Kommentar zur Missbrauchskonferenz

Kirche am Scheideweg

Die vatikanische Konferenz zum Missbrauch wird nur dann eine Wende sein, wenn nun schnell und entschieden strukturelle Reformen umgesetzt werden.

Die Abschlussrede von Papst Franziskus hat die Berichterstattung zur Missbrauchskonferenz dominiert. Es wurde vor allem kritisiert, dass sein markanter Hinweis auf die gesamtgesellschaftliche und historische Dimension des sexuellen Missbrauchs ein Ablenkungsmanöver sei. Diese Kritik ist einerseits verständlich – was aber, wenn wir Franziskus unterstellen, Ablenkung sei nicht seine Absicht? Tatsächlich ist ja Missbrauch ein Thema, das weit über die Kirche hinausgeht, wie beispielsweise #MeToo zeigt.

Wenn die Öffnung des Horizonts kein Alibi sein soll, dann muss sie allerdings konsequent sein. Dann muss die Kirche lernwillig nach aussen schauen und sich beispielsweise die Frage stellen: Was sind die gemeinsamen Wurzeln des Missbrauchs in der Kirche, im Leistungssport, in der Pädagogik, im Kulturbetrieb, in Konzernen, in der Politik?

Wenn die Kirchenleitung ihren Blick wirklich öffnet, muss sie erkennen, dass der Nährboden für Missbrauch – nicht nur für sexuellen – patriarchale Absolutheitsansprüche sind, mangelhafte Gewaltenteilung, Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen, narzisstische Verblendung von Charismatikern, Selbstüberhöhung, selbstherrliche elitäre Zirkel. Genau jener Nährboden also, der auch in der Kirche zu Missbrauch geführt hat.

Wer die historische und die gesamtgesellschaftliche Dimension des Missbrauchs zu fassen versucht, der wird zudem eingestehen müssen, dass die Kirche unsere Geschichte und Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg wesentlich geprägt hat, also selbst dann ihren Anteil am Missbrauch hat, wenn er nicht im Dunkel der Kirche geschehen ist.

Das Gebot der Stunde ist deshalb nicht die Verteidigung der katholischen Kirche in ihrer gegenwärtigen Form – das Gebot der Stunde – eigentlich das Gebot jeder Stunde – ist die Verteidigung des Evangeliums. Nur eine immer wieder erneuerte Annäherung und sich erneuernde Treue zum Evangelium wird die katholische Kirche am Leben erhalten. 

Viel Zeit bleibt Papst und Bischöfen nicht, um die Umkehr zu schaffen. Mit markigen Bekenntnissen und rigiden Vorschriften allein wird es nicht getan sein. Es braucht umfassende Einsichten und fundamentale Strukturreformen. Die Aufmerksamkeit muss nun endlich dem riesigen Balken im eigenen Auge gelten.

Wer eine Strukturreform für unnötig hält, der sollte sich daran erinnern, dass Jesus Christus ein Laie war, ein Aussenseiter, der nicht zur Priesterkaste gehörte, ein Rebell, der gegen Clan-Strukturen auftrat. Ihm wurde vorgeworfen, das Gesetz zu brechen und deshalb nicht rechtgläubig zu sein. Er wurde vom «Establishment» als Nestbeschmutzer angefeindet.

Text: Thomas Binotto

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Seit dem 1. März 2019 sind verschärfte «Richtlinien der Schweizer Bischofskonferenz und der Vereinigung der Höheren Ordensobern der Schweiz zu sexuellen Übergriffen im kirchlichen Umfeld» in Kraft. Die Anpassungen betreffen sowohl Ergänzungen in der Prävention als auch eine Verschärfung der Anzeigepflicht.

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Das Bild zu diesem Artikel – das auch unser Titelbild ist - entstand während der Mahnwache von Missbrauchs-Opfern anlässlich der vatikanischen Missbrauchskonferenz am 21. Februar 2019.

Foto: Stefano dal Pozzolo/Romano Siciliani/KNA