Spiritualität ganz alltäglich

Velo fahren

Wie Velo fahren mit Spiritualität zusammenhängt, erklärt Rudolf Vögele.

Für die einen ist Velofahren Sport, für die anderen notwendiges Übel. Dazwischen gibt es die «spirituellen Genies-ser». Meinen Weg zur Arbeitsstelle fahre ich fast täglich mit dem Velo, das sind jeweils 11,5 Kilometer hin und retour. Dazu kommen etliche Dienstfahrten. Oft werde ich von rasenden E-Bikes oder anderen Velofahrerinnen und -fahrern überholt, die sich mächtig ins Zeug legen. In Gedanken frage ich sie: Und was macht ihr dann mit den zehn Minuten, die ihr schneller am Ziel sein werdet?

Mein eigenes Tempo erlaubt mir, mich auf den Tag zu besinnen, der vor mir liegt. Welche schönen oder lästigen E-Mails erwarten mich heute wieder? Werde ich Raum für Unerwartetes haben, beispielsweise unangemeldete Gespräche? Beim Velofahren kommen mir manchmal auch Ideen: wie ich eine Sitzung, die ich zu leiten habe, besinnlich beginne und sinnvoll moderiere. Am Abend hilft mir das Velofahren, das Geschehene an diesem Arbeitstag hinter mir zu lassen, vielleicht auch manche Wut und Enttäuschung durch mehr Pedalkraft abzuarbeiten. Da ich meistens allein unterwegs bin, ist das eine Zeit, ganz bei mir zu sein – und dadurch vielleicht auch bei Gott.

Einmal im Jahr organisiere und leite ich die Velowallfahrt von Zürich nach Einsiedeln. Um die zehn Velofahrerinnen und Velofahrer machen sich gemeinsam auf den Weg, der nur stellenweise anstrengend ist. Oft genug bleibt die Möglichkeit, nebeneinander herzufahren und miteinander zu reden. In Schönenberg machen wir bei der reformierten Kirche eine grössere Pause, zu der eine Besinnung, ein Lied und ein Gebet gehören: Wir stimmen uns ein auf den Gottesdienst in der Wallfahrtskirche, den wir mit Menschen feiern werden, die zu Fuss oder per ÖV gekommen sind. Dieses «Miteinander-auf-dem-Weg-Sein» löst ein beglückendes Gefühl aus – erst recht, wenn wir gemeinsam das Ziel erreicht haben.

Für mich als «spirituellen Velofahrer» hat das mit Gott zu tun: Er ist mit mir unterwegs, auch auf dem Fahrrad. Er kann mich zur Besinnung bringen, er kann mich mahnen, vorausschauend und rücksichtsvoll zu fahren, gerade im gefährlichen Stadtverkehr. Er hat «spirituelle Sprinter» zwar auch lieb, die geschwind anrauschen, wenn sie einmal etwas brauchen. Aber mit den «Dauerhaften» und «Beständigen» kommt er leichter ins Gespräch. Beim Beten velofahren scheint unangebracht – beim Velofahren beten darf aber jeder und jede.

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort, Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus