem Rücken zur Welt», und das geht mit Blick auf die Botschaft des Evangeliums nicht. Gewiss gibt es qualitative Unterschiede beim Lesestoff. Grundsätzlich aber eröffnet jede Mitteilung einen Zugang zum Weltgeschehen oder zu einem Menschenschicksal. Darüber komme ich mit einem Stück Wirklichkeit und letztlich mit Gott ins Gespräch. Denn dieser umarmt uns durch die Wirklichkeit – durch was sonst?

Beim spirituellen Zeitunglesen sind mir drei Punkte wichtig geworden. Zum einen sehe ich hinter Zahlen und Fakten den Menschen. Sonst besteht die Gefahr, die menschlichen Einzelschicksale zu überlesen und bei den Schlagzeilen stehen zu bleiben. Dann bleibt es womöglich bei einer allgemeinen Betroffenheit über «die Flutkatastrophe», «den Flugzeugabsturz», «die Umweltdebatte». Wie anders hört und fühlt sich das an, wenn wir dahinter Menschen sehen. Sogar unsere tierisch-pflanzlichen Mitgeschöpfen, deren Lebensraum immer mehr beschnitten wird, sollten wir im Bewusstsein haben.

Eine spirituelle Leseweise der Tageszeitung sucht und sichtet bewusst die Opfer. Da wird beispielsweise über die «Flüchtlingsproblematik an unseren Grenzen» berichtet. Geht es hier wirklich bloss um eine Problematik an unseren Grenzen? Oder geht es nicht in erster Linie um Menschen, die derart in Problemen stecken, dass sie etwas tun, was wir nie freiwillig tun würden – die eigene Heimat verlassen?

Zum Dritten hält eine spirituelle Leseweise die Gewissheit hoch, dass in den täglichen Nachrichten nie die ganze Wirklichkeit abgebildet wird. Insbesondere viel Schönes, Wahres und Gelungenes kommt nie oder zu selten zur Sprache. Meine Überzeugung ist: Lassen wir uns von den täglichen News nicht unser ganzes Welt- und Gottesbild zimmern. Das wäre dann ein Bild, das mit Wirtschaft und Politik beginnt und bei Sport, TV-Programm und Todesanzeigen endet. Die Wirklichkeit ist nämlich reicher.

Text: Stefan Staubli, Pfarrer in St. Peter und Paul Winterthur