Jesuit Volunteers

Engagiert in der Ferne

Wie lebt es sich als «Jesuit-Volunteer» im Auslandeinsatz? Louisa Schachtschneider und Leo Seubold erzählen von ihren Erfahrungen in Bulgarien und Mexiko.

Louisa Schachtschneider

Seit Oktober letzten Jahres arbeiten Sie im Sozialzentrum «Sveti Konstantin» in Sofia, Bulgarien. Wie geht es Ihnen in Ihrem Freiwilligen-Einsatz?
Sehr gut! Nach anfänglicher Unsicherheit habe ich mittlerweile die Stadt und die sozialen Projekte gut kennengelernt und fühle mich hier wohl.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ein gewöhnlicher Tag startet bei mir mit einem gemeinsamen Frühstück mit den obdachlosen jungen Erwachsenen, die in der Notschlafstelle des Sozialzentrums übernachten. Meine freie Zeit am Morgen nutze ich, um Bulgarisch zu lernen.
Am späten Vormittag beginnt dann mein Arbeitstag. Ich arbeite in zwei verschiedenen Projekten der Organisation: Zwei Tage in der Woche verbringe ich in einem Tageszentrum, in dem Kinder und Jugendliche, die der Volksgruppe der Roma angehören, nach der Schule den Nachmittag verbringen. Die restlichen drei Tage arbeite ich in einem Familienhaus, das zehn Kindern und Jugendlichen, die nicht mehr bei ihren Familien leben können, ein Zuhause bietet. In den Projekten esse ich mit den Kindern zu Mittag und gestalte dann verschiedene Freizeitaktivitäten für sie.
Nach der Arbeit gehe ich zum Tanzkurs, treffe Freundinnen und Freunde in Bars oder Restaurants oder esse mit den jungen Erwachsenen zu Abend.

Was hat Sie am meisten überrascht?
Ich bin sehr positiv von der Gastfreundschaft und der Offenheit der Bulgarinnen und Bulgaren überrascht. Sie sind sehr interessiert an mir und meiner Arbeit in ihrem Land. An Weihnachten war ich bei der Familie meiner Mentorin eingeladen und meine bulgarischen Freundinnen und Freunde zeigen mir gerne ihr Land und ihre Kultur.

Gibt es auch Enttäuschungen?
Es gibt nichts, was mich wirklich enttäuscht hat. Das liegt vielleicht daran, dass ich mit keinen festen Erwartungen hierhergekommen bin und alles offen auf mich zukommen lasse. Ein wenig bin ich vom Winter enttäuscht, denn den hatte ich mir kälter und schneereicher vorgestellt.

Welches sind die Highlights Ihres Einsatzes?
Zu Beginn meines Einsatzes feierte die Organisation in der österreichischen Botschaft ihr zehnjähriges Bestehen in Bulgarien. Dass ich zu diesen Feierlichkeiten eingeladen war, obwohl ich erst wenige Wochen Teil der Organisation war, hat mich sehr gefreut.
Ein weiteres Highlight war eine Wanderung mit meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen auf den mit Schnee bedeckten Berg Murgash, den wir vom Sozialzentrum aus sehen können. Es war sehr erholsam, aus der Stadt herauszukommen und die frische Luft und die Stille in den Bergen zu geniessen.

Und die Schwierigkeiten?
Die wohl grösste Schwierigkeit ist die Kommunikation. Natürlich sprechen einige meiner Kolleginnen und Kollegen Englisch und wenige sogar Deutsch. Aber um die Kinder kennenzulernen oder ihnen Spiele zu erklären und auch um mit meinen Kolleginnen und Kollegen Absprachen zu halten, bin ich auf meine Bulgarisch-Kenntnisse angewiesen. Mit Herausforderungen wächst man natürlich auch und so konnte ich mittlerweile ein paar erfolgreiche Gespräche auf Bulgarisch führen.

