Schwerpunkt

Der Missbrauch und seine Wurzeln

Der Jesuit Klaus Mertes ist ein renommierter Fachmann, wenn es um kirchlichen Missbrauch geht. Ein Gespräch aus Anlass der Missbrauchs-Konferenz im Vatikan.

Im Januar 2010 schrieb Klaus Mertes (64) einen Brief, der sein Leben und seine Arbeit bis heute prägen sollte. Der Jesuit war damals Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin. Ihm hatten sich ehemalige Schüler im vertraulichen Gespräch als Missbrauchsopfer offenbart. Deshalb schrieb er an rund 600 Ehemalige des Canisius-Kollegs einen Brief, um das Schweigen endlich zu brechen und die Vertuschung zu beenden. Damit nahm die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Deutschland neue Dimensionen an.

Heute ist Klaus Mertes Direktor des Kollegs St. Blasien im Schwarzwald. Er gehört inzwischen zu den renommiertesten Experten, wenn es um das Thema «Missbrauch» geht. Darunter versteht er heute neben sexuellem auch geistlichen Missbrauch. Und er ist der Überzeugung, dass die Wurzeln des Missbrauchs auch in der Struktur der katholischen Kirche liegen. Eine Veränderung dieser Strukturen hat er jüngst zusammen mit acht weiteren Persönlichkeiten in einem offenen Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, angemahnt.

Wir haben Klaus Mertes kurz vor Beginn der vatikanischen Missbrauchskonferenz im Schwarzwald besucht.

 

Klaus Mertes, obwohl Sie vor neun Jahren dazu beigetragen haben, Missbrauchsopfern zu ihrem Recht zu verhelfen, werden Sie von manchen kirchlichen Kreisen immer noch als Nestbeschmutzer beschimpft. Macht Sie das nicht zornig?

Ja. Aber wenn man mit Aufklärung ernst macht, löst das zwangsläufig ganz unterschiedliche Wellen aus. Mir wurde und wird vorgeworfen, ein Nestbeschmutzer zu sein, man versucht mich zu instrumentalisieren, es gibt Trittbrettfahrer, Übergriffe aus der Öffentlichkeit, auch gelegentlich von  Opfern. Da kommt  ein ziemliches Panoptikum zusammen. Aber ich kann mich auch darüber freuen, dass sich etwas bewegt.

Und was hat sich denn in der Kirche bewegt?

Meines Erachtens sehr viel. Ich spreche jetzt von der katholischen Kirche in Deutschland, die ich am besten kenne. Im Bereich der Aufklärung hat sich viel getan. Es ist beachtlich, wie viele ernst zu nehmende Studien inzwischen vorliegen. Das sind wichtige Schritte in der Aufarbeitung.

…und im Opferschutz?

Auch in der Beziehung zu den Opfern ist viel geschehen, was aber nicht so leicht darzustellen ist, weil es da verständlicherweise ein grosses Bedürfnis nach Diskretion gibt.

Sehr viel ist im Bereich der Prävention geleistet worden. Die kirchlichen Institutionen haben sich verändert, und zwar nicht nur, was Äusserlichkeiten betrifft. Es geht ja nicht nur um Unterschriften unter Selbstverpflichtungserklärungen und Abarbeiten von Fortbildungen. Die ganze pädagogische Grundstimmung wandelt  sich. Man sorgt sich viel gezielter um das, was wir eine Kultur der Achtsamkeit nennen.

Ich habe kürzlich mit einer Frau gesprochen, die einer nichtkirchlichen Opferschutzorganisation angehört. Sie hat mir berichtet, dass die Türen bei kirchlichen Schulen aufgehen, wenn sie mit einem Missbrauchsthema an diese herantritt, während die Türen in staatlichen Institutionen meist  verschlossen bleiben.
Aber bei allem, was sich verändert hat, gibt es selbstverständlich immer noch viel aufzuarbeiten.

Wo speziell?

Im Laufe der letzten Jahre bin ich über den sexuellen Missbrauch hinaus auf neue Missbrauchsfälle gestossen, die nicht notwendig mit sexueller Gewalt verbunden sind. Ich fasse diese unter geistlichem Missbrauch zusammen. Auch bei diesem Machtmissbrauch packt mich die blanke Wut.

Weshalb ist es so wichtig, nun auch von geistlichem Missbrauch zu sprechen?

