Ordensleute & Abenteuer

Von der «Steinzeit» in die Ausbeutung

Papua-Neuguinea hat in den letzten 50 Jahren einen rasanten Wandel erlebt. Die Baldegger Schwestern Gaudentia Meier (79) und Lukas Süess (78) haben diese 50 Jahre dort gelebt.

Papua-Neuguinea, der Inselstaat im Pazifik, war noch Kolonie von Australien, als die beiden Frauen im Oktober 1969 die Küste erreichten. «Es war wie Steinzeit, im Hochland der Insel waren die Menschen noch mit keiner Entwicklung in Berührung gekommen», erinnert sich Schwester Gaudentia. Die bald 80-Jährige kann als Pionierin des dortigen Gesundheitswesens gelten: am 1. Februar 1970 hat sie als erste Hebamme eine Frau bei der Geburt unterstützt. «Nachdem alles gut gegangen war, hat sich das sofort herumgesprochen. Ab dem Zeitpunkt hatte ich die Frauen hinter mir.» 

Schwester Lukas hingegen setzte sich als Katechetin für die Alphabetisierung und Schulbildung von Erwachsenen ein. «Lesen, Schreiben, Rechnen, Hygiene und Haushaltsführung, das war so neu für diese Menschen. Sie kamen vom Nichts», sagt sie, die die ersten zehn Jahre auf Neuguinea selbst in einem Buschhaus gelebt hat. Auf den Fotos, die die Schwestern aus jenen Anfangsjahren aufbewahrt haben, sind niedrige Mattenhäuser mit Dächern aus Palmblättern zu sehen, nackte Frauen in Baströcken, Männer mit Lendenschurz und buntem Kopfschmuck. «Als ich die Menschen so das erste Mal sah, wirkte das ganz natürlich auf mich. Die braune Hautfarbe ist wie ein Kleid für die Frauen. Erst heute wirkt es anders», sagt Schwester Lukas.

Jene erste Zeit, die für die Schwestern bis in die 80er-Jahre ging, ist ihnen in guter Erinnerung. Die Menschen hätten offen mit ihnen zusammengearbeitet. Strassen gab es keine. «Um unsere Aufgaben im Busch zu vollbringen, gingen wir stundenlang über Stock und Stein zu Fuss und schliefen auch dort», erinnern sie sich. Für wichtige Anliegen und Transporte besass die Diözese eine Cessna, ein einmotoriges Flugzeug, das über Funk aufgeboten werden konnte. 

Seither habe das Land zwei Epochen erlebt: die Unabhängigkeit von 1975, die den Aufbau von Spitälern, Schulen und Strassen mit sich brachte; andererseits die Förderung von Erdöl und Bodenschätzen. «Die neuen Politiker waren den Anforderungen nicht gewachsen», ist für die Schwestern klar. Amerikanische Konzerne seien gekommen und mit ihnen Kapitalismus, Drogenkonsum, digitale Vernetzungen, alte Stammesfehden und Krieg um Geld und Macht. Als wäre das Land von der Steinzeit in die Ausbeutung geschlittert. 

Die Strassen, die in der Zwischenzeit gebaut wurden, seien heute wieder am Verfallen und manches andere, was Menschen wie Gaudentia Meier und Lukas Süess aufgebaut haben. «Ich höre, dass sie auf den Krankenpflegestationen keine Schmerzmittel mehr haben. Unlängst wurde eine Frau nach einer Geburt ohne Lokalanästhesie genäht», erzählt Gaudentia Meier und Lukas Süess sagt weiter: «Kein Geld fliesst mehr über das Erziehungsdepartement, es gibt keine neuen Schulbücher, keine neuen Pulte.»

Beide Frauen mussten vor kriegerischen Auseinandersetzungen fliehen, mussten sehen, wie Menschen gefoltert oder getötet wurden. Tatsächlich werden auf Papua-Neuguinea gegenwärtig wieder vermehrt Menschen als Hexen verfolgt, denen die Schuld am unerwarteten Tod eines Sippen- oder Dorfmitglieds gegeben wird. «Wenn wir hörten, jemand ist verstorben, gingen wir schnell hin und haben die Todesursache medizinisch aufgeklärt», sagt Schwester Gaudentia. «Sonst geht es schnell, dass jemand im Dorf als Hexe und damit als Schuldige hingestellt wird.» Sie hat einigen das Leben gerettet, die sonst bei lebendigem Leib verbrannt worden wären. Und das im Jahr 2017.