Was erwarten Sie von der zweiten Hälfte Ihres Einsatzes?
Dass sich meine Bulgarisch-Kenntnisse verbessern und ich dadurch noch erfolgreicher mit den Kindern zusammenarbeiten kann. Ausserdem freue ich mich, Bulgarien noch besser kennenzulernen.

louisofia.blogspot.com


Leo Seubold

Seit September letzten Jahres arbeiten Sie in der «Ciudad de los Niños», einer sozialen Bildungseinrichtung für Kinder in Armut, Schutzlosigkeit oder Verlassenheit. Wie geht es Ihnen in Ihrem Freiwilligen-Einsatz in Guadalajara, Mexiko?
Es geht mir sehr gut, ich fühle mich aufgehoben und wohl in meiner Einsatzstelle.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Mein Aufgabenbereich in der «Ciudad de los Niños» konzentriert sich hauptsächlich auf den Sportunterricht der Kinder, welcher früh um 9 und nachmittags um 17 Uhr stattfindet. Dazwischen helfe ich in der hauseigenen Grundschule und verteile z. B. das Essen in der Pause, beaufsichtige die Kinder, während sie die Toiletten reinigen, spiele mit ihnen Fussball in der Pause etc. Alles in allem ist mein Alltag weitestgehend mit meiner Arbeit hier gefüllt, weshalb ich immer gut beschäftigt bin.

Was hat Sie am meisten überrascht?
Ich hatte nie wirklich eine Vorstellung vom Leben der Mönche und war dementsprechend etwas unsicher, als mir mitgeteilt wurde, dass ich in einer Kommunität der Jesuiten wohne würde. Ich war allerdings sehr überrascht darüber, wie «normal» das Leben der Jesuiten ist und wie eng es mit jenem der übrigen Bevölkerung verbunden ist. Ich fühle mich in der Kommunität sehr wohl und willkommen.

Gibt es auch Enttäuschungen?
Das Team von «Jesuit-Volunteers» hat uns sehr gut auf das Jahr vorbereitet und somit vielen Enttäuschungen vorgebeugt. Natürlich ist das Leben hier nicht jeden Tag ein Abenteuer – manchmal habe ich auch Tiefpunkte oder Langeweile. Aber ich würde nicht sagen, dass mich das enttäuscht, da ich dank der Vorbereitung wusste, dass ich damit rechnen muss. Solche Momente gehören genauso zum Freiwilligendienst wie alles Schöne und geben uns Freiwilligen die Möglichkeit, als Person zu wachsen.

Welches sind die Highlights Ihres Einsatzes?
Meine persönlichen Highlights sind besondere, aber oft einfache Momente mit den Kindern. Das kann ein bewegendes Gespräch, eine Umarmung oder ein Lächeln sein, manchmal beobachte ich sie auch einfach nur beim Spielen. Auch wenn diese Jungs oft kompliziert sind und mich ab und zu an den Rand der Verzweiflung treiben, macht sich in genau solchen Momenten ihre Menschlichkeit bemerkbar – es gibt nichts Schöneres als die Gewissheit, dass sie hier endlich Kind sein dürfen.

Und die Schwierigkeiten?
Was mir oft Schwierigkeiten bereitet, ist, für die Kinder die richtige Mischung aus Autoritäts- und Vertrauensperson zu sein. Zu Beginn waren fast alle Jungs sehr offen und kamen von selbst auf mich zu, um mich kennenzulernen. Nach und nach hat sich dieses Kennenlernen allerdings zu einem Austesten meiner Limits entwickelt. Gerade in dieser Zeit war es sehr wichtig, diese Grenzen klar zu setzen und den Kindern verständlich zu machen. Einerseits bewahrte ich mir damit meine Autorität und andererseits fühlten sich die Kinder in meiner Gegenwart sicherer, da sie wussten, wie weit sie gehen konnten. Das hört sich zwar theoretisch recht einfach an, aber in der Praxis hat es mir viele Dilemmas bereitet. Inzwischen haben sich die Kinder jedoch an mich gewöhnt und der Umgang mit ihnen ist viel einfacher geworden.

Was erwarten Sie von der zweiten Hälfte Ihres Einsatzes?
Ich merke momentan, dass ich stark in die Strukturen der Institution hineingewachsen bin und immer mehr Teil von ihr werde. Deshalb erhoffe ich mir, dass die Kinder noch mehr Vertrauen fassen und ich meine Arbeit mit ihnen so noch konstruktiver gestalten kann.

einjahrinmexico.wordpress.com

www.ciudadninos.edu.mx

Text: Pia Stadler

Angebot laufend

Vor dem Einsatz

Mitte 2018 haben Louisa Schachtschneider und Leo Seubold in Vorbereitung für ihr einjähriges Engagement als «Jesuit-Volunteers» mit dem forum über ihre Motivation und ihre Hoffnungen gesprochen. (forum 15/2018) Heute berichten sie von ihren Erfahrungen aus ihrem Einsatz.