Zunächst einmal ist der Begriff des sexuellen Missbrauchs unpräzise. Wir müssen von sexualisierter Gewalt sprechen. Im Kern geht es nicht um Sexualität, sondern um Macht . Missbrauchstäter haben gewiss ein Problem mit Sexualität, sie haben aber insbesondere ein Problem mit Macht und den Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Und das hat sehr oft zu tun mit ihrer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur. Es geht also um  mehr als um Sexualität.

Deshalb spreche ich inzwischen auch vom geistlichen Missbrauch. Menschen, die in geistlichen Gemeinschaften zu Opfern wurden, haben mir erzählt, wie der geistliche Missbrauch ihre Persönlichkeit vernichtet hat, selbst dann, wenn er nicht mit sexuellem Missbrauch verbunden war.

Für dieses Leiden steht exemplarisch der Bericht, den Doris Wagner mit «Nicht mehr ich» vorlegt. Geistlicher Missbrauch bedeutet Isolierung, totalitäre Kontrolle, Sklavenarbeit, Erniedrigung, Demütigung, und er kann Menschen bis in den Suizid treiben. Ich kann Wagners Erfahrung aus meinen Begegnungen mit Opfern aus anderen vergleichbaren kirchlichen Gruppen nur bestätigen. 

Noch immer gibt es Bischöfe, die das Thema – zurückhaltend formuliert – unbedarft angehen. Gerade hat in der Schweiz ein Fall in Riehen für Aufsehen gesorgt, weil der Bischof von Basel es zuliess, dass ein vorbestrafter pädophiler Priester für das Pfarreramt kandidieren durfte.

Ich kenne diesen konkreten Fall nicht. Aber ich kenne vergleichbare Fälle aus Deutschland und ich kann ganz allgemein sagen: Solche Fälle sind nicht nur für die Opfer verheerend, sondern auch für die vielen in der Kirche, die gegen solche Zustände aufstehen und tagtäglich  auf der mittleren Ebene hervorragende Arbeit leisten. Das alles wird durch solches Verhalten diskreditiert.  Und schon entsteht in der Öffentlichkeit wieder der Eindruck: «Es tut sich nichts in der katholischen Kirche!»

Wenn sich kirchliches Handeln wieder oder immer noch in den alten Schemata bewegt, dann schadet das all den Bemühungen um eine Kultur der Achtsamkeit. Und das wiederum ermüdet und verärgert all jene, die in sich in der Kirche gerade in pädagogischen und sozialen Bereichen darum bemühen.

Der Bischof von Basel hat unter anderem damit argumentiert, dass er dem Täter eine Chance zur Wiedereingliederung geben wollte. Was halten Sie vom Argument der «zweiten Chance»?

Diese Argumentation erstaunt mich immer wieder aufs Neue. Was bedeutet bei Missbrauch die «zweite Chance»? Bislang gab die zweite Chance den Tätern vor allem die Gelegenheit, mit ihrem Treiben weiter zu machen.

Wenn  Bischöfe Pfarrer einsetzen, dann setzen sie Menschen in Posten ein, in denen diese Verantwortung für andere Menschen, vor allem für Schutzbefohlene übernehmen.. Das ist ein Privileg, das einem Menschen aufgrund besonderer Vertrauenswürdigkeit verliehen wird. Seelsorgerliche Tätigkeit ist zugleich  immer verbunden mit grossem Vertrauen, das einem entgegengebracht wird. Daraus ergibt sich aber auch grosse Verantwortung.Es gibt kein Recht auf zweite Chancen bei Privilegien. Man kann sie eben verwirken. Es geht doch umgekehrt um das zweite Risiko für die möglicherweise Betroffenen, und das vor den Augen der primär Betroffenen, die sich durch die Gewährung solcher zweiten Chancen zu Recht zurückgestoßen und verhöhnt fühlen müssen.  

Neben dem Klerus, neben der Kirche als Institution steht auch die katholische Sexualmoral in der Kritik.

Kirchliche Sexualmoral, wie sie derzeit vom kirchlichen Lehramt dargestellt wird, gehört zum katholischen Geschmack  des Missbrauchs. Um das zu erkennen, muss man einfach nur den Berichten der Opfer zuhören. Und deshalb steht die kirchliche Sexualmoral zu Recht auf dem Prüfstand.Sie ist mit ihren vielen Tabus ein Hindernis für die psychosexuelle Reifung vieler Menschen.