Ruhig und gleichmütig können Gaudentia Meier und Lukas Süess von ihrer Mission erzählen, zu der es gehört, immer wieder neu anzufangen. «Für die Menschen leben, mit ihnen gehen in Freud und Leid», fasst Lukas Süess zusammen. Genau das möchten sie nun in Hertenstein tun: «die Menschenfreundlichkeit von Christus ausstrahlen».


Drei Fragen an Sr. Lukas Süess

Aufbruch:Wer waren Sie damals, als Sie aufgebrochen sind?
«Da war ich 29, voller Energie und Freude für einen Einsatz. In die Mission wollte ich schon als Kind. Die Menschen haben mich eingeladen, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden zu sein, wie Simeon in der Bibel sagt.»

Initiation: Wer ist aus Ihnen geworden durch die Zeit in der Mission?
«Ich wurde realistisch. Ich habe probiert, mich anzupassen, habe viel gelernt in der anderen Kultur. Ich durfte spüren, dass ich akzeptiert bin und die Leute mich gernhaben.»

Rückkehr: Wer sind Sie heute, mit Ihren Erfahrungen im Gepäck?
«Jetzt ist eine neue Anpassung notwendig. Die Leute in Papua-Neuguinea vermisse ich sehr. Ihre Lebensweise, ihre Freundschaft und Gelassenheit haben mich geprägt. Im Januar 2018 begleitete ich Sr. Gaudentia, die krankheitshalber in die Schweiz musste. Wir sind zusammen aufgebrochen, nun sind wir zusammen zurückgekehrt.»


Drei Fragen an Sr. Gaudentia Meier

Aufbruch:Wer waren Sie damals, als Sie aufgebrochen sind?
«Auch ich war voller Energie und Erwartungen. Aber ich war eher etwas zurückhaltend.»

Initiation: Wer ist aus Ihnen geworden durch die Zeit in der Mission?
«Ich konnte mich entfalten. Ich habe das Gesundheitssystem der Diözese Mendi aufgebaut und die Krankenschwesternschule, dann das Aids-Programm und zuletzt war ich im Einsatz gegen die Hexenverfolgungen.»

Rückkehr: Wer sind Sie heute, mit Ihren Erfahrungen im Gepäck?
«Zuerst war ich krank und musste mich erholen. Ich muss mir selber sagen: Es ist so. Auch hier in Hertenstein kann ich mich einbringen. Gott hat mir nun ein anderes Leben gegeben. Die Kontakte mit Papua-Neuguinea sind mir wichtig.»


Text: Veronika Jehle

Angebot laufend

Sr. Lukas Süess

1940: Geburt in Gunzwil (LU)
1958 – 1961: Arbeitslehrerinnenseminar in Baldegg (LU)
1961: Eintritt ins Kloster Baldegg (LU)
1965 – 1968: Katechetisches Institut Luzern
1968 – 1969: Missionskurs für Englisch in London (UK)
1969: Ausreise nach Papua-Neuguinea
1969 – 1972: Aufbau einer Primarschule in Det-Mendi
1972 – 1978: Frauenarbeit und Pfarreiarbeit
1979 – 1981: Lehrerin am Katechetischen Zentrum in Erave
1981 – 1996: Pfarreileitung verschiedener Gemeinden
1996 – 2016: Leitung des Diocesan Pastoral Centre DPC in Mendi
2016 – 2018: Bearbeitung katechetischer Lernbücher, Spitalseelsorge im Provinz- Spital Mendi
2018: Rückkehr in die Schweiz

Angebot laufend

Sr. Gaudentia Meier

1939: Geburt in Waltenschwil (AG)
1958 – 1961: Krankenschwesternschule in Sursee (LU)
1961: Eintritt ins Kloster Baldegg (LU)
1965 – 1966: Hebammenschule
1966 – 1968: Missionskurs für Englisch in London (UK)
1969: Ausreise nach Papua-Neuguinea
ab 1970: Aufbau von Krankenstationen; Einsatz als Hebamme in Mendi
ab 1974: Aufbau einer Pflegerinnenschule in Det-Mendi 
ab 1994: Aufklärung und Medizin für HIV-Betroffene
ab 2012: Einsatz gegen Hexenverfolgung
2018: Rückkehr in die Schweiz