Editorial

Das Geheimnis beschützen

Zu meinen, man kenne den anderen und könne seine Reaktionen vorhersagen, ist ein sicherer Beziehungskiller – auch in Bezug auf Gott.

In der Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi sind an der nach Mekka ausgerichteten Wand 99 Namen Allahs hinterlegt. Ein leerer Raum oben in der Mitte weist darauf hin, dass auch 99 Namen nicht ausreichen, um Gott zu beschreiben. Im Judentum gibt es 70 Namen Gottes, da 70 die Zahl für Vollkommenheit ist. Es sind immer Umschreibungen – Gottes Name wird im jüdischen Glauben nicht ausgesprochen. Christen zeigt sich Gott als dreieinig, als Beziehung zwischen Gott dem Vater,
seinem Sohn Jesus, dem Heiligen Geist.

In allen Religionen bleibt Gott ein Geheimnis, dem man sich nähern, das man erahnen, in das man sich versenken kann. Dies sagt auch etwas über uns Menschen aus. Auch wir bleiben einander – und oft auch uns selbst – geheimnisvoll.

«Hinter jedem Menschen steht ein grosses Geheimnis», schrieben wir auf unsere Verlobungsanzeige. «… dieses Geheimnis zu ergründen, lohnt sich.» Auch nach 27 Jahren Ehe sind wir mit diesem Ergründen noch lange nicht fertig. Zu meinen, man kenne den anderen und könne seine Reaktionen vorhersagen, ist ein sicherer Beziehungskiller – während die Offenheit für das «Geheimnis im anderen» ihm Raum gibt für Entwicklung und Veränderung. So bleibt die Beziehung spannend und lebendig.

Wenn Kirche ein Raum sein soll, der Beziehung zu Gott und zu den Menschen ermöglicht, muss auch sie offen bleiben für Entwicklung und Veränderung. Zu wissen, wie die Kirche zu sein hat und was die Wahrheit sei, wird eher zum Untergang der Kirche als zu ihrer Erneuerung beitragen.

«Wahrheit ist nicht – sie begegnet sich», pflegte der vor 25 Jahren verstorbene Aachener Bischof Klaus Hemmerle zu sagen. Je dramatischer die Situation in der Kirche wird, umso ehrlicher und bedingungsloser sollten wir uns auf Begegnungen einlassen. Beispiele und Impulse dazu gibt es genügend im Evangelium. 

Text: Beatrix Ledergerber