Wenn die katholische Kirche ihrer eigenen Sexualmoral folgt, muss sie im Prinzip 99% all dessen, was die Menschen im Bereich der Sexualität praktizieren, moralisch verurteilen. Das führt zu einer Abwendung der Menschen – auch der praktizierenden Katholikinnen und Katholiken.

Zum Beispiel: Wenn es in der Beziehung zwischen zwei jungen Menschen, welche die Treue ernst nehmen bis dahin, dass sie ihre Beziehung  auf Ehe hin angelegt haben -  wenn es in dieser Beziehung zu Sex kommt, dann macht die katholische Kirche in ihrer Sexualmoral keinen Unterschied zu einem One-Night-Stand. In der Nacht der katholischen Sexualmoral sind alle Katzen grau.

Sollte sich die Kirche nicht weniger um die Verteidigung ihrer Sexualmoral kümmern als vielmehr darum, eine vernünftige Sexualethik zu entwickeln?

Natürlich. Und ein Schlüssel dazu scheint mir die Lehre Jesu zur Ehe zu sein. Er hat sie ja im Zusammenhang mit der Kritik an Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern entworfen: Es geht in der Ehe nicht um Besitzverhältnisse zwischen Mann und Frau geht, sondern um gleiche Würde von Mann und Frau. Nur in dieser Gleichheit kann Sexualität auch ethisch richtig praktiziert werden. Mit diesem ethischen Impuls ist das Evangelium noch heute über die Kirche hinaus  relevant.

Durch die Aufklärung über sexuelle Gewalt ist übrigens auch  deutlich geworden – und zwar nicht nur für die Kirche, sondern für die gesamte Gesellschaft – dass es eine sexuelle Handlung nicht dann schon ethisch richtig ist, , wenn beide Partner einer sexuellen Handlung zustimmen. Das ist eine wichtige Erkenntnis aus der Erfahrung, dass die Opfer darunter leiden, wenn Täter ihnen unterstellen , sie hätte ja zugestimmt, und es auch gewollt, also sei es doch okay gewesen. Machtgefälle in der sexuellen Begegnung ist eben grundsätzlich nicht in Ordnung, weder in der patriarchalischen Ehe noch im Verhältnis von Erwachsenen und Minderjährigen.

In vielen Kommentaren wird der Zölibat für den Missbrauch verantwortlich gemacht. Teilweise wird rundweg behauptet, Zölibat mache krank. Sie sind selbst Priester. Was sagen Sie dazu?

Selbstverständlich gibt es Möglichkeiten, den Zölibat auch in einer Weise zu leben, wie ihn die Kirche versteht, einschliesslich der sexuellen Enthaltsamkeit, ohne Doppelleben, und darin kreativ und liebesfähig zu bleiben. Diesen Anspruch gebe ich ja auch für mein eigenes zölibatäres Leben nicht auf. Deshalb finde ich solche Pauschalisierungen diskriminierend.

Dennoch gehört der Zölibat indirekt in den Kontext des Missbrauchs, weil er in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation  und unter den Bedingungen der kirchlichen Sexualmoral eine gewisse Attraktivität für Menschen hat, die sich mit ihrer Sexualität nicht auseinandersetzen wollen.

Sie äussern sich in sehr klarer Weise zur Missbrauchsthematik, dennoch verwenden Sie nie das Wort «Nulltoleranz». Weshalb nicht?

Ich mag den Begriff überhaupt nicht. Erstens muss es einfach selbstverständlich sein, dass es gegenüber Verbrechen null Toleranz gibt. Zweitens: Hat es jemals einen Zeitpunkt in der Geschichte der katholischen Kirche gegeben, in der man Verbrechen gegenüber  tolerant sein wollte? Und drittens: Erreichen wir mit Nulltoleranz die tieferen Ursachen für Verdrängung und Vertuschung? – Ich meine: Nein!

Das Verständnis für die systemische Blindheit der Organisation kommt im Begriff Nulltoleranz gar nicht vor. Vielmehr wird damit ein Reinigungsklischee bedient. So wie es beispielsweise Erzbischof Gänswein kürzlich wieder tat. Dabei kommen dann irreführende Phrasen heraus wie: «Wenn das Haus schmutzig ist, dann muss man es putzen.» – «Man muss die Kirche reinigen.» – «Man muss das Übel mit Stumpf und Stiel ausrotten.» Klingt martialisch, bringt aber nichts.

