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Anmut

Unter einem anmutigen Geschöpf stellen wir uns ein zartes, elegantes, fast feenhaft schwebendes Wesen vor. Vielleicht benutzen wir das Wort sogar, um eine Frau zu verniedlichen. Dabei übersehen wir leicht, wie viel Stärke in diesem Wort steckt.

Es ist der «Mut», der uns in der «Anmut» meist gar nicht mehr auffällt, dabei trägt er die ganze Kraft des Wortes in sich. Anmut ist eine Spielart des Mutes. Sie beschreibt einen Mut, der nicht brachial und gewaltsam auftritt. Einen Mut ohne markige Gesten und grosse Töne. Vielleicht nicht ganz zufällig wechselt «der Mut» gerade in diesem Moment sein Geschlecht und wird «die Anmut».

Anmut ist elegant, zärtlich, charmant, attraktiv, betörend, schön. Und tatsächlich kennen wir solch anmutige Menschen. Es sind Menschen, die sich mit grosser Selbstverständlichkeit in unbekannte Territorien vorwagen. An einen neuen Wohnort. In eine neue Aufgabe. Zu neuen Menschen. Sie machen dabei keinen Lärm und erregen meist kein Aufsehen. Wenn sie mutig sind, dann sieht das nach ganz alltäglichen Schritten aus und nicht nach waghalsigen Sprüngen.

Anmut verbindet höchste Akrobatik mit grösster Selbstverständlichkeit. Sie ist ein Mut, der nicht antrainiert wirkt, der scheinbar ganz ohne Kraftanwendung zu unglaublichen Leistungen fähig ist. Die Anmut bewegt sich so leichtfüssig, dass man sich dabei unwillkürlich denkt: «Das kann ich auch! Das will ich auch!»

Aber so anmutig die Anmut uns auch erscheint, so anstrengungslos und selbstverständlich sie wirkt, sie wird uns nicht geschenkt. Anmut muss man wollen und dann dafür ein Leben lang beinhart trainieren. Sie braucht Muskeln, Koordination und Ausdauer. Ein einmaliger Adrenalinstoss, der uns dazu bringt, mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug zu springen, das reicht nicht zur Anmut. Es gilt die zahllosen unscheinbaren Mutproben des Alltags zu bestehen. Dabei wird man sich weder als graues Mäuschen verstecken können, noch als selbstgefälliger Salonlöwe rumbrüllen.

Anmut hat es gerade deshalb oft schwer, in der Kakophonie der lauten Töne gehört zu werden. Weil sie nicht gewaltsam und machtvoll rumplärrt. Sie ist eine stille Kraft, die sich erst richtig entfalten kann, wenn wir sie wahrnehmen. Anmut als Lebenskunst ist kein oberflächlicher Reiz, sondern eine tiefe Kraft.

Text: Thomas Binotto

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Anmut

mittelhochdeutsch anemuot = Vergnügen, Lust, eigentlich = der an etwas gesetzte Sinn, aus: ane (an) und muot, Mut