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Das Geheimnis der Transparenz

Vor bald zehn Jahren – am 18. Oktober 2009 – wurden im Grossmünster die Glasfenster von Sigmar Polke eingeweiht. Wir haben damals – im Mai 2009 – die Werkstatt besucht, in der diese Fenster hergestellt wurden.

Versteckt zwischen Wohnhäusern liegt an der Freyastrasse im Zürcher Kreis 4 seit über einem Jahrhundert die Glasfirma Mäder AG. Im alten Fabrikgebäude aus sandrotem Backstein werden neben Restaurationen alter Wappenscheiben oder Jugendstilfenstern moderne Glasarbeiten für den Innenausbau ausgeführt – und als Höhepunkte auch Kirchenfenster, zurzeit jene für das Grossmünster.

«Die Fenster von Sigmar Polke sind unsere Kür» erklärt Urs Rickenbach im Atelier im zweiten Stock. Der Leiter der künstlerischen Abteilung und der Glasmalerwerkstatt ist stolz auf den prestigeträchtigen Auftrag, für einen renommierten Künstler und die Hauptkirche der Stadt zu arbeiten.
Seit der 68-jährige Deutsche Sigmar Polke vor drei Jahren als Sieger aus einem Wettbewerb hervorging, den die Kirchgemeinde 2005 ausgeschrieben hatte, dreht sich für den Glasmaler und sein Team von vier Fachleuten und einer Lehrtochter alles um die sachgerechte Umsetzung der anspruchsvollen künstlerischen Entwürfe. Ein Auftrag, der begeistere, aber auch fordere: «Polke verlangt perfektes Beherrschen authentischer, altüberlieferter Techniken, zugleich aber auch Experimentierfreudigkeit und Offenheit gegenüber innovativen Ideen.» Als hilfreich erweise sich in der Ausführung der Umstand, dass der Künstler mit der Glasmalerei vertraut sei: Seine Karriere habe er vor gut 50 Jahren mit einer Glasmalerlehre begonnen.

Von abstrakt bis figurativ
An den Wänden und auf den Tischen ist an diesem Frühlingstag schon eine Vielfalt an abstrakten und figurativen, in Halbedelsteinen oder in buntem Glas gefertigten Bildern zu sehen, die in Kürze in den ebenerdigen Fensterbögen des Grossmünsters leuchten sollen: fertige Achat-Schnitt-Scheiben für den hinteren Teil des Kirchenschiffes sowie Teile des Menschensohn- und des Elija-Fensters, die zusammen mit David, Isaak und dem Sündenbock den vorderen Teil der romanischen Kirche schmücken werden. Letztere liegen zurzeit noch als Grossdrucke leger über einem Stuhl.
Mit der thematischen Anordnung seiner Fenster habe Polke eine Zeitachse vom Westen zum Osten, vom Dunklen ins Helle gelegt, erklärt Urs Rickenbach, der sich in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler auch mit dem theologischen Inhalt der Arbeit auseinandersetzen musste. «Polkes Bildprogramm lässt sich als Präfiguration Christi lesen, die vom geologischen Zeitalter, erstarrt in den Achaten, über die Figuren des Alten Testaments hin zur Geburt Christi führt, welche Thema der Chorfenster von Augusto Giacometti aus dem Jahr 1933 ist.
Während sich die Achatfenster an mittelalterliche Beispiele anlehnten, seien die figurativen Darstellungen Zitate romanischer Buchkunst, jener Zeit also, in dem das Grossmünster gebaut wurde. Durch die anschliessende Bearbeitung und Verfremdung am Computer seien die Motive in unsere Zeit transformiert worden und wiesen nun durch ihre Umsetzung in traditionellen Techniken wieder in die Vergangenheit zurück.

Tradition und Innovation
«Jedes Fenster folgt einem eigenen thematischen und künstlerischen Programm. Dafür die jeweils adäquate Materialisierung zu finden, darin liegt die besondere Herausforderung am Projekt von Sigmar Polke», sagt Urs Rickenbach. Dies zeigt sich auch in den unterschiedlichen Techniken, die zur Anwendung kommen und von der Schwarzlotmalerei, welche schon vor 1000 Jahren von Glasmalern beherrscht wurde, über eine Kombination von Senkbrandverfahren mit Sandstrahl-Bearbeitungen und den bleiverglasten Achat- und Turmalinschnitten aus dem Mittelalter bis zu den aufwendigsten Ofentechniken führt, bei der verschiedene Glasschichten miteinander verschmolzen werden, um neue Effekte zu erzielen. Diese, heute Glasfusing genannte Technik, wurde in Ansätzen schon vor 4000 Jahren von den Ägyptern praktiziert. 

«Wir müssen als Glasfachleute unser Material, das wir zu kennen glaubten, nochmals neu entdecken», schmunzelt Urs Rickenbach. Dies bedingt sowohl den Einsatz alter, heute kaum noch gebrauchter Werkzeuge wie Gänsefedern, Schweinsborstenpinsel oder Dachshaarvertreiber als auch das Suchen nach neuen Instrumenten, wie dem Diamantwerkzeug mit speziellem Kühlungssystem für das Schneiden der äusserst zähen Achate.
«Ich bin Sigmar Polke dankbar, dass er uns zu Wagnis und Experiment heraus-fordert», erklärt Urs Rickenbach, der die enge, respektvolle Zusammenarbeit mit dem Künstler schätzt. «Sigmar Polke ist ein bescheidener, ruhiger, umgänglicher Mann mit kollegialem Umgangston, ohne jegliche Allüren. Bei den gegenseitigen Besuchen fanden wir schnell einen guten Draht zu einander, und inzwischen fühlt es sich an, als ob wir schon immer miteinander gearbeitet hätten. Jeder kann auf seinem Fachgebiet seine Wünsche und Stärken einbringen: Polke als Künstler, ich als Kunsthandwerker.»

Bis zu vier Monaten dauert die Produktion eines Fensters. Welches gefällt dem Glasmaler denn am besten? «Jeweils das, an dem ich gerade arbeite», sagt Urs Rickenbach spontan.    

Dieser Beitrag erschien erstmals in forum 22/2009.

Text: Pia Stadler