Nulltoleranz ist eine unterkomplexe Formel, die auf ein höllisch komplexes Thema angewendet wird. Das Problem wird eben nicht einfach dadurch gelöst, dass man die Täter eliminiert.

Und wer meint, ein perfektes System geschaffen zu haben, das jeden Missbrauch verhindert, der ist auf dem besten Weg, die Voraussetzungen für neuen Missbrauch zu schaffen.

Weshalb ist es so wichtig, neben dem Aufarbeiten der einzelnen Missbrauchsfälle auch über das Versagen der Kirche als Institution aufzuklären?

Der Sinn von Institutionen – nicht nur der Kirche – ist  der Schutz der Schwächeren gegenüber den Stärkeren. Dass genau dieser Schutz in der Kirche nicht gewährt wurde, das ist der Kern des institutionellen Versagens. Deshalb hat die Kirche genau an diesem Punkt ihren Zweck als Institution fundamental verfehlt.

Franziskus hat bereits vor seiner Wahl zum Papst in seiner Rede auf dem Konklave von der Versuchung zum institutionellen Narzissmus gesprochen. Die Institution stellt sich selbst, weil sie ja ein hoher Wert ist, eben weil sie den Schwachen schützen kann, höher als die Aufgabe, die sie hat. Und das ist es, was dazu führt, dass  sie genau den Zweck, der ihre Berechtigung ausmacht, nicht mehr erfüllt.

Interessant und hilfreich ist, dass bereits Jesus in dieser Frage mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit im Konflikt stand. Auch er prangert die Selbstüberhöhung der Institution an, die zu Machtmissbrauch führt.

Und wie bekämpft man den institutionellen Narzissmus?

Das Problem wird ganz sicher nicht dadurch gelöst, dass man an die Spitze der Institution eine neue klerikale Lichtgestalt stellt. Wer daran glaubt, dass gute päpstliche und bischöfliche Vaterfiguren das Problem lösen, der ist blind gegenüber strukturellen Problemen.

Die Lösung heisst aber auch nicht einfach Machtverzicht. Das wäre naiv, weil es immer Macht geben wird, zum Beispiel, um Schwächere vor Stärkeren zu schützen. Es geht darum, in der Institution mit Macht anders umzugehen, es geht also beispielsweise um Transparenz und Gewaltenteilung.

Inzwischen ist auch die «Lichtgestalt» Franziskus in Bedrängnis geraten.

Es wird spannend sein, ob Franziskus begreift, dass er selbst – nicht primär als Person sondern durch sein Amt – Teil des Problems ist. Spätestens seit seinem Versagen in Chile kann er nicht einfach nur mehr über Täter schimpfen und über Bischöfe, die vertuscht haben. Für ihn gilt wie für alle, die sich zu Missbrauch äussern: Wer über dieses Thema in einer Haltung der Selbstgerechtigkeit spricht, der beweist dadurch, dass er immer noch nicht begriffen hat, woraus es ankommt.

Diese Haltung der Selbstgerechtigkeit kann man sogar bei Bischöfen beobachten, die sich als Kämpfer gegen den Missbrauch darstellen.

Vor neun Jahren haben die Enthüllungen über Missbrauch eine Priesterkrise ausgelöst. Inzwischen ist daraus eine Bischofskrise geworden. Wer mit grossen Sprüchen von einer Reinigung der Kirche spricht, der trägt eben genau diese Haltung der Selbstgerechtigkeit zur Schau. Und diese macht ihn – zumindest in meinen Augen – zutiefst suspekt. Zudem ist das katholische Volk ist nicht mehr bereit, sich in eine Kollektivhaftung für bischöfliches Versagen nehmen zu lassen.

Die Situation scheint mir vergleichbar mit der reformatorischen Zeit. Da muss dann nur noch ein  Luther kommen, und die Leute laufen scharenweise davon, weil sie den Glaubwürdigkeitsverlust der Institution, der sie angehören, einfach nicht mehr länger ertragen können und nicht länger bereit sind, sich kollektiv für einen Missbrauch zu schämen, den sie nicht begangen haben.

Mein Eindruck: Unter diesem Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche leiden immer mehr auch ältere Katholikinnen und Katholiken, die jahrzehntelang zu den treuesten Anhängern gehörten.
Diesen Eindruck teile ich. Selbst engagierte Katholiken, die in Familie, Gesellschaft und Kirche grosse Verantwortung tragen, die den Gottesdienst besuchen, das Gemeindeleben tragen, selbst diese reden inzwischen davon, dass sie das System als verrottet erleben. Es sind die 60- bis 80-jährigen treuen Kirchgänger, denen jetzt der Geduldsfaden reisst. Und die anfangen, ihre eigene Geschichte zu reflektieren und plötzlich auch darin Erfahrungen von Machtmissbrauch entdecken, zwar nicht in Form von sexualisierter Gewalt, aber in anderen Formen von Klerikalismus.

Sie sind Rektor eines Gymnasiums. Wie hat die Aufarbeitung des Missbrauchs die schulische Praxis verändert?

Die Präventationsabeit trägt dazu bei, dass sich die pädagogische Qualität erheblich verbessert. Wir stellen uns nun Fragen, die wir vor 2010 vielleicht noch als unnötig empfunden hätten. Also beispielsweise: Wie sind die Beschwerdewege organisiert? – Dabei muss man berücksichtigen, dass ein Schuldirektor im Falle einer Anzeige eines sexuellen Übergriffs oder vergleichbar schwerer Taten notwendig  in einen Loyalitätskonflikt gerät. Er muss offen sein für die Glaubwürdigkeit der Opferberichte, hat aber auch eine Fürsorgepflicht gegenüber Beschuldigten, auf die ihn die Belegschaft zu Recht hinweist.. Es braucht also unabhängige Beschwerdeinstanzen.

Weiter haben wir die Standards für die Gestaltung von Nähe und Distanz bis in Detailfragen hinein thematisiert: Ist es beispielsweise angemessen, dass Lehrer über Facebook mit Schülern Kontakt haben?

Es geht also um ganz viele ganz konkrete Fragen. Beispielsweise auch um die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache. Wir unterscheiden  zum Beispiel an unserer Schule zwischen Grenzverletzung, Übergriff und Missbrauch. Das ist wichtig, damit nicht jeder Lehrer, der einer Grenzverletzung bezichtigt wird, denkt, er würde des Missbrauchs beschuldigt.

Und schliesslich müssen wir uns einig werden, wie wir auf Gewalt reagieren. Dazu gehört sexuelle Gewalt, dazu gehören aber auch Mobbing oder Peer-Gewalt.

Wenn wir alle die Punkte wirklich offen und lernbereit angehen, dann führt die Prävention zu einem pädagogischen Kulturwandel in der Schule. Und das sehe ich als eine ganz grosse Chance.

Lehrer ist also kein Risikoberuf, bei dem man automatisch unter Generalverdacht steht?

Eine Gesellschaft ohne Lehrer ist undenkbar. Und Lehrer zu sein, ist immer noch einer der schönsten und wichtigsten Berufe, die es überhaupt gibt. Aber es ist ein Beruf mit hoher Verantwortung. Wer diese Verantwortung übernimmt, der darf sie nicht naiv benutzen. Das ständige Jammern darüber, man stehe als Lehrer unter Generalverdacht – wie ich es übrigens auch von manchen Priestern kenne – dieses Jammern sehe ich als eine Abwehrhaltung.

Es geht also auch nicht darum, sich als Lehrer vor Empathie zu hüten.

Im Gegenteil! In einer Kultur der Achtsamkeit geht es um die Stärkung von Empathie. Es geht um eine Empathiefähigkeit, welche sich mit Kompetenz in der Reflexion der eigenen Gefühle und des eigenen Verhaltens verbindet.

Kommen wir zurück auf die geistliche Gewalt. Damit nehmen Sie die Kirche in einem umfassenden Sinn in die Pflicht.

Ja, denn es gibt eine spezifische Verantwortung der Kirche: Sie macht den Menschen, die nach Gott fragen, ein Angebot. Dieses Angebot ist mit einer ganz hohen Verantwortung verbunden, dass nämlich dieses Suchen und Fragen der Menschen nach Gott nicht von der Kirche für ihre Eigeninteressen instrumentalisiert wird.

Das Eigeninteresse einer Institution, das sich in die Suche von Menschen nach Gott einmischt, diese Instrumentalisierung führt Menschen in sektiererische Gruppen, auch innerhalb der Kirche. Da geht es dann um geistlichen Missbrauch wie ihn Doris Wagner beschreibt, weil man Menschen in ihrem Suchen nach Gott nicht mehr den Freiraum lässt, die  Antwort selbst zu finden und das Angebot selbstbestimmt anzunehmen.

Sprache dürfte beim geistlichen Missbrauch eine wichtige Rolle spielen.

Ja. Geistlicher Machtmissbrauch, ob mit oder ohne sexualisierte Gewalt, ist  ein Verstoss gegen das erste Gebot. Das erste Gebot lautet: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen…um dich Menschen anzunähern…um Macht über sie zu gewinnen…um Menschen klein zu machen.

In der Kirche müssen wir uns also fragen: Wie können wir so von Gott reden, dass er dabei nicht missbraucht wird? Zur Aufarbeitung von geistlichem Missbrauch gehört deswegen ganz einfach und ganz zentral eine kluge, reflektierte Theologie. Die Chance in der Krise besteht darin, dass sie uns neu an die Frage heranführt, wie wir von Gott sprechen.

Was hilft Ihnen dabei?

Die Bibel. Sie scheut sich, Gott selbst zum Subjekt eines Satzes zu machen. Die Bibel sagt deshalb: «Geheiligt werde Dein Name» und nicht «Heilige Du Deinen Namen». Schon das Wort «Gott» oder das «Du» darf man nur mit grösster Vorsicht in den Mund nehmen. Ich erinnere mich oft an Augustinus, der sinngemäss gesagt hat: Nur weil ich von Gott spreche, heisst das noch nicht, dass ich ihn auch begriffen habe. Und wenn ich meine, ihn begriffen zu habe, habe ich ihn nicht begriffen. Und schliesslich wäre es sehr heilsam, wenn die Kirche endlich anfangen würde, das Evangelium auf sich selbst anzuwenden.

Wie gross ist Ihr Vertrauen, dass die Kirche geheilt werden kann?

Mein Vertrauen ist riesig, weil das Evangelium die Kraft hat, die Kirche von innen her zu erneuern. Das wird allerdings nicht ohne massive Brüche und Einbrüche gehen.

Diese Spannungen werden jetzt bis in die Hierarchie hinein sichtbar.

Und das ist gut so! Weil der Konflikt ganz tiefe systemische Ursachen hat, führt er nun auch immer mehr zur Spaltung.

Gerade in Deutschland wird das immer deutlicher sichtbar. Wir haben inzwischen hier eine Spaltung innerhalb des Klerus und unter den Bischöfen. Nehmen wir das Thema «Homosexualität». Die einen sagen bis heute: Die Schwulen müssen raus, dann gibt es keinen Missbrauch mehr. Die anderen sagen: Nein, gerade die Tabuisierung der Homosexualität ist ein Problem. Wir müssen dieses Tabu aufbrechen, damit homosexuelle Kleriker offen über ihre Sexualität sprechen können. Denn das ist die Voraussetzung für sexuelle Reifung.

Es geht hier und in vielen anderen Fragen um sachliche Konflikte, die eine Entscheidung benötigen. Und diese Diskussion wird nun bis in die Spitzen der Kirche für alle sichtbar geführt.

In diesen Tagen wird vom Vatikan eine Konferenz zum Thema Missbrauch mit den Vorstehern der Bischofskonferenzen veranstaltet. Das Thema ist längst ein Thema der Weltkirche geworden.

Die Missbrauchskrise hat Lateinamerika bereits voll und ganz erfasst. Ich erwähne nur die Legionäre Christi, das peruanische Missbrauchssystem des Sodalicio, Chile, Argentinien, wo der Papst selbst in die Defensive gerät. Jetzt werden Berichte veröffentlicht, die schon seit Jahren vorliegen, über den Missbrauch von Frauen und Nonnen vor allem in Afrika. Da kommt massenhafter Missbrauch ans Tageslicht. In Indien werden Bischöfe als Vergewaltiger von Nonnen zur Verantwortung gezogen. Die Berichte werden noch lange Zeit nicht abreissen.

Was ist ihre schlimmste Befürchtung in Bezug auf die derzeitige Konferenz?

Dass die Bischöfe diese Tagung bloss als Aufklärung der Anwesenden über die kirchenrechtlichen Regelungen verstehen und am Ende versprechen, diese in Zukunft anzuwenden. Dann müsste ich sie fragen: Habt ihr denn bis jetzt das Kirchenrecht nicht gekannt? Die Bischöfe im Jahre 2019 über ihre Verantwortung aufklären zu müssen, das wäre  als Zielangabe einer Konferenz ein erschütterndes Eingeständnis der bisherigen Pflichtvergessenheit und –vernachlässigung. Dann müssten sie eigentlich mehr oder weniger alle zurücktreten.

…und ihre grösste Hoffnung?

Ich erwarte keine Wunder. Aber ich wünsche mir, dass die Bischöfe geschlossen zum Ausdruck bringen, dass die Kirche  ein Strukturproblem hat, und nicht bloss eines von tatsächlicher oder angeblicher «Glaubensverdampfung». Und dass deshalb die Machtverhältnisse in der Kirche theologisch neu überdacht und ganz konkret auch neu geordnet werden müssen.

Sie sind seit dreissig Jahren Lehrer und unterrichten immer noch. Welche Rolle spielt das für Ihren persönlichen Umgang mit all diesen Themen?

Eine ganz zentrale Rolle, weil die grosse Aufgabe mit jungen Menschen darin besteht, eine Sprache zu finden, die sie verstehen, ohne dabei die Komplexität der Probleme zu banalisieren. Das ist eine  intellektuelle Herausforderung, die mir jeden Tag Freude macht.

Gespräch: Thomas Binotto

Gespräch mit Klaus Mertes – Sternstunde Religion vom 9. März 2014

Text: Thomas Binotto

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Am 29. August hat Klaus Mertes die folgenden fünf Merkpunkte zum Missbrauchs-Skandal veröffentlicht:
  1. Jeder Fortschritt in der Aufklärung ist ein guter Schritt: Wahrheit befreit, auch und vielleicht gerade dann, wenn sie weh tut. "Metanoia – Umdenken" ist kein bequemer Vorgang.
  2. Wenn der Papst tatsächlich über die Umtriebe von McCarrick informiert war, dann war er eben tatsächlich informiert. Die Auffassung, die Erneuerung der Kirche hinge von einer Lichtgestalt an der Spitze ab, ist eine narzisstische Selbsttäuschung, zu der die katholische Christenheit neigt – einst bei Johannes Paul II., dann bei Benedikt XVI., und nun eben auch bei Franziskus.
  3. "Homosexuelle Netzwerke" ist ein diffamierender Kampfbegriff des homophoben Sumpfes, der bis in die höchsten Spitzen der Hierarchie reicht und dort blubbert. Gesucht und gefunden werden soll ein Sündenbock: Die Schwulen! Genau damit wird die notwendige Strukturdebatte vermieden, die die Kirche mit kritischen Blick auf sich selbst so nötig hat. Ich spreche stattdessen von "männerbündischen Netzwerken". Zu denen gehören auch Heteros.
  4. Deswegen: Selbst wenn Nuntius Vigano recht haben sollte: Vorsicht vor Vigano! Der gehört selbst zu den Netzwerken, die er anzeigt, vertuscht dies durch seine Sprachregelung, und hat also offensichtlich eine eigene Agenda.
  5. Als Kardinal Sodano an Ostern 2010 wegen seiner Äußerungen über das "Geschwätz in der Welt" (gemeint: Missbrauchs- und Vertuschungsvorwürfe) von Kardinal Schönborn kritisiert wurde, wurde Schönborn vom Vatikan gedemütigt: "Ein Kardinal kritisiert einen anderen Kardinal nicht öffentlich!" Inzwischen zerfleischt sich die Hierarchie untereinander vor laufenden Kameras. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Aufklärung vorankommt. Denn auch dies gehört zu allen Aufklärungsprozessen von Machtmissbrauch: Aufklärung spaltet zunächst einmal. Die Hierarchie muss nun durch diese Spaltung hindurch gehen, um die tieferen Gründe für die Einheit überhaupt erst (wieder) zu finden. Sie sollte bei dieser Suche auch mal anfangen, eher auf andere hinzuhören als nur auf ihresgleichen.

Diese 5 Punkte wurden erstmals publiziert bei www.katholisch.de